Whistleblower Edward Snowden erhält Kasseler Bürgerpreis | Aktuell Deutschland | DW | 25.09.2016
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Whistleblower

Whistleblower Edward Snowden erhält Kasseler Bürgerpreis

Eine weitere Auszeichnung für den im Exil lebenden Computer-Experten. Mit dem "Glas der Vernunft" würdigt die Stadt Kassel Snowdens Verdienste für Menschenrechte. Der Preisträger reagierte sehr emotional.

Mit "Mut, Kompetenz und Vernunft" habe Edward Snowden eine Gewissensentscheidung getroffen und dabei "Leben und Sicherheit für eine größere Sache aufs Spiel gesetzt", begründete die Jury ihre Wahl. Die Veröffentlichungen Snowdens über die Abhörpraktiken der US-Geheimdienste hätten weltweit zu einem Nachdenken über verfassungsmäßige Grundrechte geführt, sagte Bernd Leifeld, Vorstand der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Bürgerpreises.

Das Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro werde man dem in Russland lebenden Snowden überweisen, so Leifeld. Die zum Preis gehörende Skulptur werde so lange im Kasseler Stadtmuseum aufbewahrt, bis der Preisträger sie persönlich abholen könne.

Emotionen per Video-Schalte

Edward Snowden wurde zu der Preisverleihung live aus seinem Exil in Moskau zugeschaltet. Nach Aussage von Teilnehmern der Zeremonie wirkte der 33-Jährige sichtlich bewegt, als ihm die Ehrung zuteil wurde.

In seiner kurzen Ansprache beklagte Snowden eine weltweit zunehmende Angst. "Wir erleben die Entstehung einer Welt, in der die Angst der wichtigste politische Wert ist." Mühsam errungene Werte würden über Bord geworfen, um sich vor Bedrohungen zu schützen. "Das Gesetz ersetzt nicht das Gewissen", begründete er nochmals sein aus Sicht der US-Justiz strafbaren Handeln. In den USA wird er wegen Geheimnisverrats gesucht.

Für seine Zukunft zeigte sich Snowden trotzdem optimistisch. Die Geschichte sei noch nicht zu Ende, sagte er und rief die Kasseler Bürger dazu auf, sich gegen Ignoranz und Angst aufzulehnen. "Dann können wir unseren Kindern eine Welt hinterlassen, die schön und frei ist". Für diese Worte erhielt er langanhaltenden Applaus der rund 1000 Gäste.

Als nächstes der Friedensnobelpreis?

Zuvor hatte Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung" die US-Geheimdienste scharf kritisiert. Diese betrieben auch in Deutschland eine die Grundrechte aushebelnde Spionage. Snowden habe mit seinem Handeln der Welt einen Einblick in die "globale, digitale US-Großinquisition" ermöglicht, sagte er.

Snowden, der ein Flüchtling sei, wie er im Buche stehe, werde nun einen langen Atem brauchen. Eine Verleihung des Friedensnobelpreises würde ihm jedoch den Weg in die Freiheit zurück ermöglichen. Der frühere FDP-Politiker Burkhard Hirsch habe bereits einen entsprechenden Vorschlag gemacht.

Kritik an Abwesenheit von Politikern

Der Berliner Schriftsteller und Jura-Professor Bernhard Schlink kritisierte die Abwesenheit von Politikern bei der Preisverleihung. Es sei "aus taktischem Kalkül verständlich, aber moralisch traurig". Denn: Wären sie gekommen, hätten sie sich dazu verpflichten müssen, alles zu tun, damit Edward Snowden nach Deutschland frei ein- und ausreisen könne oder sogar politisches Asyl erhalte.

Mit dem Bürgerpreis "Glas der Vernunft werden Politiker, Geisteswissenschaftler oder Künstler geehrt, die sich in besonderer Weise um die Maximen der Aufklärung verdient gemacht haben. Dazu zählen Vernunft, Toleranz und die Überwindung ideologischer Schranken. Die Auszeichnung wurde 1990 aus Anlass der Wiedervereinigung Deutschlands gestiftet.

Preisträger waren unter anderem der chinesische Künstler und Bürgerrechtler Ai Weiwei, der jetzige Bundespräsident Joachim Gauck, der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und zuletzt der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor.

mak/chr (epd, dpa)