Wie eine deutsche Ritterburg nach Afrika kam | Geschichte | DW | 02.10.2013
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Geschichte

Wie eine deutsche Ritterburg nach Afrika kam

Kurz nach dem Völkermord an den Herero, baute ein deutscher Offizier mitten in Namibia eine Ritterburg. Und schuf eines der bizarrsten Zeugnisse deutscher Kolonialgeschichte, das noch heute besichtigt werden kann.

Hiobsbotschaften aus Afrika erreichten das Deutsche Reich Anfang 1904. Ein Aufstand erschütterte die Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Krieger vom Stamm der Herero überfielen deutsche Bauernhöfe und Siedlungen. Mehr als einhundert Tote wurden gezählt. Es kam noch schlimmer, die rund 2.000 Mann starke deutsche Schutztruppe war den Aufständischen hoffnungslos unterlegen und erlitt einige demütigende Niederlagen. In aller Eile entsandten die Deutschen Truppen, um den Aufstand in der Kolonie niederzuschlagen. Unter ihnen: Ein junger sächsischer Adeliger, Hauptmann Hansheinrich von Wolf. Er meldete sich freiwillig, getrieben vom Traum nach einem großen Abenteuer im fernen Afrika.

Ein deutscher Völkermord

Bis Wolf allerdings in Afrika ankam, war der Herero-Krieg fast vorbei. Und die Deutschen hatten ein entsetzliches Verbrechen begangen: Völkermord. Der deutsche General Lothar von Trotha, dem die Bekämpfung des Aufstands übertragen worden war, hatte die Herero im August 1904 am Waterberg umzingelt. Unerbittlich und ohne jede Gnade führte von Trotha die Schlacht: Sein Ziel war es die Herero zu vernichten, Männer, Frauen, Kinder. Tausende Herero waren vor der Schlacht in die Wüste geflohen, nun wurden Flüchtlinge erschossen, die Deutschen besetzten die Wasserstellen und die Wege aus der Wüste, um die Herero jämmerlich verhungern und verdursten zu lassen.

Deutsche Soldaten präsentieren gefangene Herero auf einer Postkarte (Copyright: Bundesarchiv)

Deutsche Soldaten "präsentieren" gefangene Herero auf einer Postkarte

Ein grausamer „Erfolg“ der Deutschen: Bis zu zwei Drittel der etwa 80.000 Herero sollen Trothas Vernichtungsfeldzug zum Opfer gefallen sein. Der Grund ihres Aufstandes: Die Deutschen hatten sie vom knappen fruchtbaren Land entfernt, ein Apartheid-Regime errichtet und diskriminierten die Herero in jeder Beziehung. Trothas Herrschaft war gnadenlos, im Oktober 1904 ließ er folgendes bekannt machen: "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen". Überlebende wurden in Konzentrationslager gesperrt.

Ein Schloss in Afrika

Aus Empörung über die deutsche Grausamkeit erhob sich auch der Stamm der Nama, der eigentlich mit den Deutschen verbündet war. Gegen sie führte der sächsische Hauptmann Hansheinrich von Wolf nun sein erstes großes Kommando im Krieg – und zog den Kürzeren. Bald kehrte von Wolf zur Erholung nach Deutschland zurück. Und verliebte sich in eine Amerikanerin, Jayta Humphreys, die neben einer ausgeprägten Abenteuerlust auch noch ein großes Vermögen ihr Eigen nannte. Bald machte sich das Ehepaar, sie hatten geheiratet, auf nach Deutsch-Südwestafrika, in dem nun nach der grausamen Niederschlagung der Herero und Nama Friedhofsruhe herrschte. Ausgerechnet an diesem Ort, an dem Deutsche so viel Schuld auf sich geladen hatten, wollte sich das junge Paar einen Traum erfüllen: Ein Pferdegestüt aufbauen.

Lothar von Trotha / Foto um 1906 (Foto: picture-alliance/akg)

General Lothar von Trotha führte den Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama

Dazu erwarb Wolf zwei Farmen, eine mit dem Namen Schwarzbach, die andere hieß Duwisib. Irgendwann überkam das deutsch-amerikanische Ehepaar eine Vision. Ein Schloss sollte hier entstehen – mitten in der afrikanischen Savanne.

Bald war auch der richtige Mann für diese Aufgabe gefunden, der deutsche Architekt Wilhelm Sander. Wolf und Sander hatten sich viel vorgenommen, schließlich lag Duwisib weit vom Meer entfernt, rund 300 Kilometer. Und das Ehepaar Wolf griff tief in die Tasche. Die Handwerker für den Prachtbau wurden aus Europa heran geschafft, aus Italien, Irland und Skandinavien. Auch die Baumaterialien, bis auf den Sandstein, stammten aus Europa. Schloss Duwisib lautete der Name der Burg, ausgestattet mit allem was eine Ritterburg braucht: Wehrtürme und Zinnen. Überlebende Herero stellten die Wolfs als Helfer ein. Nach der Vernichtungsorgie Trothas glaubten sie jeden Widerstandswillen bei den Herero erloschen.

Für alle Fälle gerüstet

Doch für den Fall der Fälle sorgte der Architekt vor, die Türen des Schlosses wählte er dick, die Fenster klein, um mögliche Angreifer fernhalten zu können. Fehlte nur noch die Einrichtung, die das Ehepaar Wolf in Europa zusammenkaufte und passend zu einem deutschen Schloss zusammenstellte: Ölgemälde, Tische, Leuchter, Truhen. Dazu edle Delikatessen wie Champagner und Kaviar. Sogar eine katholische Kirche wollte Wolf errichten lassen, um die Hereros zu "erziehen". Während die Wolfs seit der Fertigstellung ihres Schlosses 1909 das gute Leben genossen und ihre Pferde züchteten, lebten die Herero und Nama – denen das Land eigentlich gehörte – in bitterer Armut.

Eine Gedenktafel für die Opfer des deutschen Völkermordes in Namibia von 1904 bis 1908 betrachtet Israel Kaunatjike, Angehöriger des Herero-Volkes, am Mittwoch (11.08.2004) auf dem Garnisonsfriedhof in Berlin. (Foto:Stephanie Pilick dpa/lbn)

Heute steht in Berlin eine Gedenktafel für die Opfer des deutschen Völkermordes in Namibia

Doch lange sollten die Wolfs ihr koloniales "Glück" nicht genießen können. Im August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus, Hansheinrich von Wolf erreichte nach einer langen Odyssee Deutschland, wo er ins Feld einrückte. 1916 fiel er in Frankreich. Seine Frau sollte nie wieder nach Schloss Duwisib zurückkehren. "Ach, wissen Sie, das war doch ein sehr interessantes Experiment!", soll sie über ihre Zeit in der deutschen Kolonie gesagt haben – und über das wunderliche Projekt, eine deutsche Ritterburg nach Afrika zu verpflanzen. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Verwaltung der ehemaligen deutschen Kolonie an Südafrika übertragen. Das System der rassentrennenden und diskriminierenden Apartheid von Südafrika später auch auf Namibia übertragen. Erst nach jahrzehntelangem Guerillakrieg erlangte Namibia 1990 die Unabhängigkeit. Heute gehört Schloss Duwisib dem Staat Namibia und darf besichtigt werden – als eines der merkwürdigsten Bauzeugnisse der Kolonialgeschichte.

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