Wie Donald Trump mit Sprache seine Anhänger manipuliert | Kultur | DW | 14.01.2021
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Sprachwissenschaft

Wie Donald Trump mit Sprache seine Anhänger manipuliert

Einfache Sätze, eingängige Botschaften: Donald Trumps Rhetorik kommt bei seinen Anhängern an. Kann sein Nachfolger Joe Biden die gespaltene Nation einen?

Donald Trump spricht ins Mirkofon

Donald Trump versteht es, die Massen aufzupeitschen

Wenn Donald Trump etwas zu sagen hat, werden seine Worte gehört - auf der ganzen Welt. In seiner vierjährigen Amtszeit hat der republikanische Präsident Worte als politische Waffen genutzt, insbesondere auf Twitter: Er nannte seine Kritiker "Loser" und "Hater", die Medien waren nicht einmal "mainstream", sondern direkt "lamestream" (und "Fake News"), ehemalige Mitarbeiter wie den Außenminister Rex Tillerson nannte er auf Twitter "faul" und "dumm wie Bohnenstroh". Sich selbst lobte er stets wegen seines hohen IQs, seine Gegenspieler beleidigte er, seine Anhänger stachelte er auf, indem er nach der verlorenen Wahl in einer Endlosschleife behauptete, sie sei "gestohlen" worden. Immer wieder schrieb er in Großbuchstaben: "ICH HABE DIESE WAHL GEWONNEN!"

Schon die Sprache des Donald Trump zeigt, wie einfach seine Weltsicht ist: Er und seine Anhänger sind die Guten, alle anderen sind die Bösen. Wie bei jedem Populisten entscheidet Donald Trump, wer zum Volk gehört: nämlich alle, die für ihn sind. Elite sind hingegen alle, die gegen ihn sind, und die wollen dem Volk nur Böses.

Trump als sprachlicher Brandstifter

Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass Donald Trump seine Anhänger bei einer Kundgebung am 6. Januar 2021 aufforderte, zum nahegelegenen Kapitol zu marschieren. Dort waren die Mitglieder des Senats im Begriff, den Wahlsieg von Donald Trumps Gegenspieler, dem zukünftigen US-Präsidenten Joe Biden, zu bestätigen. Laut Donald Trump waren das die Eliten, die dem Volk die Wahl stahlen.

Bérengère Viennot

Bérengère Viennot hat sich ausführlich mit den sprachlichen Eigenheiten des scheidenden US-Präsidenten beschäftigt

"Bei dieser Kundgebung war es zum ersten Mal so, dass seine Worte, sein Aufruf zur Gewalt, nicht durch das Fernsehen oder Social Media gefiltert war, sondern direkt zu seinen Anhängern gelangte", so Bérengère Viennot, Übersetzerin und Dozentin in Paris, die zuletzt das Buch "Die Sprache des Donald Trump" verfasste. "Durch seine Kommunikation in den letzten vier Jahren hat Donald Trump seine Anhänger auf genau so einen Moment vorbereitet. Durch seinen Sprachgebrauch war es vorherzusehen, dass seine Anhänger gewalttätig werden würden."

Angriff auf das Herz der Demokratie

Donald Trumps Anhänger nahmen ihn am 6. Januar 2021 beim Wort; sie marschierten zum Kapitol und stürmten das Gebäude. Der weiße Bau ist der Sitzungsort des US-amerikanischen Parlaments, für die amerikanische Bürgerinnen und Bürger ist dieses Gebäude das Herz ihrer Demokratie. Als Stephen Colbert, Moderator einer beliebten Comedy-Late-Night-Show des Senders CBS in New York, die Vorfälle im Kapitol am Tag darauf kommentierte, machte er ausnahmsweise keine Witze: Stattdessen erzählte er, dass ihm Familienmitglieder an diesem Tag ein Foto des Kapitols geschickt hätten - mit der Nachricht: "Wir sind nur vorbeigegangen, um sicherzugehen, dass es ihm gut geht." Es geht ihm gut, die Randalierer sind abgezogen.

Buchcover Bérengère Viennot Die Sprache des Donald Trump

"Die Sprache des Donald Trump" erschien auf Französisch

Donald Trumps Anhänger konnten den Senat nicht davon abhalten, den Wahlsieg Joe Bidens zu bestätigen. Er wird am Tag seiner Amtseinführung, dem 20. Januar 2021, der 46. Präsident der Vereinigten Staaten werden: Die Gesellschaft in den Vereinigten Staaten blickt nun in die Zukunft.

Joe Biden gibt sich versöhnlich

Wenn der zukünftige Präsident Biden einen Tweet absetzt, nutzt er ganz andere Worte als sein Vorgänger. Zehn Tage vor seiner Amtseinführung veröffentlichte er folgende Nachricht auf Twitter: "In zehn Tagen werden wir in die Zukunft gehen und unser Land wieder aufbauen - gemeinsam." Seine Sprache ist versöhnlich. Mit "wir" bezieht er sich auf alle amerikanischen Bürgerinnen und Bürger. Er benutzt nie Ausrufezeichen oder schreibt alle Wörter seiner Tweets in Großbuchstaben. "Joe Biden muss in dieser Krise solche Sprache nutzen", sagt Bérengère Viennot. "Es wird von ihm erwartet, gerade von jenen Bürgern, die keine Extremisten sind." Aber können Worte auch heilen, nicht nur entzweien?

"In vielerlei Hinsicht ist Joe Bidens Sprachgebrauch blass", fährt Bérengère Viennot fort. "Auf Französisch gibt es dafür den Begriff 'hölzerne Sprache', wenn Politiker so viele Menschen wie möglich erreichen wollen, ohne Inhalte zu transportieren. Das wünschen sich moderate Bürger in den USA: eine neutrale Sprache, die niemandem wehtut."

"Rassismus ist ein Teil Amerikas"

Allerdings verwendet auch Joe Biden nicht nur neutrale Sprache. In einem Tweet äußerte er zum Beispiel, er würde sich als Präsident auf Frauen und People of Colour konzentrieren. Sprachlich war das weder emotionalisierend noch populistisch, keine Ausrufezeichen, kein wir gegen die. Trotzdem sieht Bérengère Viennot ihn inhaltlich kritisch: "Ein Teil der amerikanischen Bürger sind Rassisten, und dieser wird nicht verschwinden. Sie einfach zu ignorieren, wird nicht helfen. Aber vielleicht gibt es keine Sprache, die alle glücklich macht."

Bei allem Sprachgebrauch, der einigen soll, brauche es auch Taten, um die Demokratie der Vereinigten Staaten zu erhalten. Ob dies Joe Biden, seiner Regierung und der amerikanischen Gesellschaft gelingen wird, kann nur die Zukunft zeigen. Eines ist sicher: Die ganze Welt hört hin.

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