Wer darf in die Rollen jüdischer Figuren schlüpfen? | Kultur | DW | 13.01.2022
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Debatte

Wer darf in die Rollen jüdischer Figuren schlüpfen?

Der jüngste Streit betrifft Helen Mirren in der Rolle der israelischen Premierministerin Golda Meir. Handelt es sich um "Jewfacing"? Oder dürfen nicht jüdische Schauspieler jüdische Charaktere spielen?

Filmstill mit Helen Mirren als Golda

Helen Mirren als Golda Meir

Die jüdische britische Schauspielerin Maureen Lipman sorgte für Schlagzeilen, als sie öffentlich fragte, ob ihre Kollegin Helen Mirren die richtige Wahl für die Rolle der Golda Meir in einem Biopic über Israels erste Premierministerin sei. Mirren, Trägerin des Jüdischen Filmpreises 2015, die sowohl in den USA als auch in Großbritannien die wichtigsten Filmpreise erhalten hat, ist zwar eine gefeierte Schauspielerin - aber keine Jüdin. Für Lipman aber ist "das Jüdische in der Figur Golda Meirs ein wesentlicher Bestandteil" - und damit ist Helen Mirren in ihren Augen nicht die geeignete Besetzung für diese Rolle. Dürfen nicht jüdische Schauspielerinnen und Schauspieler jüdische Figuren spielen oder nicht - diese Debatte ist nicht neu.

Bereits 2019 unterzeichneten 20 jüdische Schauspieler und Dramatiker - darunter auch Lipman - einen offenen Brief, in dem sie die Besetzung der Londoner Aufführung des erfolgreichen Broadway-Musicals "Falsettos" kritisierten, in dem es um eine dysfunktionale jüdische Familie geht. Bis auf den Komponisten und den ursprünglichen Regisseur waren alle Beteiligten nicht jüdisch. Die Unterzeichner des Briefes warfen der Produktion "einen erschreckenden Mangel an kulturellem Feingefühl und schlimmstenfalls die offene Aneignung und Auslöschung einer Kultur und Religion vor, die sich zunehmend in einer Krise befindet".

Nach "Blackfacing" kommt nun "Jewfacing"

Diese "Jewfacing"-Debatte ist ein weiterer Teil der großen Kontroversen um ethnische, kulturelle und gendergerechte Vielfalt in den Medien. Die zunehmende Sensibilisierung hat bereits zu wichtigen Veränderungen in Hollywood geführt - so gibt es etwa den ersten asiatischen Superhelden in einem Marvel-Film, "Shang-Chi und die Legende der zehn Ringe", der 2021 erschienen ist.

Filmstill Shang-Chi And The Legend Of The Ten Rings: ein Mann hält den Arm einer Frau fest

Der chinesisch-kanadische Schauspieler Simu Liu spielt den Helden Shang-Chi

In den USA nahm das Thema im Oktober 2021 an Fahrt auf, als bekannt wurde, dass die erfolgreiche nicht-jüdische Schauspielerin Kathryn Hahn in einer Fernsehserie die 2014 verstorbene jüdischstämmige US-Komikerin Joan Rivers porträtieren würde. Hahn ist schon einmal in die Rolle einer Jüdin geschlüpft: Sie hatte in der beliebten Serie "Transparent" eine Rabbinerin dargestellt.

Hollywood-Tradition: Nichtjuden spielen Juden

Dies wurde in den sozialen Medien und der Presse bin hin zum "Time Magazine" aufgegriffen und kommentiert. Die Komikerin Sarah Silverman erklärt in ihrem Podcast, warum Kathryn Hahn nicht die Richtige für die Rolle ist: Die Schauspielerin sei im Mittleren Westen katholisch erzogen worden - Joan Rivers aber als Kind jüdischer Einwanderer in Brooklyn.

 Kathryn Hahn auf dem Roten Teppich

Kathryn Hahn bei den Emmy Awards 2021

"Hollywood hat eine lange Tradition, Juden von Nichtjuden spielen zu lassen. Das gilt nicht nur für Leute, die zufällig jüdisch sind, sondern auch für Leute, deren Jüdischsein sie ausmacht", sagte Silverman. "Man könnte sagen, dass eine Nicht­jüdin, die Joan Rivers spielt, das ist, was man 'Jewface' nennt." Und "Jewfacing" bedeutet für sie: "Wenn ein Nicht-Jude einen Juden so darstellt, dass sein Jüdischsein im Vordergrund steht. Oft mit Make-up oder veränderten Gesichtszügen, etwa mit großer falscher Nase und jiddischem Akzent", sagte sie.

Der Begriff "Jewfacing" ist problematisch

Man dürfe den Begriff "Jewfacing" allerdings nicht mit der rassistischen Praxis des "Blackfacing" gleichsetzen, meint die Kulturreporterin PJ Grisar. "Blackface" war ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ein gängiges Theatergenre - Menschen ergötzten sich in den "Blackface Minstrel Shows" daran, dass weiße Schauspieler sich schwarz anmalten und die versklavten schwarzen Plantagenarbeiter und Hausangestellten als dümmliche Witzfiguren verhöhnten. Heute gilt das als höchst beleidigend. Grisar erwähnt übrigens auch, dass der "König der Blackface-Darsteller", Al Jolson (1886-1950), ein Jude war.

Schauspiel Al Jolson als Jazz-Sänger Minstrelshow verkleidet trägt schwarzes Make-Up im Gesicht

Al Jolson als "The Jazz Singer"

Die britische Autorin Judith Ornstein argumentiert in ihrem "Times of Israel"-Blog: "In der Vergangenheit traten im Varieté sowohl 'Jewface'- als auch 'Blackface'-Darsteller auf, die die Juden mit Nasenprothesen karikierten."

Die aktuelle Debatte aber ist viel subtiler als schwarzes Make-Up oder große Nasen: Welche Erfahrungen als diskriminierter Mensch muss ein Schauspieler gemacht haben, um dies in einer Rolle authentisch wiederzugeben?

Jüdischsein zu verstehen, ist wichtiger als Papiere

"Natürlich müssen die Schauspieler nicht jüdisch sein oder ihre Rollen gelebt haben, aber gleichzeitig ist es ihre Aufgabe und die des Produktionspersonals, zu recherchieren und sicherzustellen, dass sie jede Minderheit mit der gebotenen Sensibilität darstellen", schreibt Ornstein.

Helen Mirren, so Ornstein, sei eine Schauspielerin, "die das Jüdischsein versteht, und die sich mit ihrer großartigen Unterstützung für Israel und die Juden in der Diaspora verdient gemacht hat".

Ähnlich sieht dies Helene Meyers, Professorin für jüdisch-amerikanische Filmwissenschaften. Für sie kommt es eher darauf an "zu wissen, was Jüdischsein bedeutet, als darauf, von der Abstammung her jüdisch zu sein."

"Das wird ein dystopischer Albtraum"

Die Entscheidung darüber, wer "jüdisch genug" ist, um eine Rolle zu übernehmen, könnte zu unschönen Entwicklungen im Casting-Prozess von zukünftigen Produktionen führen. Der britische Schauspieler Elliot Levey, der zurzeit in der Rolle des "Herrn Schultz" im Londoner Musical "Cabaret" zu sehen ist, erzählte im "Jewish Chronicle" von einem prominenten nicht-jüdischen Kollegen, der sich um die Rolle eines Juden bewarb. "Er hatte ein Foto eines jüdisch aussehenden Mannes bei sich und behauptete, es sei sein Großvater."

Für Levey ist "die Vorstellung, dass Menschen Papiere vorlegen müssen, um ihre jüdische Abstammung nachzuweisen, damit sie eine jüdische Rolle spielen können, ein dystopischer Albtraum".

Da grenzt es fast an Ironie, dass die Mirren-Kritikerin Maureen Lipman in einem Interview mit dem "Guardian" im August 2020 sagte: "In den letzten Jahren sind wir alle in kleine Kästchen gesteckt worden, nicht wahr? Man muss das spielen, was man ist. Der ganze Sinn der Schauspielerei aber besteht darin, das zu spielen, was man nicht ist."

Mehr diverse jüdische Charaktere

Nach Ansicht der jüdischen Filmkritikerin Gabriella Geisinger sollten sich Film und Fernsehen lieber darauf konzentrieren, "eine größere Vielfalt jüdischer Charaktere" zu zeigen, seien es "mizrachische, sephardische und asiatische Juden. Juden, die Ladino, Jiddisch und Hebräisch sprechen. Juden, die nicht an Gott glauben, und Juden, die konvertieren. Dann können wir mit der Vorstellung aufräumen, dass man ein bestimmtes Aussehen haben muss, um ein Jude zu sein."

Die Produktion der Serie über Joan Rivers ist übrigens inzwischen ins Stocken geraten: Es gibt Rechte-Probleme.

Der Film "Golda" aber kommt auf jeden Fall im Jahr 2022 in die Kinos. Der israelische Regisseur Guy Nattiv sagte in einer Pressemitteilung im November 2021, er sei "begeistert" von Helen Mirrens Schauspiel. "Sie ist mit unglaublichem Talent, Intelligenz, Tiefe und Emotionen so brillant mit der Figur der Golda Meir verschmolzen, dass sie dem reichen und komplexen Wesen dieser unglaublichen Frau gerecht wird."