Wie BBC London zum Feindbild des DDR-Regimes wurde | Deutschland | DW | 24.05.2020
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Presse- und Meinungsfreiheit

Wie BBC London zum Feindbild des DDR-Regimes wurde

"Briefe ohne Unterschrift" hieß eine Radiosendung, in der anonyme Post aus dem sozialistischen Teil Deutschlands vorgelesen wurde. Eine Berliner Ausstellung über Widerstand, der heute vor allem im Internet stattfindet.

DDR-Geschichte(n) auf BBC-Radio - Moderator Austin Harrison (BBC)

BBC-Moderator Austin Harrison (l.) und sein Team lesen "Briefe ohne Unterschrift" aus der DDR vor

Eine Demokratie ohne Presse- und Meinungsfreiheit ist ein Widerspruch in sich. Umso absurder ist der Name, den sich die sozialistische Diktatur im geteilten Deutschland 1949 gibt: Deutsche Demokratische Republik (DDR). Natürlich sind die Medien staatlich gelenkt. Kritik an den Machthabern, an den herrschenden Zuständen ist unerwünscht - und gefährlich. Wer sich in den Augen der Oberen mit vermeintlich falschen Ansichten unbeliebt macht, kann schnell hinter Gittern landen. Trotzdem gehen viele Ostdeutsche dieses Risiko ein. Und dabei ist ihnen die British Broadcasting Corporation (BBC) behilflich.

Schon am 4. April 1949 startet das Deutsche Programm von London aus sein "German East Zone"-Programm. Zielgruppe sind die Menschen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), aus der ein halbes Jahr später die DDR hervorgeht. Unzufriedenheit mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen prägt den Alltag vieler Bewohner von Beginn an. Wer seinem Ärger Luft verschaffen will, ist bei der BBC an der richtigen Adresse. Konkret in der Sendung "Briefe ohne Unterschrift".

40.000 anonyme "Briefe ohne Unterschrift" in 25 Jahren

Von dieser Sendung handelt die gleichnamige Ausstellung, die noch bis Oktober im Berliner Museum für Kommunikation zu sehen ist. Dort kann man auch die sonore Stimme Austin Harrisons hören, der die 1974 eingestellte Sendung fast 20 Jahre lang moderiert. "Schreiben Sie uns, wo immer Sie sind, was immer Sie auf dem Herzen haben", lautet das Credo des Briten und seines deutsch-englischen Teams. Die Resonanz ist überwältigend: Rund 40.000 anonyme Briefe gelangen im Laufe der Zeit über Tarn-Adressen in West-Berlin zur BBC nach London - zu jenem Sender, der schon in der Nazi-Zeit Thomas Manns berühmte Reden aus dem Exil ausstrahlte.

Der deutsche Schriftsteller Thomas Mann im Exil (picture-alliance/AP Images)

"Deutsche Hörer!" Unter diesem Titel sendete die BBC im Zweiten Weltkrieg Radio-Ansprachen von Thomas Mann

 An diese Tradition des klassischen Auslandsrundfunks knüpfen die Macher von "Briefe ohne Unterschrift" an. Nur dass dieses Mal kein weltberühmter Schriftsteller zu Wort kommt, sondern unbekannte DDR-Bürger ihre Wünsche und Hoffnungen zu Papier bringen. Im BBC-Studio werden sie dann aufgenommen und jeden Freitagabend um 20 Uhr 15 gesendet. Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 schreibt eine Frau, man sei im Osten "sehr mutlos geworden".

Nach dem Mauerbau schreibt "eine Eingesperrte"

Sie verurteilt den sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow für seine verharmlosende Beschreibung der steinernen Grenze, die "gewisse Unbequemlichkeiten für die Menschen" mit sich bringe. Die anonyme Briefschreiberin, die sich selbst "eine Eingesperrte" nennt, erwähnt auch den damaligen Regierenden Bürgermeister West-Berlins und späteren Bundeskanzler, Willy Brandt. Wie gut wäre es gewesen, er hätte Chruschtschow persönlich vom "ungeheuerlichen Leid seiner Landsleute" berichten können, schreibt die unbekannte Frau an die BBC.

DDR-Geschichte(n) auf BBC-Radio - Briefe aus der DDR (BBC/Written Archives Centre)

Die anonymen Briefe an die BBC kamen aus allen Ecken der DDR

Der Wunsch nach Freiheit spielt in all den Jahren eine große Rolle in den Briefen, die aus allen Ecken der DDR kommen. Dass sie nach Jahrzehnten des Vergessens wiederentdeckt werden, ist der Autorin und Übersetzerin Susanne Schädlich zu verdanken. Als sie vor einigen Jahren in BBC-Archiven stöbert, findet sie die Originale und veröffentlicht 2017 ihr Buch "Briefe ohne Unterschrift. Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte". Daraus ist jetzt die multimediale Ausstellung entstanden.

Die Stasi enttarnt und verhaftet einen Schüler

Zu den Protagonisten gehört der 1952 in der Hansestadt Greifswald in Vorpommern geborene Karl-Heinz Borchardt. Ende der 1960er Jahre schickt er seinen ersten Brief nach London. In einem schreibt er, noch Schüler zu sein und daher vielleicht "noch nicht so den Durchblick" zu haben. Aber es würde ihn doch interessieren, wie es komme, dass dieser Staat sich so lange halten könne. "Wenn man so mit den Leuten spricht, findet man doch kaum einen, der wirklich von diesem Staat begeistert ist." Er könne sich diese Tatsache nur so erklären, dass dies auf die "Angst der einzelnen Bürger" zurückzuführen sei.

DDR-Geschichte(n) auf BBC-Radio - Karl-Heinz Borchardt (BStU)

Der DDR-Schüler Karl-Heinz Borchardt nach seiner Verhaftung auf Stasi-Fotos 1970

Der Teenager zahlt für seine Nachdenklichkeit und seinen Mut einen hohen Preis: 1970 kommt ihm das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), kurz Stasi, auf die Schliche. Die DDR-Geheimpolizei wirft ihm "staatsfeindliche Verbindungsaufnahme" vor und "staatsfeindliche Hetze". Die Strafe: zwei Jahre Gefängnis, ein Teil davon auf Bewährung. Als Opfer eines Propagandakriegs im Kalten Krieg sieht sich Karl-Heinz Borchardt auch 50 Jahre später nicht - denn: "Ich habe die Chance gehabt, meine eigene Position zu verbreiten."

Lob für die DDR gibt es manchmal auch

Karl-Heinz Borchardt ist einer der helleren Köpfe, die "Briefe ohne Unterschrift" an die BBC senden. Buchautorin Susanne Schädlich entdeckt bei ihren Recherchen aber auch ganz andere Sachen. Wirre Texte in schlechtem Deutsch oder Lobhudelei auf das sozialistische Regime. Alle Gesellschaftsschichten seien vertreten gewesen: Arbeiter, Studenten, Kinder, Jugendliche, Lehrer, Bauern, Akademiker. "Und sie kamen auch aus allen Ecken der DDR."

Geschrieben wird über alles, was mit dem Leben in der DDR zu tun hat: In den sogenannten "Meckerbriefen" geht es um marode Städte, fehlende Werkzeuge in Betrieben, politische Indoktrination in der Schule, Angst vor dem Regime. Aber auch "Banales", wie Susanne Schädlich es nennt: "Welche Musik man hört oder welche man gern hören würde." Eine Sorge kommt immer wieder vor: vom Westen im Stich gelassen zu werden. Nach dem Mauerbau in Berlin 1961, aber auch schon nach dem gescheiterten DDR-Volksaufstand am 17. Juni 1953.

Auch der Vietnam-Krieg wird kritisiert

Dass sich die BBC mit den "Briefen ohne Unterschrift" gezielt gegen die DDR richtet, steht für ihre Wiederentdeckerin Susanne Schädlich außer Frage. Für reine Propaganda hält sie die Sendung dennoch nicht, weil sie "sehr ausgewogen" sei. Dafür spricht, dass Moderator Austin Harrison in seiner Sendung auch Briefe präsentiert, in denen die britische Politik kritisiert wird oder der Krieg der USA in Vietnam. 

DDR-Geschichte(n) auf BBC-Radio - Austin Harrison (BStU)

BBC-Moderator Austin Harrison geriet, wie manche seiner anonymen Briefe-Schreiber, ins Blickfeld der Stasi

Das Ende der Sendung ist eng verbunden mit der Entspannungspolitik, die Bundeskanzler Willy Brandt zu Beginn der 1970er Jahre zwischen West und Ost einleitet. Sie mündet in die Aufnahme beider deutscher Staaten in die Vereinten Nationen (UNO). Das sei 1973 die "Quasi-Anerkennung" der DDR gewesen, sagt Susanne Schädlich. Und damit habe sich die Spaltung Deutschlands zementiert, "wogegen viele Briefeschreiber angeschrieben hatten". Ein Jahr später stellt die BBC "Briefe ohne Unterschrift" nach 25 Jahren ein.

"Der Ruf nach Freiheit ist immer da"

Hätte damals schon das Internet existiert, wäre eine solche Sendung kaum vorstellbar gewesen. Trotz aller Unterschiede hält Susanne Schädlich die sozialen Medien von heute in ihrer Funktion für vergleichbar mit dem alten, analogen Radio. "Man kann sich austauschen, gerade in Regimen, die nicht so frei sind." Und man könne Netzwerke bilden, um politischen Widerstand zu organisieren.

Deutschland, Berlin: Demonstration für Raif Badawi (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Menschenrechtsorganisationen setzen sich seit Jahren dafür ein, Raif Badawi freizulassen (Archivbild)

In der aktuellen Ausstellung wird denn auch der Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen. Dafür stehen Namen wie die des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel, der pakistanischen Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai oder des saudischen Bloggers Raif Badawi. Von ihm stammt der Satz "1000 Peitschenhiebe, weil ich sage, was ich denke." Und Susanne Schädlich sagt: "Der Ruf nach Freiheit ist natürlich immer da - früher im Radio, jetzt im Internet." Mal anonym, mal ganz offen.

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