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"Filmoutput höher als vor 30 Jahren"

Hans Christoph von Bock
7. Dezember 2019

Werner Herzog erhält 2019 den Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk. Akademie-Präsident Wim Wenders lobte ihn in seiner Laudatio als einen Regisseur von visionärer Strahlkraft. DW traf Herzog vorab zum Interview.

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USA Hollywood | Werner Herzog bei der Premier von The Mandalorian
Bild: Imago Images/Picturelux/J. Martinez

DW: Herr Herzog, Sie bekommen seit zehn Jahren Preise für ihr Lebenswerk. Nun ist es der Preis der Europäischen Filmakademie für Ihr Lebenswerk. Wie fühlt sich das an?

Irgendwie merkwürdig, weil ich mitten in der Arbeit bin und heute mein Output an Filmen höher als vor 30 oder 40 Jahren ist. Im letzten Jahr habe ich drei lange Filme herausgebracht; einen über Gorbatschow, einen über den Schriftsteller Bruce Chatwin und ich habe auch noch einen Spielfilm in Japan gedreht.

Alles innerhalb von zwölf Monaten. Dafür brauchen andere sechs oder acht Jahre. Ich meine, diesen Preis sollte man mir um die Ohren knallen, wenn ich seit zehn Jahren keinen Film mehr gemacht habe und im Rollstuhl auf die Bühne gerollt werde.

Ist Bayern für Sie immer noch Heimat, auch wenn Sie seit 20 Jahren nicht mehr hier leben?

Hier sind meine kulturellen Wurzeln. Obwohl die Familie aus anderen Gegenden stammte. Väterlicherseits eher schwäbisch und hugenottisch, mütterlicherseits aus Österreich und Kroatien. Aber nachdem ich in den Bergen aufgewachsen bin, war klar: Meine erste Sprache ist Bayerisch. Wenn ich in der Welt unterwegs bin, fehlt mir am meisten, dass ich nie bayerischen Dialekt höre.

Sie haben nie eine Filmhochschule besucht und halten auch sehr wenig von Filmhochschulen. Warum?

Ich glaube, die sind prinzipiell falsch gepolt und ganz grundsätzlich sind die Filmhochschüler dort viel zu lange festgehalten. In den drei, vier Jahren könnten sie drei Spielfilme drehen, statt herumzusitzen und irgendwelche Filmtheorie zu lernen. Das was sie wissen sollten, können Sie in einer Woche lernen.

Sie bieten auch Meisterklassen an. Was lernt man dort in einer Woche?

Ich biete zweierlei an: Zum einen habe ich die Rogue Filmschool, die Schurken Filmschule, gegründet als Gegenentwurf gegen das, was weltweit in Filmhochschulen gemacht wird. Das einzige, was sie wirklich lernen müssen, sind zwei Dinge: erstens, wie sie Sicherheitsschlösser knacken, und zweitens, wie sie eine Drehgenehmigung fälschen und zwar so, dass sie nicht erwischt werden.  Alles andere ist Dialog und Beispiele aus Filmen, Musik und Literatur.

Werner Herzog, Regisseur und DW Redakteur HC von Bock
DW-Redakteur Hans Christoph von Bock und Werner HerzogBild: DW

In letzter Zeit habe ich mich mehr auf Workshops verlagert, in denen die Teilnehmer innerhalb von neun Tagen einen sehr kurzen Film drehen müssen – ohne vorfabriziertes Drehbuch, weil sie nicht wissen, welches generelle Thema ich stelle.

Alles ist möglich, ich setze nur den Erzählrahmen. Jüngst habe ich das im peruanischen Amazonas-Urwald gemacht zum Thema "Fieberträume im Urwald". Die mussten eine Story erfinden, Schauplätze suchen, ihre Darsteller suchen, den Film selbst drehen, ihn auf ihren Laptops selbst schneiden und spätestens nach neun Tagen vorführen. Da sind klasse Filme herausgekommen.

Ihre eigene Filmarbeit, ob Dokumentarfilm oder Spielfilm, steht immer für ganz extremes Kino: extreme Landschaften, extreme Situationen, extreme Figuren. Was treibt Sie da an, bis heute diese Extreme zu suchen?

Ich suche eigentlich keine Extreme, sondern das, was ich mache, empfinde ich als normal. Leute sagen mir immer, es sei extrem, im Urwald am Amazonas zu drehen. Schauen Sie, das ist auch nur ein Wald. Das ist nichts Besonderes.

In "Fitzcarraldo" haben Sie eines der ikonischsten Filmbilder geschaffen: Ein Schiff wird mitten im Urwald von einem besessenen Opernliebhaber, gespielt von Klaus Kinski, über einen Berg geschafft. Kinski war für seine Ausbrüche legendär und die Hassliebe zwischen Ihnen und ihm auch. Wie schauen Sie heute darauf zurück?

Kinski hat ja bei mir in fünf Spielfilmen mitgearbeitet und wie ich ihn sehe, habe ich im Film "Mein liebster Feind" beschrieben. Kinski war in gewisser Weise eine singuläre Figur. Aber er war nicht der Beste, mit dem ich gearbeitet habe, sondern das war Bruno S. in "Kaspar Hauser" und "Stroszek". Ich habe mit den Besten auf der Welt gearbeitet, mit Christian Bale, Nicolas Cage, Nicole Kidman, Tom Cruise. Aber es war nicht einer, der Bruno S. nahe gekommen wäre an Tiefe und Ausstrahlung, an Vereinsamung und an Wahrhaftigkeit.

Werner Herzog, Claudia Cardinale und Klaus Kinski
Herzog 1982 mit Claudia Cardinale und Klaus Kinski am Set von "Fitzcarraldo"Bild: imago images

Sie haben in den USA mit Nicolas Cage in "Bad Lieutenant" einen ihrer erfolgreichsten Filme gedreht und mit Tom Cruise in "Jack Reacher" selbst vor der Kamera gestanden als Bösewicht. Wie haben Sie das Böse verkörpert?

Mühelos. Das war total mühelose Arbeit. Ich wusste auch, ich würde gut sein. Der Regisseur und Tom Cruise wollten mich haben, und ich musste auch keine Probeaufnahmen machen. Gerade erst habe ich eine ähnliche Sache gemacht in "The Mandalorian", dem Spin off der Star Wars Filme.

Sie leben seit vielen Jahren in Los Angeles mitten in der Traumfabrik. Zur deutschen Filmszene haben Sie sich nach eigenen Worten nie so richtig zugehörig gefühlt. Aber in Amerika genießen sie Kultstatus - als Bayer in Hollywood. Wie funktioniert das?

Den Begriff Kultstatus fassen Sie besser nur mit Kneifzange an. Es geht ja viel mehr zur Sache, wenn ich zum Beispiel in Brasilien auftauche, oder in Russland, Polen, Irland oder Algerien. Da ist die Hölle los, wenn ich mit Filmen komme.
Auch wenn ich in Los Angeles lebe, gehöre ich nicht zur "Traumfabrik" Ich gehöre ja auch nicht wirklich zum Deutschen Film. Ich empfinde das auch als eine falsche Klassifizierung. Ich gehöre eigentlich eher zu etwas mehr Regionalem. Das heißt bayerischer Film - vom Grundcharakter her, vom Barocken, Lebenssatten. Deswegen sage ich manchmal Ludwig II. wäre der Einzige gewesen, der außer mir "Fitzcarraldo" hätte machen können.

Ihre Filme handeln oft von Grenzerfahrungen. Zum Beispiel Ihre Interviews "Death Row" mit zum Tode verurteilten Strafgefangenen  oder ihre Dokumentation "Grizzly Man". Wo sind Sie selbst an Grenzen gestoßen?

Es gibt ein eine Bandaufnahme vom Tod von Timothy Treadwell (der jahrelang mit Grizzlybären zusammen lebte) und seiner Freundin, die beide von einem Bären aufgegessen werden und zwar lebendig. Stück für Stück. Die Verleiher und Produzenten wollten dieses Tonband unbedingt im Film haben. Ich hörte es mir an und es war so unfassbar grauenerregend, dass ich sagte: "Nein, nur über meine Leiche!" Das ist eine ethische Grenze, weil der individuelle Tod eines Menschen in seiner Würde und in seiner Privatsphäre nicht verletzt werden darf.

Und wenn Sie mit Menschen im Todestrakt sprechen und filmen und wissen, in acht Tagen werden sie hingerichtet, gibt es auch ganz bestimmte Grenzen: Respekt, Menschenwürde. Die Würde der Verurteilten, die es zu respektieren gilt. Ich habe sie immer als große Respektspersonen behandelt, mit denen zusammen ich in Abgründe hineinschauen möchte. Hinter der Kamera habe ich einen formellen Anzug und Krawatte getragen, was ich sonst nie tue - als Zeichen des Respekts. Die formelle Kleidung ist aber auch ein Schutz, sich nicht gleich persönlich so nahe zu kommen.

Sie waren unter Wasser, im Urwald, in der Wüste, im Eis. Gibt es noch etwas, wonach Sie suchen oder was Sie erforschen möchten?

Ich wäre gerne auf einer Raumstation mit dabei. Oder gerne auf dem Mond oder bei einer Visite auf dem Mars, wenn das irgendwann möglich wäre.

Was wäre Ihre erste Einstellung?

Das weiß ich nicht. Da lasse ich mich gerne überraschen. Staubt es da, wenn man landet, oder was passiert da? Ich halte aber die Idee, den Mars zu bevölkern, weil wir unseren Planeten abgegrast haben wie Heuschreckenschwärme, für absolut obszön. Wir werden das auch gar nicht schaffen. Genauso wenig werden wir unsterblich, weil wir irgendwelche Genmanipulation an uns vornehmen.

Das Gespräch führte Hans Christoph von Bock