Wendepunkt im Tigray-Konflikt | Aktuell Afrika | DW | 28.06.2021
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Äthiopien

Wendepunkt im Tigray-Konflikt

Die Hauptstadt der äthiopischen Konfliktregion Tigray ist offenbar wieder in der Hand der früheren Regionalregierung. Derweil hat Äthiopiens Premier Abiy Ahmed eine einseitige Waffenruhe verkündet.

Schwerer Rückschlag für Äthiopiens Regierung und Ministerpräsident Abiy Ahmed: Im Konflikt um die Region Tigray im Norden des Landes haben Aufständische die Regionalhauptstadt Mekelle anscheinend weitgehend kampflos zurückerobert. Soldaten, die der abtrünnig gewordenen früheren Regionalregierung die Treue halten, zogen in die Stadt ein. "Mekelle ist unter unserer Kontrolle", sagte Getachew Reda, Sprecher der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), per Satellitentelefon der Nachrichtenagentur Reuters.

Übergangsregierung auf der Flucht

Die von der Zentralregierung in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba eingesetzte Übergangsverwaltung war zuvor geflohen. Vor dem Einmarsch der Aufständischen in Mekelle hatte es aus der eingesetzten Übergangsregionalregierung bereits geheißen, diese habe ihren Sitz verlassen. Die Kämpfer der Volksbefreiungsfront hatten die Stadt demnach zunächst umzingelt.

Abiy Ahmed

Premier Abiy: Schwerer Rückschlag

Alle hätten Mekelle verlassen. "Die letzten gingen am Nachmittag", sagte ein Vertreter der Übergangsregierung, der anonym bleiben wollte, der Nachrichtenagentur AFP. Tigray habe nun "keine Regierung" mehr. Zeugen berichteten, dass auch Soldaten und Bundespolizisten aus Mekelle flohen. Einige plünderten demnach Banken und beschlagnahmten Privatfahrzeuge. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef vermeldete, äthiopische Soldaten seien in ein Büro in Mekelle eingedrungen und hätten Satellitentelefone zerstört. Ein UN-Sprecher verurteilte "jedwede Attacke auf humanitäre Helfer und deren Ausrüstung". Auch ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation bestätigte die Flucht von Tigrays Übergangsregierung. Eine unabhängige Überprüfung der Berichte ist zurzeit nicht möglich.

Am Montagabend waren laut übereinstimmenden Augenzeugenberichten Freudenschüsse in Mekelle zu hören. Die Einwohner der Stadt feierten demnach die Ereignisse und tanzten auf den Straßen. "Alle sind aufgeregt, es gibt Musik auf den Straßen. Alle haben ihre Fahnen ausgerollt und die Musik spielt", schilderte ein Bewohner die Lage.

Waffenruhe in der Erntesaison

Abyi Ahmeds Regierung verkündete eine Feuerpause bis zum Ende der Erntesaison. "Eine bedingungslose, einseitige Waffenruhe ab heute, 28. Juni, wurde ausgerufen", hieß es in einer Erklärung, aus der Staatsmedien zitierten. Damit solle es den Bauern in der Region ermöglicht werden, in Frieden ihre Äcker zu bestellen. Äthiopiens Hauptanbausaison dauert bis September. Außerdem könnten dank der Feuerpause unbehelligt Hilfsgüter an die Bevölkerung verteilt werden und die "TPLF-Truppen den Weg des Friedens wieder einschlagen".

Zuvor hatte der staatsnahe Sender Fana gemeldet, der Chef der Übergangsregierung von Tigray, Abraham Belay, habe die Zentralregierung aufgerufen, aus humanitären Gründen einer Waffenruhe zuzustimmen. Dies sei nötig, damit der Konflikt "nicht noch mehr Schaden" anrichte.

UN-Sicherheitsrat soll tagen

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen soll sich mit dem Thema Tigray beschäftigen. Die USA, Großbritannien und Irland beantragten ein Treffen des mächtigsten UN-Gremiums. Ein Termin für die Sitzung steht Diplomaten zufolge noch nicht fest.

Antonio Guterres

UN-Generalsekretär Guterres: "Außerst besorgniserregend"

UN-Generalsekretär António Guterres telefonierte nach Angaben der Vereinten Nationen mit Ministerpräsident Abiy Ahmed. Guterres ließ danach mitteilen, dass er auf ein Ende der Kämpfe hoffe. Die Situation in Tigray sei "äußerst besorgniserregend".

Die Regierung in Addis Abeba hatte im November eine Militäroffensive gegen die TPLF begonnen, die bis dahin in der Region im Norden Äthiopiens an der Macht war. Hintergrund waren jahrelange Spannungen zwischen der TPLF und der Zentralregierung. Inzwischen sind weitere Akteure beteiligt, darunter eritreische Truppen und Milizen. Hunderttausende Menschen in Tigray sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, allerdings hatten Hilfsorganisationen wegen der Sicherheitslage und bürokratischer Hürden lange keinen vollen Zugang zu allen Notleidenden.

AR/fw (afp, dpa, rtr, ap)

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