Westbalkan: Trauer um Angela Merkels Außenpolitik-Berater Jan Hecker | Europa | DW | 09.09.2021
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Westbalkan: Trauer um Angela Merkels Außenpolitik-Berater Jan Hecker

Die Abschiedsreise der Bundeskanzlerin auf den Westbalkan soll eine Idee Jan Heckers gewesen sein. Die Region lag dem verstorbenen deutschen Diplomaten besonders am Herzen.

Deutschland | Angela Merkel und Jan Hecker

Die Kanzlerin und ihr außenpolitischer Berater Jan Hecker in Nordmazedoniens Hauptstadt Skopje am 13.06.2019

Anfang kommender Woche wird Angela Merkel wohl zum letzten Mal als deutsche Bundeskanzlerin auf den Westbalkan reisen. In Belgrad und Tirana will sie Gespräche mit Vertretern der Regierungen und der Zivilgesellschaft aller sechs Balkanländer - Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien - führen.

Initiator dieser Reise soll laut diplomatischen Kreisen in Berlin der kürzlich in Peking verstorbene deutsche Diplomat Jan Hecker gewesen sein. Bis er Ende Juli zum deutschen Botschafter in China ernannt wurde, war Hecker der engste außen- und sicherheitspolitische Berater der Kanzlerin. An Merkels Westbalkanpolitik hat er wesentlich mitgewirkt. Die Nachricht über den plötzlichen Tod des 54-jährigen hatte am Montag (6.09.2021) nicht nur Angela Merkel und ihre engsten Kollegen, sondern auch viele Berliner Diplomaten, Journalisten und internationale Politiker in Trauer versetzt.

"Jan Hecker war ein weltoffener, kluger, feiner Mensch. Die EU-Perspektive der Staaten des Westbalkans lag ihm besonders am Herzen", schrieb am Montag auf Twitter der deutsche SPD-Politiker Michael Roth, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt.

Der serbische Präsident Aleksandar Vucic meldete sich ebenfalls per Twitter und würdigte insbesondere Heckers Fähigkeiten und sein Verständnis für die Region: "Deutschland hat einen großen Diplomaten und Serbien einen großen Freund verloren", schrieb Vucic.

Der albanische Premierminister Edi Rama soll laut diplomatischen Kreisen in Berlin ein langes Kondolenzschreiben an die Bundeskanzlerin geschickt haben. Auch viele andere politische Persönlichkeiten des Westbalkans drückten in sozialen Netzwerken ihre Trauer über den Verlust eines Freundes ihrer Länder und der Region aus.

Vom Richter zum Sherpa

Jan Hecker war der erste "Sherpa" - so nennt man die außenpolitischen Berater im Fachjargon in Anlehnung an die tibetischen Himalaya-Bergführer - der Kanzlerin, der kein typischer Karrierediplomat war. Bevor der Juraprofessor 2015 als Koordinator für Flüchtlingspolitik im Kanzleramt anfing, arbeitete er als Richter beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Vielleicht war die für diesen Beruf unverzichtbare Fähigkeit der Unparteilichkeit, die ihn zu einem so hochgeschätzten Gesprächspartner für alle Westbalkanpolitiker machte.

Nord-Mazedonien: Nikola Dimitrov, Außenminister

Nikola Dimitrov, Vizepremierminister Nordmazedoniens

"Es ist ihm gelungen, zwischen verschiedenen außenpolitischen Krisen und Themen auf der ganzen Welt zu jonglieren und Zeit für Nordmazedonien und den Balkan zu finden", sagt Nikola Dimitrov, Vizepremierminister der Balkanrepublik, der eng mit Jan Hecker zusammenarbeitete. "Er glaubte fest an die europäische Zukunft unserer Region und ging unseren Problemen aufmerksam und zuverlässig, klug, ehrlich und schnell auf den Grund", so Dimitrov zur DW.

Stärkung der deutschen Präsenz in der Region

"Er verstand, wie wichtig die deutsche Rolle in der Region war", sagt ein hochrangiger deutscher Diplomat aus Berlin der DW. Schon im Frühjahr 2018, wenige Monate nach der Übernahme seiner neuen Aufgabe, reiste der Berater der Kanzlerin auf den Westbalkan und zeigte damit, dass Deutschland dieser Teil Europas sehr wichtig ist. Bald darauf zeigte sich, dass eine klare deutsche Haltung in der Region mehr denn je gefragt war: Die EU-Integration der Balkanländer stockte auch aufgrund französischen Widerstands.

Deutschland Westbalkan-Gipfel

Westbalkankonferenz, April 2019: Links neben Merkel sitzt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, rechts Jan Hecker

Die nach wie vor von den Kriegen der 1990er Jahre belasteten politischen Eliten in der Region wurden ungeduldig: Seit Sommer 2018 verbreiteten sich immer wieder Gerüchte über mögliche Teilungspläne für Kosovo und neue Grenzziehungen auf dem Westbalkan. Der Ruf nach einem stärkeren deutschen Engagement war offensichtlich. Shuttle-Diplomatie war gefragt. Unter anderem reiste Jan Hecker im Frühjahr 2019 nach Serbien und Kosovo, diesmal mit seinem französischen Kollegen, Emmanuel Bonne, um die Berliner Westbalkan-Konferenz Ende April 2019 vorzubereiten.

Gegen Grenzveränderungen

Das war kein leichtes Unterfangen, denn neben den unter sich zerstrittenen Balkanpolitikern trieb auch der damalige US-Sondergesandte für Kosovo, Richard Grenell, im Auftrag seines Präsidenten Donald Trump eine mit der EU nicht koordinierte Balkanagenda voran. Eine Einigung zwischen den Beteiligten blieb aus. Der Gipfel bleibt jedoch im kollektiven Gedächtnis der Südosteuropäer als die Konferenz, die die Pläne für neue Grenzziehungen auf dem Westbalkan vom Tisch schaffte.

Auch die Nominierung des deutschen Landwirtschaftsministers a.d. Christian Schmidt zum neuen Hohen Repräsentanten für Bosnien und Herzegowina (OHR) hat Jan Hecker maßgebend "im Auftrag der Bundeskanzlerin" betrieben, wie Schmidt selbst in einem Facebook-Post am Montag (6.09.2021) mitteilte. Für den Balkan-Kenner und Ex-OHR Christian Schwarz-Schilling ist die gegen den Widerstand Russlands durchgesetzte Ernennung Christian Schmidts als Zeichen der "Rückkehr eines starken Engagements Deutschlands und der EU für Bosnien und Herzegowina" zu verstehen.

"Diese Stimme wird uns fehlen"

"Er genoss seine Reisen auf den Balkan", sagt einer der Weggefährten Jan Heckers der DW. "Er war insbesondere von der Offenheit seiner Gesprächspartner und deren Wertschätzung gegenüber der Bundeskanzlerin beeindruckt."

Infografik EU Beitrittskandidaten Westbalkan DE

Medienberichten aus Deutschland zufolge wollte Hecker nach seiner Akkreditierung als Botschafter in China noch einmal ins Kanzleramt zurückkehren, um Angela Merkel vor ihren letzten Reisen zu beraten. Doch die Entwicklung in Afghanistan änderte die Pläne der Bundesregierung.

Der smarte und feinfühlige Sherpa der Kanzlerin hätte auch deren Abschiedsreise auf den Westbalkan genossen, nicht zuletzt aufgrund der Wertschätzung der balkanischen Politiker ihm gegenüber. "Dass der Vater dreier minderjähriger Kinder nicht mehr unter uns ist, schmerzt besonders", sagt Artur Kuko, albanischer Botschafter in Berlin sichtlich betroffen: "Er war nicht nur ein angenehmer Gesprächspartner, sondern er verstand den Balkan auch sehr gut und war ein Freund der gesamten Region, der manchmal auch das Unangenehme aussprach. Diese Stimme wird uns fehlen", so Kuko.