Wenderoman: ″Besondere Vorkommnisse - heute vor 30 Jahren″ | Bücher | DW | 09.11.2019
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30 Jahre Mauerfall

Wenderoman: "Besondere Vorkommnisse - heute vor 30 Jahren"

In ihrem Roman unternimmt Zsuzsa Breier eine Zeitreise in die BRD, in die DDR und ins Ungarn von 1989. Sie erzählt Tag für Tag anhand von Originalquellen, wie die Menschen in diesem folgenreichen Jahr dachten und lebten.

Vor 30 Jahren waren Deutschland und Europa noch durch den Eisernen Vorhang getrennt. Zsuzsa Breier hat tief in alten Akten, Zeitungsberichten und sonstigen Unterlagen geschürft, nicht nur in den Stasi- und Polizeiberichten der DDR und in bundesrepublikanischen Dokumenten, sondern auch in ungarischen. Auf der Grundlage dieser Originalquellen erschafft die Kulturwissenschaftlerin ein staunenswertes Panorama der Zeit vor drei Dekaden.

Die Autorin hat der Deutschen Welle einen Auszug ihres Romans zur Vorabveröffentlichung zur Verfügung gestellt. Es ist der Blick auf Montag, den 27. Februar 1989:

Wer all seine Ziele erreicht, hat sie zu niedrig gewählt, an diesen berühmten Satz des Maestro muss der erschöpfte Bläser denken, als Herbert von Karajan an diesem Sonntagmorgen, den 26. Februar 1989, mit den Wiener Philharmonikern in New York probt, um die Abendvorstellung in der Carnegie Hall vorzubereiten. Gequält bittet der Bläser den Meister um eine Pause: Wenn wir das am Abend spielen sollen, dann müssen wir jetzt aufhören. Die Lippen schaffen das sonst nicht! Der unermüdliche Karajan, er ist 80 und gesundheitlich angeschlagen, denkt nicht daran, Das muss doch möglich sein, dass das einmal so klingt, wie ich mir das vorstelle, sagt der Maestro der Glätte und Perfektion und probt weiter.

Herbert von Karajan | Österreichischer Dirigent (picture-alliance/dpa)

Herbert von Karajan war von 1955 bis kurz vor seinem Tod im Juli 1989 Chefdirigent der Berliner Symphoniker. Gegen einige seiner Auftritte mit verschiedenen Orchestern gab es Proteste.

Das Ergebnis bleibt auch nicht aus, die Berliner Morgenpost berichtet am nächsten Tag über ans Delirium grenzende Ovationen: Karajan und das Orchester haben zweifellos New Yorker Musikgeschichte geschrieben. Sie haben das schöne Haus schier zum Einsturz gebracht. Mit einem einzigen, aus Hunderten von Kehlen aufsteigenden Jubelschrei sprang das vieltausendköpfige Publikum nach dem Schlussakkord schlagartig auf die Beine und bereitete dem Dirigenten und dem herrlich spielenden Orchester ans Delirium grenzende Ovationen.

Dabei ist das Konzert um ein Haar zu einem Skandal geworden, der Musikkritiker Eric Breindel rief in der New York Post zum Boykott der Karajan-Konzerte auf: Wie hat der österreichische Dirigent es nur geschafft, der Schande zu entkommen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf ihn hätte herabsinken können? Das Wunder Karajan gehörte nämlich schon auf der Goebbels-Hitler-Liste zu den 104 Gottbegnadeten und wurde von Adolf Hitler hoch geschätzt, und auch umgekehrt: Zum Führergeburtstag 1935 dirigierte Karajan Wagners Tannhäuser, später ernannte ihn der Führer persönlich zum Staatskapellmeister.

Um Schuld und Verantwortung geht es an diesem 27. Februar 1989 auch Pfarrer Christian Führer, Gottes friedlicher Revolutionär, wie die Leipziger ihn nennen. Das montägliche Friedensgebet eröffnet er mit den Worten: Wenn wir uns Montag für Montag hier versammeln, dann hat das seinen Grund und seine Gründe. Für viele von uns ist das Friedensgebet ein Bedürfnis geworden, entstanden aus einer persönlichen Situation der Betroffenheit. … Der Glücksanspruch des einzelnen bleibt auf der Strecke.

In dem Gesprächskreis Hoffnung St. Nikolai geht es diesmal um die Frage, wer die Schuld trägt: die Ausreisewilligen oder das Regiment von Partei und Staat. Der Pfarrer, ein bekennender Sozialist, beklagt ein Gemisch aus Apathie, organisierter Verantwortungslosigkeit, Tabuisierung und Verleugnung von Problemen, dazu erzählt er eine wahre Geschichte:

Ich hörte vor 14 Tagen von einem Lehrer und Genossen, 59 Jahre alt, er ist von einer BRD-Reise nicht zurückgekehrt, ist "drüben" geblieben. Nun, da beginnen die Gedanken zu laufen. Da hat der Mann den Schülern jahrelang den Sozialismus verkündet in der bekannten Art und Weise. Da hat der Mann den Schülern jahrelang das Leben schwergemacht. Und nun sieht er in der BDR (sic!) seiner gesicherten Beamtenpension in DM-West, versteht sich, entgegen. Wie viele solcher Menschen leben noch unter uns? Wie viele solcher Menschen mögen heute noch den Sozialismus und die Vorteile und Zukunftsträchtigkeit dieses Systems dozieren, um bei günstiger Gelegenheit die Früchte des dem Untergang geweihten Kapitalismus zu genießen? 

DDR - Friedensgebet in Nikolaikirche (picture-alliance/ ZB)

Die regelmäßigen Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche waren eine Vorstufe der ab Herbst 1989 stattfindenden Montagsdemonstrationen

Im Regierungsbunker bei Bonn ist es an diesem Montag mit der Ruhe vorbei. Seit Februar läuft die NATO-Übung WINTEX/CIMEX, die alle zwei Jahre stattfindet, um Funktions- und Handlungsfähigkeit des Bündnisses zu erhalten. Inzwischen sind 2515 Übungsteilnehmer eingetroffen, fast Vollbelegung in dem für 3000 Menschen vorgehaltenen "Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Kriegs- und Krisenfall". Die gesamte NATO bereitet sich auf den Kriegszustand vor, 15 Mitgliedstaaten, alle Bündnispartner bis auf Griechenland, nehmen an der Übung teil. Und auch östlich des Eisernen Vorhangs übt man mit. Die DDR-Spionage ist im Besitz streng geheimer WINTEX-Unterlagen und weiß auch: In 24 Stunden beginnt der 3. Weltkrieg, am 1. März um 7 Uhr in der Früh.

Die SED-Führungselite liest an diesem Montag im streng geheimen Tagesbericht des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS): Am 25. Februar 1989 gegen 6.00 Uhr erfolgte durch Angehörige der Grenztruppen der DDR im Grenzabschnitt ca. 3000 m nordwestlich Ziemender / Osterburg, ca. 100 m vor der Staatsgrenze im Handlungsraum der Grenztruppen die Festnahme eines Ehepaares aus Berlin (30, XX, vorbestraft; 34, XX ohne Arbeitsverhältnis) beim Versuch des ungesetzlichen Grenzübertritts.

Die Täter hatten sich aus einer negativen Grundhaltung gegenüber den sozialistischen Verhältnissen in der DDR Ende 1988 zum ungesetzlichen Verlassen der DDR entschlossen. Unter Mitführen von zwei gefüllten Brandflaschen, eines Plastikkanisters mit Brandflüssigkeit, Sturmzündhölzern, der Luftdruckwaffe, eines feststehenden Messers, sowie Seilen und Orientierungsmitteln, persönlicher Unterlagen und Zahlungsmittel (38 400,- Mark) hatten sich die Täter mittels Pkw bis in das unmittelbare Grenzgebiet begeben, wo sie den Grenzsignal- und Sicherungszaun durchschnitten und einen weiteren Sicherungszaun überstiegen.

Ihre Festnahme erfolgte im Ergebnis der eingeleiteten Sicherungsmaßnahmen ohne Anwendung der Schusswaffe. (BStU MfS ZAIG 4591, 93)

Deutschland Wachturm Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin (picture-alliance/Bildagentur-online/Joko)

Das Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen ist heute eine Gedenkstätte

Auch über einen 18-jährigen Lehrling wird berichtet, aufgefunden am 21. Februar 6.15 Uhr in einer Gemeinde des Kreises Dresden-Land mit einer selbst zugefügten Schussverletzung im Brustbereich. Er war am Abend zuvor unter Mitnahme eines selbstgefertigten Schussgerätes zum Abfeuern von KK-Munition und diesbezüglich bei der GST-Ausbildung entwendeten Patronen sowie eines ebenfalls selbstgeschliffenen Glasermessers in Dresden-Neustadt in ein Taxi vom Typ "Wolga" gestiegen in der Absicht, mit diesem Pkw einen gewaltsamen Grenzdurchbruch nach der BRD zu begehen.

Zu diesem Zweck ließ er am Stadtrand von Dresden anhalten und stach dem Taxifahrer mit dem Glasermesser dreimal in den Rücken (wurde sofort medizinisch versorgt - keine Lebensgefahr). Da er seine Festnahme befürchtete, ergriff der Täter die Flucht und brachte sich die bereits angeführte Schussverletzung bei (ist außer Lebensgefahr). (ebd.)

In den penibel geführten Wochenberichten werden inzwischen um die 100 DDR-Bürger pro Woche registriert, die das Land ungesetzlich verlassen:

Im Zeitraum vom 20. bis 26. Februar 1989 haben 103 (Vorwoche = 114) Bürger die DDR ungesetzlich verlassen, davon

96 Personen unter Missbrauch von Privatreisen 

4 Personen durch Überwindung der Grenzsicherungsanlagen nach der BRD

2 Personen unter Missbrauch von Dienstreisen nach der BRD und VDR Jemen

1 Person auf bisher unbekannte Art und Weise.

Unter den Tätern befinden sich 6 Ärzte/Zahnärzte, 2 Diplomingenieure, 5 Ingenieure, 3 Gruppenleiter, 5 Krankenschwestern / med.-techn. Assistentinnen, 2 Ökonomen, 2 Studenten sowie je ein(e) Generaldirektor, Fernsehregisseur, Diplomformgestalter, Bauleiter, Fachdirektorin, Konstrukteur, Psychologe und Zahnarzttechnikerin. (BStU MfS ZAIG 4591, 94)

Hinzu kommt die Zahl der Woche für Woche festgenommen Fluchtwilligen:

Im Zeitraum vom 20. bis 26. Februar erfolgte die Festnahme von insgesamt

72 Bürger der DDR (Vorwoche -52), davon

3 Festnahmen wegen Straftaten im Zusammenhang mit Versuchen die ständige Ausreise zu erreichen (10),

69 Festnahmen wegen vorbereiteter bzw. versuchter ungesetzlicher Grenzübertritte, darunter 22 Bürger (7), die beabsichtigten bzw. versuchten, die Straftaten unter Missbrauch der Territorien anderer sozialistischer Staaten zu begehen. (BStU MfS ZAIG 4591, 92)

Revolution in Osteuropa 1989 Demonstration in Ungarn (AP Photo/U. Weitz)

Demonstration für mehr Demokratie und freie Parteien vor dem ungarischen Parlament in Budapest im März 1989

Zahnbürste und Pyjama habe er mit dabei, scherzte der Liedermacher Tamás Cseh am 27. September 1987 in Lakitelek, auf dem Gründunsgstreffen des Ungarischen Demokratischen Forums (MDF), obwohl der Dorflehrer und Dichter Sándor Lezsák die Versammlung in seinem Garten vorsichtig ein Freundestreffen nannte, ein Versammlungsrecht gab's ja noch nicht. Der Liedermacher nickte in die Richtung des Feldweges, der zum Haus führte, am Wegrand lauerte ein unbekannter Wagen, wer weiß, wo wir uns am Ende dieses Tages wiederfinden, sagte er. Inzwischen, seit dem 11. Januar 1989 gibt es in Ungarn Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, die Alternativen dürfen sich versammeln und sie dürfen an Versammlungen reden. Lezsák spricht an diesem Wochenende zu Arbeitern, für den Dichter eine Premiere - er muss die richtige Sprache finden: Gleisketten von Kampfpanzern unterdrückten unsere Revolution, sagt er in der Arbeiterstadt Dunaújváros, die bis 1961, weit über Stalins Tod hinaus noch Stalinstadt hieß, aus Dankbarkeit, denn das Giga-Stahlwerk entstand mit der Hilfe des Kreml, die sowjetische Rüstungsindustrie brauchte Stahl. Wir bereiten uns vor und befreien uns von 40 Jahren Unterdrückung, sagt Lezsák. Er kann schwer einschätzen, ob die Arbeiter in Dunaújváros sich unterdrückt fühlen, ob sie für oder gegen die Staatspartei sind, deshalb beeilt er sich zu erklären: Wir sind eine Bewegung, nicht eine Organisation, wir sind eine legale Bewegung.

Legal hin oder her, die Geheimdienste sind hinter Lezsák her, sie führen sein Überwachungsdossier-Dossier ("Ü-Dossier") unbeeindruckt weiter. Eröffnet wurde das Dossier wegen Gefährdung der Staats-, der Gesellschafts- und der Wirtschaftsordnung. Lezsák, wie auch all die anderen Ü-Dossier-Oppositionellen, bleibt für die Dienste ein Feindlich-Negativer, auch in Dunaújváros hören die Dienste mit und melden seine Rede an die Parteiführung.

(Alle Zitate, die im Roman vorkommen, sind kursiv gesetzt.)

Die 1963 in Ungarn geborene Zsuzsa Breier studierte in Budapest und Heidelberg Germanistik und Kulturwissenschaft und lehrte an der Berliner Humboldt-Universität. Im Jahr 2000 wechselte sie in den diplomatischen Dienst und leitete bis 2004 die Kulturabteilung der ungarischen Botschaft. 2012 wurde sie als Staatssekretärin für Europaangelegenheiten die erste Staatssekretärin in Deutschland ohne einen deutschen Pass. Seit 2016 arbeitet sie als freie Autorin.

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