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Wenn Krieg die letzte Chance ist

Meike Scholz17. Juni 2005

15 Jahre Waffenstillstand sind zermürbend. Denn Frieden ist etwas anderes als das unmenschliche Lagerleben der Sahauris. Viel haben sie nicht zu verlieren und spielen deshalb mit dem Feuer.

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Noch schweigen die Waffen - wie in den letzen 15 Jahren.Bild: DW/Meike Scholz

Alle reden vom Krieg. Und man könnte glauben, alle wollen auch den Krieg – obwohl sie gleichzeitig von der friedlichen Lösung sprechen, die sie bevorzugen. Aber auf die warten die sahaurischen Flüchtlinge schon seit mehr als einem Jahrzehnt. Als 1991 der Waffenstillstand zwischen der sahaurischen Befreiungsbewegung Frente Polisario und der marokkanischen Regierung geschlossen wurde, gab es schon einen Plan: Die Flüchtlinge sollten zurückgeführt werden, anschließend sollte ein Referendum abgehalten werden – damit die Sahauris ihr vom Internationalen Gerichtshof bestätigtes Selbstbestimmungsrecht in der umstrittenen Westsahara ausüben können. Aber das ist bis heute nicht geschehen.

Internationale Ratlosigkeit

Zahlreiche UN-Sondergesandte haben sich seitdem die Zähne ausgebissen an den Marokkanern. Der Plan des ehemaligen US-Außenministers James Baker war zum Beispiel der letzte Versuch, eine friedliche Lösung herbeizuführen. Aber die Marokkaner haben ihn abgelehnt, obwohl er ihnen entgegenkommen ist. Der Baker-Plan sah vor, dass die Westsahara zunächst für einige Jahre eine autonome Region von Marokko sein sollte, bis dann die Bewohner über ihre Zukunft per Referendum abstimmen würden. Wenn man bedenkt, dass seit 1975, also dem so genannten "Grünen Marsch" der Marokkaner mindestens 300.000 ihrer Landsleute in der Westsahara leben und auch all diejenigen stimmberechtigt gewesen wären, die seitdem dort hingezogen sind, dann hätten die Marokkaner die Westsahara eigentlich schon in der Tasche.

Westsahara 17 - Panoramabild

Peter Foster, ein Mitarbeiter der UN-Waffenstillstandsüberwachungsmission Minurso, ist ratlos. Er kennt beide Seiten. Er weiß, dass die Marokkaner und die Polisario immer noch nicht miteinander reden. Stattdessen sind sie darauf bedacht, dass die Minen, die massenhaft in der Westsahara herumliegen, auch dort bleiben, wo sie sind. Als die Paris-Dakar-Ralley zum Beispiel durch die Region führte, haben zwar beide Seiten die Minen auf der betroffenen Strecke geräumt. Als die Ralley durch war, haben sie sie aber gleich wieder eingegraben. Während die Marokkaner sich im Weltsicherheitsrat von den Franzosen schützen lassen und alle Pläne bislang blockiert haben, stellt sich die Polisario inzwischen in punkto Kriegsgefangene stur. Gut 400 marokkanische Soldaten hält sie noch in Lagern in der Wüste. Seit mehr als einem Jahrzehnt. Dafür wird sie international kritisiert.

Phosphat und Öl

Aber das versteht anscheinend niemand bei der Polisario. Stattdessen wird das eigene Schicksal erzählt. "Wir sind doch auch Gefangene", sagt zum Beispiel der Parlamentspräsident der sahaurischen Exilregierung, Mahmoud Ali Beiba. "Wir haben unsere Familien auch seit 30 Jahren nicht gesehen." Trotzdem: Der Parlamentspräsident ist auch ratlos. Er weiß nicht, was die Marokkaner wollen. Die Bodenschätze? In der Westsahara werden große Erdölvorkommen vermutet. Zahlreiche ausländische Firmen warten schon darauf, mit den ersten Probebohrungen zu beginnen. Außerdem gibt es Phosphatvorkommen – die größten weltweit, heißt es.

Westsahara 4 - Panoramabild

Aber warum blockieren die Marokkaner alle Pläne für eine Einigung? Vielleicht haben sie Angst vor ihren eigenen Leuten, sagt Mahmoud Ali Beiba. Und vielleicht hat er Recht. Der inzwischen verstorbene König Hassan II. jedenfalls hat einst klargestellt, dass die Menschenrechte bei der Westsahara-Frage keine Gültigkeit haben. "Wer behauptet, dass die Westsahara nicht zu Marokko gehört", hatte er einst gesagt, "der hat seine grundlegenden Rechte verwirkt." Hamdi el Kodi Busif würde deshalb wieder in den Krieg ziehen. Gerne sogar. Er will nicht mehr auf die politische Führung der Sahauris warten, die taktieren und warten. Er will kämpfen.

Krieg gegen das Vergessen

Hamdi war schon einmal Soldat. Bis 1991. Bis zum Waffenstillstand. Jetzt ist er Kamelhirt. Kein Beduine, wie es eigentlich seine Tradition ist. Er kann nicht wandern, weil es in Westalgerien nirgendwo Wasser gibt. Er ist nicht frei, weil seine Heimat immer noch ein besetztes Land ist. Hamdi ist deshalb Bauer und pflegt seine Kamele, damit sie Milch für die Alten, die Kranken und die Kinder geben. Aber auch er ist ungeduldig. Drei oder vier Monate wartet er vielleicht noch, sagt er, dann holt er seine Waffe. 30 Jahre hat er schon gewartet. Das ist doch genug. Der Parlamentspräsident Mahmoud Ali Beiba zuckt mit den Schultern, wenn er so etwas hört. "Nein", sagt er, "niemand will Krieg. Wir sind ein kleines und friedliches Volk. Aber die Wiederaufnahme des Krieges ist leider das einzige Mittel, mit dem wir die Weltöffentlichkeit auf uns aufmerksam machen können."