Wie das Coronavirus den Anti-Doping-Kampf beeinträchtigt | Sport | DW | 27.05.2020
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Anti-Doping-Kampf

Wie das Coronavirus den Anti-Doping-Kampf beeinträchtigt

Bleiben Doping-Sünder im Schatten der Corona-Pandemie unentdeckt? Die Nationale Anti-Doping-Agentur Deutschlands räumt ein, dass aufgrund von COVID-19 kaum getestet wird. Doper sollen aber nachträglich überführt werden.

Symbolbild Sport und Doping | Laufen (picture-alliance/imageBROKER/M. Dietrich)

Ein Schattenrennen: Während der Pandemie wird kaum getestet - wann kann das Doping-Kontrollsystem wieder anlaufen?

"Jetzt gehen wir in eine sehr wichtige Phase", sagt Andrea Gotzmann, die Vorsitzende der Nationalen Anti Doping Agentur Deutschland (NADA). Eben hat sie die den Jahresbericht für 2019 vorgestellt, aber wichtiger als der Weg zurück war auf der erstmals digital durchgeführten Jahrespressekonferenz die Gegenwart, das Jahr 2020. Hat die Corona-Pandemie Dopern Tür und Tor geöffnet?

Mehr zum Thema: Können Sportler während der Pandemie ungestört dopen?

Die Zahlen sind ernüchternd: Auf 90 bis 95 Prozent beziffert Mario Thevis vom Kölner Doping-Labor den Rückgang der Proben seit beginn der Corona-Maßnahmen und damit Aussetzung der regulären Tests. Radprofi Maximilian Schachmann hatte jüngst in einem Interview mit dem Online-Portal Sportbuzzer berichtet, dass er seit bei seinem Sieg beim Rennen Paris-Nizza Mitte März nicht mehr getestet worden sei. Rodel-Olympiasieger Felix Loch geht es ähnlich. Er kann sich auf DW-Anfrage gar nicht mehr genau erinnern, ob es im letzten Weltcuprennen am 29. Februar/1. März am Königssee oder bei der WM Mitte Februar in Sotschi war - "auf jeden Fall vor den Corona-Kontaktbeschränkungen". Er ist schon wieder voll im Training, seine Sportart sei von den Auswirkungen der Pandemie kaum betroffen, schildert es die Situation der Rodler. "Zweimal täglich trainieren wir in Kleingruppen mit maximal vier Sportlern und einem Trainer."

Wettkampfkontrollen nur im Fußball

Auch wenn manche Sportler die Vorbereitung auf ihre Wettkämpfe - wann immer sie auch kommen mögen - wieder aufgenommen haben, kocht die NADA ihre Kontrollen noch auf Sparflamme. "Die Wettkampfkontrollen, die sonst 40 Prozent des Aufkommens ausmachen, sind so gut wie ganz weggefallen, außer im Profifußball, wo wir seit zwei Wochen wieder testen, genau wie im Hochrisikobereich und im obersten Testpool."

Jahresbilanz-Pk der NADA Andrea Gotzmann und Lars Mortsiefer (picture-alliance/dpa/J. Carstensen)

"Nicht so schwarz sehen" - Andrea Gotzmann (l.) und Lars Mortsiefer (r.) geben sich optimistisch

Doch gerade im Fußball, wo die Kontrollen streng nach dem Hygienekonzept der Deutschen Fußballliga ablaufen, offenbaren sich die Probleme der neuen Test-Realität: Die Kontrolleure müssen bei der Abgabe der Urinproben 1,5 Meter Abstand von den Athleten halten und können so schwerer mögliche Manipulationen erkennen. Bluttests werden nur sehr vereinzelt durchgeführt und die Trainingskontrollen sind selten. Die Ärzte, die wie in der DFL üblich, die Proben nehmen, seien derzeit vornehmlich durch ihre Hauptjobs in den Kliniken gebunden, so Gotzmann.

Mit langsamen Schritten zur Normalität

Immerhin wird seit dem 18. Mai wieder getestet nach zwei Monaten, in denen lediglich freiwillige selbstständige Blutabgaben von zumeist Juniorsportlern überprüft wurden. Mit "langsamen Schritten" taste man sich nach NADA-Aussage wieder an das normale Niveau heran, bis Mitte Juni soll das erreicht sein. Das würde insgesamt drei Monate kontrollfreien Raum für skrupellose Athletinnen und Athleten bedeuten. Was für Andrea Gotzmann kein großes Problem darstellt: "Punktgenaues Dopen ist doch gar nicht möglich", wenn Wettkampftermine noch nicht feststehen. "Einfach zuhause sitzen und dopen ist nicht der Weg, wie wir Doping kennengelernt haben."

Außerdem verweist sie auf den Biologischen Athletenpass, in dem die individuellen Blut- und Steroidwerte der Sportler über einen längeren Zeitraum gesammelt werden. Gibt es größere Abweichungen, kann das auch im Nachhinein Manipulationen aufdecken.

Mehr testen, besser testen

Pyeongchang 2018 - Rodeln Felix Loch (picture-alliance/dpa/D.Karmann)

Rodler Loch trainiert schon wieder

Damit eben auch dieser Pass gepflegt wird, sollen jetzt Qualität und Quantität der Maßnahmen gesteigert werden - durch "Intensivieren, Nachholen von Tests, durch zusätzliche EPO-Tests, Tests auf Wachstumshormon", so Gotzmann. Sie ist deshalb auch zuversichtlich, dass die jetzt ausgebliebenen Tests keine negativen Auswirkungen auf die Olympischen Spiele von Tokio haben, die Corona-bedingt auf kommenden Sommer verlegt worden sind: "Die Phase bis Tokio ist noch sehr lang. Wenn alle Kontrollsysteme wieder anlaufen, wenn wir weltweit bald wieder einen hohen Standard erreichen, dann würde ich nicht so schwarz sehen." Genau das dürfte ein Knackpunkt sein: Ist wirklich davon auszugehen, dass die Kontrollen überall auf der Welt schnell wieder funktionieren?

Einige des Dopings überführte Sportler werden nun, durch die Verschiebung der Spiele, daran teilnehmen dürfen - dann nämlich, wenn ihre Sperre vorher abläuft. Das stößt bei vielen Konkurrenten auf Kritik. Aber Lars Mortsiefer, Jurist und Aufsichtsratsvorsitzender der NADA, bestätigte die Einschätzungen des Internationalen Sportgerichtshofs CAS: "Jeder hat das Recht zurückzukehren, wenn seine Sperre abgelaufen ist. Da wäre eine Änderung juristisch schwierig."

Rodler Felix Loch ist davon ohnehin nicht betroffen. Seine nächsten Olympischen Spiele finden erst 2022 statt. Und im Rodeln, so sagt er, "habe ich auch keine große Angst, dass sich jemand über Doping einen Vorteil verschaffen könnten. Das könnte eher in anderen Sportarten passieren, da kann ich mir schon vorstellen, dass so mancher Betrüger auch noch belohnt wird."

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