Wenn die Natur zum Kriegsopfer wird | Wissen & Umwelt | DW | 10.08.2019
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Wissen & Umwelt

Wenn die Natur zum Kriegsopfer wird

Bewaffnete Konflikte töten nicht nur Menschen, sondern zerstören auch massiv die Umwelt. Die Vereinten Nationen arbeiten an Lösungen, um die Natur im Krieg zu schützen. Wissenschaftlern weltweit reicht das nicht.

Rauchwolken aus brennenden Ölquellen, die vom IS in Brand gesteckt wurden

Brennende Ölquellen im Irak: In Brand gesteckt vom „Islamischen Staat"

Giftstoffe aus Bomben sickern ins Grundwasser und machen Menschen krank. Raketen treffen Raffinerien und verseuchen den Boden mit Öl. Kämpfer zerstören Wälder und vernichten so die Lebensgrundlage des Gegners. Im Krieg wird der Schutz der Umwelt zur Nebensache. Doch das kann langfristige Folgen haben – und in Friedenszeiten zu neuen Problemen führen.

"Krieg und Umwelt passen nicht zusammen", sagt der emeritierte Völkerrechtsprofessor und Sprecher der Internationalen Koalition zur Ächtung von Uranwaffen, Manfred Mohr, im DW-Gespräch. "Kriege oder militärische Konflikte beeinträchtigen die Umwelt immer mehr oder weniger schwer." Seit Jahrzehnten diskutieren Wissenschaftler und Politiker darüber, wie Natur und Tierwelt im Fall eines Kriegs geschützt werden können.

Bis Freitag arbeitet dieVölkerrechtskommission der Vereinten Nationen an möglichen Ansätzen zur Lösung des Problems.

Öl, Schutt und Gestank

Wim Zwijnenburg hat mit eigenen Augen gesehen, wie Kriege die Natur verwüsten. Er arbeitet für die niederländische Friedensorganisation PAX, die Umweltzerstörungen in Kriegen weltweit beobachtet und analysiert. Zuletzt hat sich Zwijnenburg mit der Situation im Irak und in Syrien beschäftigt.

"Es ist ein komplexer Konflikt", sagt der Forscher zum Bürgerkrieg in Syrien. Seit über acht Jahren wird dort gekämpft, viele Menschen starben. Fast zwölf Millionen Syrer mussten ihre Heimat verlassen. Der Krieg beeinträchtigt auch Ökosysteme und die Landwirtschaft .

"Es gibt dort verschiedene Ebenen von Umweltzerstörung", sagt Zwijnenburg. Die Ölindustrie in Syrien sei Ziel massiver Angriffe geworden. In manchen Regionen hätten sich Ölteppiche ausgebreitet. Die belasten die Natur extrem. "Im Nordosten Syriens schwimmt das Öl sogar auf den Flüssen", erklärt Zwijnenburg. "Zum Glück liegen die meisten großen Raffinerien nicht in der Nähe von bewohnten Gebieten."

Ein Ölteppich treibt auf einem Fluss

Umweltverschmutzung im Nordosten Syriens: Ein Ölteppich treibt auf einem Fluss

Neben der Ölindustrie sei auch die Wasserinfrastruktur stark getroffen worden, erklärt Zwijnenburg: "Aufbereitungsanlagen wurden angegriffen, sodass viele Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser mehr haben." Dadurch fehle es dann auch an Wasser für die Landwirtschaft. Bauern fahren weniger Erträge ein, das wirkt sich auf die Lebensmittelversorgung in den Regionen aus.

Zusätzlich sei die staatliche Steuerung in anderen Bereichen teils zusammengebrochen. Müll sammelt sich in den Straßen. Niemand weiß wohin mit den Überresten zerstörter Häuser. "Irgendetwas muss mit den Millionen Tonnen Schutt passieren", sagt Zwijnenburg.

"Oft ist dieser aber mit Schwermetallen oder giftigen Stoffen vermischt." Die Menschen würden mittlerweile ihren Müll sogar verbrennen, doch nicht ohne einen Preis für die Umwelt: "Viele beschweren sich über die Luftverschmutzung und den Gestank."

Ausgangspunkt Vietnamkrieg

Das alles sind keine neuen Probleme. Im Vietnamkrieg, der 1975 zu Ende ging, wurden besonders schwerwiegende Schäden für die Natur bewusst eingesetzt. Auf Anordnung von Präsident John F. Kennedy versprühte die amerikanische Luftwaffe damals tonnenweise Entlaubungsmittel. Das sogenannte "Agent Orange" sollte die Wälder lichten und Reisfelder zerstören. Die USA wollten ihren Gegnern Verstecke und Nahrungsgrundlage nehmen.

Später wurde bekannt, das "Agent Orange" hochgiftiges Dioxin enthielt. Es kontaminierte die Böden und führte zu Missbildungen bei Neugeborenen. Obwohl medizinische Studien das Gegenteil zeigen, bestreiten die USA bis heute, dass die Erkrankungen im Zusammenhang mit "Agent Orange” standen.

"Die absichtliche Umweltzerstörung für militärische Zwecke ist zum Glück mittlerweile geächtet durch die ENMOD-Konvention von 1976", erklärt Völkerrechtler Mohr. Auf Anregung der Sowjetunion erarbeiteten die Vereinten Nationen nach dem Vietnamkrieg dafür erste Regeln für den Umgang mit der Natur in Kriegen. Die ENMOD-Konvention verbietet gezielte militärische Eingriffe in natürliche Abläufe der Natur. 77 Staaten haben die Vereinbarung unterschrieben, auch die USA.

"Parallel dazu gab es Regelungsversuche im humanitären Völkerrecht", sagt Mohr. Darin sei festgelegt worden, dass "Kriegsführende die Umwelt möglichst umweltschonend behandeln" müssen. Außerdem habe jeder das Menschenrecht auf eine gesunde Umwelt, sagt Mohr. Somit gibt es bereits zahlreiche Regelungen, die eine gezielte Zerstörung der Natur- und Tierwelt in Kriegen verhindern sollen. Doch nicht alle Staaten hielten sich daran. So setzten irakische Truppen 1991 im Ersten Golfkrieg 700 kuwaitische Ölquellen in Brand. Es dauerte Monate, die Feuer zu löschen - eine Katastrophe für die Umwelt.

Eine neue Genfer Konvention

Die Völkerrechtskommission der Vereinten Nationen arbeitet daran, dass so etwas nicht nochmal passiert. Noch bis zum 9. August sitzen die 34 unabhängigen Rechtsexperten in Genf zusammen. Sie haben 28 Prinzipien verabschiedet, um Umweltzerstörungen im Krieg zu verhindern.

Darin heißt es zum Beispiel, dass die natürliche Umwelt nicht angegriffen werden dürfe. Damit das klappt, sollten Schutzzonen definiert werden, die im Krieg verschont werden. Außerdem müssten bei jedem Angriff die Folgen für die Natur berücksichtigt werden. Staaten müssten daher auch für die Zerstörung der Natur nach einem Krieg aufkommen.

Aber vielen Kritikern sind die bisherigen Regelungen zu zahnlos. In einem offenen Brief fordern derzeit 24 Wissenschaftler aus aller Welt einen besseren Schutz der Umwelt im Kriegsfall. Einer von ihnen ist José Brito von der Universität im portugiesischen Porto.

"Wir rufen die Kommission auf, die Idee einer fünften Genfer Konvention zu bedenken”, sagt Brito der DW. Die bisherigen vier Konventionen würden nur die Rechte von Menschen im Krieg beinhalten. "Eine fünfte Konvention stünde für den Schutz der Umwelt.”

Irak | Rauchwolken aus brennenden Ölquellen

Gefährlich für die Gesundheit: Menschen in Syrien bauen sich eigene kleine Ölraffinerien"

"Es ist ein ehrenwerter Versuch”, meint Völkerrechtler Manfred Mohr. Doch eine neue Konvention sei schlicht und einfach nicht nötig: "Es gibt schon genug Regeln, man muss sie nur durchsetzen.” Schon jetzt könnten Kriegsparteien für Umweltschäden zur Verantwortung gezogen werden, sagt Mohr. Es passiere nur viel zu selten.

Außerdem seien die Staaten der Welt derzeit nicht bereit, eine neue Genfer Konvention zu verabschieden: "Gegenwärtig ist die politische Lage so, dass wir kaum große neue Regelungen finden können.” Vor allem Länder, die aktuell Kriege führen, würden sich nicht plötzlich bereit erklären, für entstandene Umweltschäden aufzukommen. Das würde die Kosten für den Kriegseinsatz in die Höhe treiben, so Mohr.

Für viele Jahre zerstört

Egal ob durch eine Reihe von Prinzipien oder eine neue Genfer Konvention - für die Zukunft sei es besonders wichtig, dass das Thema Umweltzerstörung im Krieg mehr Aufmerksamkeit bekomme, meint Wim Zwijnenburg von PAX. "Es hat oft keine hohe Priorität.” Daher sei es auch schwierig, Geld für den Wiederaufbau und die Erneuerung der Natur nach Konflikten zu bekommen.

Auch für die betroffenen Menschen sei mehr internationales Interesse für das Problem gut. "Die Regierung in den Kriegsländern hilft ihnen nicht dabei, die Probleme zu lösen.” Oft dauere es Jahre bis die Natur und damit die Lebensgrundlage der Menschen sich erholt habe.

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