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Kuba: Versorgungsengpässe nehmen zu

Andreas Knobloch Havanna
12. April 2019

Angesichts der Krise in Venezuela und zunehmender Versorgungsengpässe wächst auf Kuba die Furcht vor harten Zeiten. Raúl Castro hat die Bevölkerung aufgerufen, sich auf "das Schlimmste" vorzubereiten. Aber wie?

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Kuba Havanna Versorgungslage schlecht
Leere Regale: Lebensmittelladen in HavannaBild: DW/A. Knobloch

Na, klar sei er besorgt, sagt Eduardo Fabra. Wie viele Kubaner hat der 57-jährige Tischler an diesem Mittwoch Raúl Castros Rede vor dem Parlament im Fernsehen gesehen. Eigentlich ging es um die Proklamation der neuen Verfassung. Aber der frühere Präsident und Noch-Parteivorsitzende rief die Bevölkerung auf, sich auf wirtschaftlich schwierige Zeiten einzustellen. Zwar würden Maßnahmen getroffen, um die Wirtschaft angesichts der zahlreichen "neuen Hindernisse, die uns die Verschärfung der Blockade auferlegt" zu wappnen, so Castro. Aber er fügte hinzu: "Wir müssen uns bewusst sein, dass wir mit zusätzlichen Problemen konfrontiert sind und dass sich die Situation in den kommenden Monaten verschlimmern könnte." 

Kuba Havanna Tischler
Besorgt: Eduardo Fabra, Tischler aus HavannaBild: DW/A. Knobloch

Auf die Warnung angesprochen, macht Fabra ein banges Gesicht. "Ich habe eine Familie, um die ich mich kümmern muss." Seine beiden erwachsenen Kindern studieren und wohnen noch zu Hause, seine Frau arbeitet halbtags. Die Situation gehe ihm nahe, sagt Fabra. "Jeden Tag musst du daran denken, wie du die Versorgungsprobleme löst."

Kein Mehl, keine Eier, kein Papier

Dass schwierige Zeiten anstehen, spüren die Kubaner nicht erst seit Castros Rede. In den vergangenen Wochen und Monaten kam es immer wieder zu Versorgungsengpässen – Mehl, Eier, Hühnerfleisch und zuletzt Speiseöl sind rar. Tauchen die Produkte doch in den Läden auf, sind sie schnell vergriffen. Pro Person würden derzeit nur zwei Liter Speiseöl verkauft, erzählt Fabra. Für einen Karton Eier, der im staatlichen Verkauf umgerechnet knapp einen Euro kostet, wird auf dem Schwarzmarkt das Drei- bis Vierfache verlangt. Verglichen mit den Einkommen seien die Preise sehr hoch. "Du wirst gezwungen, auf dem Schwarzmarkt einzukaufen und damit auch schwarz zu arbeiten."

Wirtschaftsminister Alejandro Gil Fernández begründete die Versorgungsengpässe bei Hühnereiern mit Problemen beim Import von Vogelfutter. Der Mangel an Speiseöl läge indessen an Schäden in einer Fertigungsanlage, die mittlerweile behoben seien. Anfang des Monats gab die Regierung bekannt, dass die Parteizeitung Granma und andere Blätter an einzelnen Tagen mit reduziertem Seitenumfang oder auch gar nicht erscheinen würden. Grund: Papiermangel. Es ist das erste Mal seit den als „Spezialperiode" bezeichneten Krisenjahren zu Beginn der 1990er Jahre, dass die Regierung zu einer solchen Maßnahme greift.

Kuba Havanna Tageszeitungen
Papiermangel trifft auch die ParteipresseBild: DW/A. Knobloch

"Es wird noch schlimmer"

Deshalb befürchten viele, dass die gravierenden Versorgungsprobleme wiederkehren könnten - samt Stromabschaltungen. Die Krise Anfang der neunziger Jahre, als mit dem Ende der Sowjetunion quasi über Nacht ein Großteil von Kubas Außenhandel wegbrach und das Land in eine tiefe Depression stürzte, ist tief im kollektiven Bewusstsein der Bevölkerung verankert. "Die jetzige Situation wird sich noch verschlimmern", glaubt Fabra mit Blick auf die geopolitische Großwetterlage

Die wirtschaftliche und politische Krise von Kubas engstem Verbündeten Venezuela macht sich nämlich zunehmend auch auf der Insel bemerkbar. Die Erdöllieferungen aus Caracas sind um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Experten zufolge müsste Kuba rund zwei Milliarden US-Dollar im Jahr zusätzlich aufbringen, um den Eigenbedarf zu decken, sollten die venezolanischen Öllieferungen komplett wegbrechen. Daran arbeiten Venezuelas selbsternannter Interimspräsident Juan Guaidó und seine Verbündeten in Washington.

Vergangene Woche verhängten die USA Sanktionen gegen Schifffahrtsunternehmen und Tanker, die Öl von Venezuela nach Kuba transportieren. Zuvor hatte Washington bereits eine bisher suspendierte Klausel des sogenannten Helms-Burton-Gesetzes aktiviert. Seitdem können kubanische Unternehmen, die nach der Revolution beschlagnahmten und verstaatlichten Besitz nutzen, vor US-Gerichten auf Schadensersatz verklagt werden. Die Verschärfung der Sanktionen zielt vor allem darauf ab, bei potentiellen Investoren Unsicherheit zu stiften. Und so hat Kuba Probleme, dringend benötigtes ausländisches Kapital anzuziehen. 

Kuba Proklamation der neuen Verfassung
Warnungen vom alten Kämpen: Raúl Castro (Mitte) vor der Nationalversammlung in Havanna Bild: AFP/www.cubadebate.cu

Hilft der private Sektor?

Doch es gibt auch manches, was gegen die These einer neuerlichen "Spezialperiode" spricht. So ist Venezuela zwar weiterhin Kubas wichtigster Handelspartner, aber der bilaterale Handel zwischen beiden Ländern macht heute nur noch ein Viertel des Umfangs von 2012 aus. Kuba versucht, seine Wirtschaftsbeziehungen zu diversifizieren. Die Europäische Union, allen voran Spanien und Frankreich, hat an Bedeutung gewonnen, aber auch Russland, China oder Länder wie Japan und Katar. Im Vergleich zu der Zeit Anfang der 1990er Jahre spült der Tourismus Devisen in die Staatskasse sowie auch der Einsatz von kubanischen Ärzten und Pflegekräften im Ausland. Zudem gibt es heute einen Privatsektor, in dem mehr als eine halbe Million Kubaner beschäftigt sind.

Darauf nahm auch Raúl Castro in seiner Rede Bezug: "Es geht nicht darum, in die akute Phase der Spezialperiode der neunziger Jahre zurückzukehren; heute haben wir eine andere Lage durch die Diversifizierung der Wirtschaft. Aber wir müssen uns immer auf das Schlimmste vorbereiten." Der Kommentar des Tischlers Fabra: Wer könne, ginge weg. Ihm selbst, sagt er, bleibe nur die Hoffnung, dass es am Ende doch nicht so schlimm wird.