Weltweites Börsenbeben am ″Crash-Montag″ | Wirtschaft | DW | 24.08.2015
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Wirtschaft

Weltweites Börsenbeben am "Crash-Montag"

Das "chinesische Börsenbeben" ist in einer Welle von Ost nach West über die großen Aktienmärkte der Welt hinweggezogen. In Asien wie auch in Europa und in Amerika verloren die Börsenindizes wie seit Jahren nicht mehr.

"Das war ein echter Chaos-Tag", sagte ein Händler in Frankfurt. "Die Umsätze am deutschen Aktienmarkt sind am Montag massiv in die Höhe geschnellt. Im Dax wurden gut 294 Millionen Aktien für 10,88 Milliarden Euro gehandelt - das war weit mehr als das Doppelte des 90-Tage-Durchschnitts, der bei gut vier Milliarden Euro liegt.

Umsätze im zweistelligen Milliardenbereich sind rar gesät. Zuletzt kamen sie während der Euro-Krise im Mai vor fünf Jahren und vor allem während der Finanzkrise im Januar 2008 häufiger vor.

"Ich nehme das Wort ja nur ungern in den Mund, aber das heute war ein Crash", fasste ein Händler den Handelstag zusammen. "Die Sorgen um die globale Konjunktur nehmen inzwischen panikartige Züge an", erklärte Andreas Paciorek von CMC Markets. Bei den extrem hohen Umsätzen rauschte der Dax in der Spitze um 7,8 Prozent auf 9338 Punkte in den Keller - das war der niedrigste Stand seit Mitte Dezember 2014.

Rasante Talfahrt

Noch im April hatte der Leitindex dank der milliardenschweren Geldspritzen der Europäischen Zentralbank (EZB) ein Rekordhoch von 12.390,75 Zählern aufgestellt. Zum Handelsschluss notierte der Dax an diesem "schwarzen Montag" mit 9648,43 Punkten 4,7 Prozent schwächer - das höchste Tagesminus seit dem 1. November 2011 mit damals 5,0 Prozent. Auch an anderen Börsen in Europa ging es zu Beginn der neuen Handelswoche abwärts.

Rekordtiefs in New York, Shanghai und Tokio

In New York rauschte der Dow Jones Industrial wenige Minuten nach Börsenstart vorübergehend um mehr als 6 Prozent in die Tiefe und erreichte damit den niedrigsten Stand seit anderthalb Jahren. Danach erholte sich der Index wieder. Am Montagabend standen aber immerhin noch 3,57 Prozent Minus zu Buche.

Am härtesten hatte es die Aktienmärkte in Asien getroffen. Die Shanghaier Börse erlebte dabei den schlimmsten Einbruch seit acht Jahren, wichtige Aktienindizes lagen mit rund 8 Prozent im Minus. Der japanische Nikkei-Index gab um 4,6 Prozent nach und fiel erstmals seit fünf Monaten unter die Marke von 19 000 Punkten. Chinas Regierung denkt jetzt dem "Wall Street Journal" zufolge über verschiedene Maßnahmen nach, die die Konjunktur und den Finanzmarkt stützen sollen.

Alles hängt am chinesischen Wachstum

Jahrelang profitierten große Wirtschaftsmächte vom rasanten Wachstum im Reich der Mitte - nun geht die Sorge um, die Zeit des chinesischen Konjunktur-Turbos könnte vorerst vorbei sein. Zwar war die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt von Januar bis Juni im Vergleich zum ersten Halbjahr 2014 noch um sieben Prozent gewachsen. Den Märkten reichte das nicht, denn das Wachstum fiel so schwach aus, wie seit 25 Jahren nicht mehr.

Auch in anderen Schwellenländern wie Brasilien erlahmt die Wirtschaftskraft. Für Anleger zählen zudem vor allem die Zukunftsaussichten - und die Schätzungen von Experten versprechen so schnell keine Besserung. Unter den Sorgen leiden derzeit vor allem auch die Papiere deutscher Autobauer, für die China einer der wichtigsten Absatzmärkte ist. Daimler und BMW lagen am Montag jeweils mehr als drei Prozent im Minus. Schon in den vergangenen Tagen hatten schlechte Nachrichten vom chinesischen Automarkt die Kurse sinken lassen.

Kein Grund für "Alarmismus"

Neben den Kommentaren, die von einem "schwarzen Montag" sprechen, gibt es auch besonnene Stimmen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) etwa betonte in einer Mitteilung: "Der Aktiencrash an den chinesischen Börsen hat lediglich die kurzfristigen Höhenflüge der vergangenen Monate beendet."

Der Deutsche Industrie-und Handelskammertag (DIHK) sagte, es gebe trotz der Turbulenzen an den Börsen keinen Anlass zum "Alarmismus". Größter Absatzmarkt für die deutschen Unternehmen seien noch immer die Industrieländer, sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Allianz-Chefwirtschaftsberater Mohamed El-Erian hält die Talfahrt für überfällig. Schließlich habe die Politik des billigen Geldes der Zentralbanken die Kurse zu stark nach oben getrieben. "Wir liegen immer noch weit über dem, was fundamental gerechtfertigt wäre", sagte El-Erian dem Fernsehsender CNBC.

Jetzt ist Peking am Zug

Begonnen hatte das Börsenbeben in der Nacht in Shanghai. Die Entscheidung der Regierung in Peking, Pensionsfonds erstmals Investitionen am Aktienmarkt zu gestatten, enttäuschte die Anleger, die auf eine neue Geldspritze gewettet hatten. Diese werde nun für Dienstag erwartet und einige Anleger rechneten damit, dass Peking die Finanzmärkte regelrecht mit Liquidität fluten werde, erklärte Analyst Tobias Basse von der NordLB.

Mit der Abwertung des Yuan vor rund zwei Wochen - damit verbilligten sich chinesische Waren im Ausland - wollte die chinesische Zentralbank der Wirtschaft unter die Arme greifen. Doch viele Anleger sahen darin vor allem einen Beleg, dass es um die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt alles andere als gut bestellt ist. Zudem verteuerten sich dadurch ausländische Waren in China - dies wiederum schürte die Ängste vor einem weltweiten Konjunktureinbruch.

Teuer Euro ist nicht hilfreich

Belastet wurden die Aktienbörsen in Europa neben den China-Sorgen auch durch einen wieder steigenden Euro, der europäische Waren im Ausland generell verteuert und somit die Gewinne der Exporteure schmälert. Grund dafür sind die Spekulationen auf eine Verschiebung der ersten Zinserhöhung in den USA seit der Finanzkrise 2007/08.

"Es wird für die Fed sehr schwierig im September zu handeln", sagte Mohamed El-Erian von der Allianz. Das sahen viele Investoren auch so und beendet ihre Wetten auf einen steigenden Dollar, was im Gegenzug den Euro in der Spitze auf ein Sieben-Monats-Hoch von 1,1711 Dollar trieb. Am Abend notierte die Gemeinschaftswährung bei 1,1580 Dollar.

Wird die Zinswende nun verschoben?

Nach Einschätzung der Großbank Barclays wird die US-Zinswende wegen der jüngsten Börsenturbulenzen tatsächlich erst später über die Bühne gehen. Statt bereits die September-Sitzung für die erste Zinserhöhung seit fast zehn Jahren zu nutzen, werde die US-Notenbank Fed wohl bis März 2016 abwarten, so die Barclays-Analysten Michael Gapen und Rob Martin.

Zwar rechtfertige die gute Konjunktur in den USA erste Zinserhöhungen, die Fed werde aber nicht die Märkte weiter destabilisieren wollen, so Barclays weiter. Sollte sich die Lage entspannen, könnte die amerikanische Notenbank auch Ende 2015 schon handeln.

dk/nm (dpa, rtr, afp)