Welttheatertag: Türkische Theaterszene unter Druck | Kultur | DW | 27.03.2018
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Kultur

Welttheatertag: Türkische Theaterszene unter Druck

Eigentlich öffnen die Theater zum Welttheatertag ihre Tore. In türkischen Theatern bleiben einige Türen für immer geschlossen. Der politische Druck hat zugenommen. Kündigungen und Zensur sind an der Tagesordnung.

Barış Atay (Privat)

Barış Atay im Stück "Nur Dikator": 2018 wurde es "aus Sicherheitsgründen" verboten

Auf dem Index der Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" steht die Türkei schon seit langem ganz hinten - auf Rang 155 von 180 Staaten. Doch die Zensur nach dem Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan vor zwei Jahren trifft nicht nur die Medien. Auch das Theater in der Türkei erlebt derzeit schwere Zeiten. Schauspielern wird gekündigt, Theaterstücke werden verboten. In staatlichen und städtischen Theatern herrscht Zensur. An privaten Theatern treibt die Situation Künstler zur Selbstzensur. Es kursieren Gerüchte, dass es von Seiten der Regierung "schwarze Listen" mit Namen von unliebsamen Schauspielern gebe.

Seit der Verhängung des Ausnahmezustands im Juli 2016, der auf den Putschversuch gegen Erdogan folgte, hat auch der Druck auf die Theater zugenommen. Allein in Istanbuls städtischen Theatern wurde mehr als 20 Künstlern gekündigt. Man berief sich entweder auf das entsprechende Dekret zum Ausnahmezustand oder erklärte, die Leistung der Betroffenen sei ungenügend.

In Diyarbakır im Südosten der Türkei, wo mehrheitlich Kurden leben, ging man sogar noch einen Schritt weiter. Nachdem die Bürgermeisterin, Gültan Kışanak, verhaftet worden war, erhielt die Stadt einen von der Regierung entsandten neuen Bürgermeister. Dieser schloss im vergangenen Jahr das seit 28 Jahren bestehende Theater gleich ganz.

Theaterstücke sollen "einheimisch und national" sein

Für den Regisseur Orhan Alkaya, einer der ehemaligen Vorsitzenden der Städtischen Theater von Istanbul, stehen diese Probleme im direkten Zusammenhang mit der politischen Lage in der Türkei. "An den Theatern erleben wir derzeit genau dasselbe, wie in den Medien, den Gewerkschaften und den anderen demokratischen Institutionen", sagt Alkaya.

Orhan Alkaya (Privat)

Regisseur Orhan Alkaya hat die Hoffnung nicht aufgegeben

Auch das Staatliche Theater, das in zwölf türkischen Städten mehr als 600 Künstler beschäftigt, spürt den Druck der Politik. Im Anschluss an den Putschversuch hatte der damalige Leiter der Staatlichen Theater, Nejat Birecik, erklärt: "Um einen Beitrag zur Einheit des Vaterlandes zu leisten, werden wir die Saison nur mit einheimischen Stücken eröffnen".

Die darauffolgende Diskussion kreiste um die Frage, ob der von der Regierung häufig verwendete Ausdruck "einheimisch und national" nun auch die Theater erreicht hatte. Letztendlich wurde die Ankündigung, nur einheimische Stücke zu spielen, aber noch nicht umgesetzt.

Aufführungen werden "aus Sicherheitsgründen" abgesagt

Auch private Theater werden immer stärker unter Druck gesetzt. Das Einmannstück des jungen Schauspielers Barış Atay, "Nur Dikator", wurde nach knapp 160 Aufführungen im Januar 2018 in mehreren Städten "aus Sicherheitsgründen" verboten. In Kadıköy, dem Istanbuler Stadtviertel mit den meisten Theatern, besuchte die Polizei jedes Theater einzeln, um die Mitarbeiter über das Verbot zu unterrichteten.

Ähnlich erging es Ümit Denizer mit seinem Stück "Die Gerechtigkeit seid Ihr", das bislang 200 Mal aufgeführt wurde. In diesem Jahr ist es vom Spielplan verschwunden, obwohl die Verträge unterzeichnet waren. Die offizielle Begründung lautete: Die Theater müssen renoviert werden.

In dem Stück, erklärt Denizer, gehe es um die Ungerechtigkeit, die es immer schon in der Geschichte gegeben hat. Direkt mit der Türkei habe das Stück nichts zu tun. "Man hat uns angeboten, den Titel zu ändern. Wir haben das aber nicht gemacht, deswegen hat man uns nicht mehr in den Theatersaal gelassen."

Selbstzensur an der Tagesordnung

Emre Tandogan Regisseur (Ethem Tosun)

Regisseur Emre Tandoğan kann Selbstzensur nicht ausschließen

Die Maßnahmen der Regierung bleiben nicht ohne Folgen für das Repertoire der privaten Bühnen und für ihr Theaterverständnis. Viele Schauspieler und Regisseure stellen sich oft die Frage: "Wird mir das Probleme bereiten?" und zensieren sich selbst. Einige von ihnen leugnen das auch gar nicht.

Der Regisseur Emre Tandoğan, dessen innovative und experimentelle Stücke im Istanbuler  "Kleinen Salon" aufgeführt werden, sagt: "Wenn ich auch strikt dagegen bin, habe ich mich selbst bestimmt schon zensiert, ohne es zu merken. So etwas wird zu einem Teil von dir, ohne dass du es merkst."

Theaterspielen gegen die Hoffnungslosigkeit

Die größte Sorge der Schauspieler ist, dass Theater geschlossen werden oder dass sie keine Rollen mehr in TV-Serien oder Kinofilmen bekommen. Die Angst vor möglichen "schwarzen Listen", die derzeit in Künstlerkreisen kursiert, ist groß.

Der Regisseur und ehemalige Vorsitzende der Städtischen Theater von Istanbul, Orhan Alkaya, war nach dem Putsch von 1980 zunächst suspendiert und später wieder eingestellt worden. Im Vergleich zu damals, erzählt er, herrsche heute in den Theatern mehr Angst. Das beunruhigt ihn. Doch seine Hoffnung hat er nicht aufgegeben. "2008 verfasste ich die internationale Erklärung zum Welttheatertag am 27. März. Dort schrieb ich: Wir lehnen die Hoffnungslosigkeit ab, denn es wird weiter Theateraufführungen geben."

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