Weltklimarat-Forscher: ″Wir können nicht länger warten.″ | Umwelt | DW | 25.09.2019
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Umwelt

Weltklimarat-Forscher: "Wir können nicht länger warten."

Der Meeresspiegel soll bis Ende des Jahrhunderts noch mehr ansteigen als ursprünglich angenommen und bringt damit Küstenregionen in extreme Gefahr. Klimaforscher Hans-Otto Pörtner sagt, wir müssen jetzt handeln.

Der Weltklimarat (IPCC) untersucht in einem Sonderbericht den Zusammenhang zwischen Weltmeeren und Klimawandel. Wie beeinflusst die globale Erwärmung die abgelegensten Regionen der Erde - und was bedeutet das für die Gesellschaften auf verschiedenen Kontinenten.

In einem Interview mit der Deutschen Welle (DW) fasst Hans-Otto Pörtner, Klimatologe und Co-Vorsitzender der zweiten Arbeitsgruppe des Weltklimarats, die wichtigsten und alarmierendsten Ergebnisse des Berichts zusammen. Und er erklärt, warum wir so schnell wie möglich handeln müssen.

DW: Warum sollten wir uns Sorgen um die Meere und besonders die Kryosphäre, also das gefrorene Wasser in den Polar- und Eisgebieten auf unserem Planeten, machen?

Hans-Otto Pörtner: Darüber sollten wir uns alle Sorgen machen, denn Ozeane machen mehr als 70 Prozent unseres Planeten aus und wenn der Meeresspiegel ansteigt, dann hat das einen Einfluss auf viele Küstenlinien, vor allen auf solche, die tief liegen, sowie auf tief liegenden Inseln.

Kleine Inselstaaten gehören zu den am stärksten gefährdeten Orten der Erde. Wenn die Kryosphäre schmilzt, dann steigt der Meeresspiegel an und das spürt man in den Tropen. Was für einen besseren Beweis für solch eine Fernwirkung fällt Ihnen ein?  

Was sind die wichtigsten Ergebnisse des Weltklimarats-Berichts?

Hans-Otto Pörtner Klimaforscher

Klimaforscher Hans-Otto Pörtner

Die Prognose über den Anstieg des Meeresspiegels über die Zeit und in Relation von Klimaszenarien wurde aktualisiert. Wir wissen jetzt, dass der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts noch weiter ansteigen wird als ursprünglich angenommen. Tatsächlich könnten es über mehrere Meter sein. Und Sie können sich vorstellen, was das für die Infrastruktur und Städte an Küsten bedeutet. Viele Menschen werden höchstwahrscheinlich nicht mehr an bestimmten Orten leben können. Sie werden wahrscheinlich den Rückzug antreten müssen. Alles hängt davon ab, welche Strategien wir in den nächsten Jahren beschließen.

Dieser neueste Bericht ergänzt unsere anderen beiden Sonderberichte, die wir in diesem Berichtszeitraum veröffentlicht haben, der mit dem Sonderbericht über das 1,5-Grad-Erderwärmungsziel begann, und dem zweiten Sonderbericht über Klimawandel und die Landnutzung vom August.  

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Inwiefern ergänzt der neue Bericht diese beiden IPCC-Berichte?

Der 1,5-Grad-Ziel-Bericht hat gezeigt, dass Millionen Menschen mehr oder weniger betroffen sein werden. Wenn zum Beispiel die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts nicht bei 1,5 Grad, sondern bei 2 Grad liegt, dann steigt der Meeresspiegel um weitere 10 Zentimeter. Aber wenn wir einrechnen, dass sich, wie erwartet, die Intensität von Stürmen erhöht durch den Einfluss des Klimawandels, dann bedeutet das: wenn wir weniger ambitionierte Ziele zur Abschwächung des Klimawandels haben, werden weitere mehrere Millionen Menschen davon betroffen sein.

Das bedeutet also, wenn wir so weitermachen wie bisher, dann müssen wir manche Küstenstädte aufgeben?

Ich würde sagen die Prognosen weisen in diese Richtung. Der Bericht nennt die exakten Zahlen nicht, aber er sagt, dass die Zahlen höher ausfallen werden als in unserer ersten Analyse, dem AR5 Report [im Jahr 2014], angenommen. Der neue Bericht warnt politische Entscheidungsträger eindringlich, dass das beachtet werden sollte. Und ja, es könnte Orte auf der Welt geben, die wir nicht länger verteidigen können, je nachdem wie stark der Küstenschutz sein müsste, um das Wasser abzuhalten. 

Gibt es konkrete Empfehlungen an politische Entscheidungsträger, was genau sie tun sollten, um einen weiteren Klimawandel abzuschwächen und Menschen dabei zu helfen, sich auf den Klimawandel einzustellen - vor allem die, die am stärksten gefährdet sind?

Der Weltklimarat spricht keine Empfehlungen aus. Wir zeigen Optionen auf, sprechen über die Effektivität verschiedener Optionen und wie diese bei den Herausforderungen des Klimawandels helfen könnten. Dabei geht es nicht nur um den Anstieg des Meeresspiegels. In dem Bericht geht es auch um Veränderungen in den Meeren, wie zum Beispiel um den Verlust des Ökosystems Korallenriff, und wir suchen nach Bestätigung bisheriger Prognosen.

Der Bericht beschreibt auch die Veränderungen von Fischbeständen und den Einfluss des Klimawandels. Wie stark etwa die Produktivität in der Fischerei schrumpfen wird, hängt vom Grad des Klimawandels ab. All das ergänzt das Bild, das wir schon zur Landnutzung haben. Der Bericht unterstreicht zudem die Botschaft, dass es gut für die Menschheit wäre, wenn natürliche Ökosysteme wiederhergestellt würden. Man sollte die derzeitigen internationalen Bemühungen stärken, weitere Meeresschutzgebiete auszuweisen, die teilweise als Fischerei-Pufferzonen fungieren, auch um die Biodiversität zu erhalten. 

Die Hauptbotschaft ist, dass es keine Abweichung gibt von dem, was wir bereits in den anderen beiden Berichten gesagt haben. Die abgelegenen Gegenden dieses Planeten sind mit den Orten verbunden, an denen wir leben. Und wir werden die Auswirkungen des Klimawandels an diesen abgelegenen Orten spüren, zusätzlich zu den Auswirkungen, die wir an den Orten auslösen, wo wir leben.

Der Sonderbericht über Klimawandel und Landnutzung hat eine Debatte darüber ausgelöst, was wir tun müssen, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen und unsere Zukunft zu sichern. Selbst Politiker scheinen jetzt offenbar handeln zu wollen. Erwarten Sie, dass der neue Bericht über Meere und die Kryosphäre eine ähnliche Wirkung haben wird?          

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Ich würde sagen, ja. Es komplettiert das Bild, das wir von unserem gesamten Planeten haben, und davon,  wie der Planet auf den Klimawandel reagiert. Es geht zum Beispiel darum, welche Rolle die Kryosphäre bei der Trinkwassersicherung von uns Menschen spielt. Wir sehen Gletscher verschwinden. Das betrifft besonders die Regionen unserer Erde, die am meisten auf Gletscher zur Trinkwassersicherung angewiesen sind. Auch dabei spielt die Kryosphäre eine Rolle.

Für viele Küsten, einschließlich vieler in Europa, ist es essentiell, dass wir das Ausmaß des Klimawandels begrenzen, ansonsten können wir Orte und viel Infrastruktur verlieren. Also welche Motivation brauchen wir noch, zusätzlich zu den Informationen, die wir bereits haben? Wir haben bereits verschiedene Emissionsszenarien im 1,5-Grad-Bericht diskutiert und festgestellt, dass wir bis zum Jahr 2030 die Emissionen des Jahres 2010 um 50 Prozent einschränken müssen und bis 2050 einen Netto-Null-Ausstoß erreichen müssen.

Und jetzt sagen wir aufgrund all dieser Information, dass es Zeit zu handeln ist. Und dass wir keine Zeit mit Warten verlieren können. Es gibt keine Zeit mehr für ausgedehnte Diskussionen, politische Diskussionen. Wir sollten alle uns zur Verfügung stehenden Technologien einsetzen, um den Klimawandel so gut wie möglich zu begrenzen. Und weil wir das Klima nicht mehr auf seinen ursprünglichen Zustand zurückbringen können, müssen wir lernen, uns anzupassen. Diese Optionen werden in diesem Bericht untersucht.

Sind Sie optimistisch, dass wir den Klimawandel noch unter Kontrolle bringen können?

Wenn ich all die Optionen bedenke, die wir diskutiert haben, und wenn ich mir die  momentane Bewegung angucke - die Mobilisierung der jungen Generation, die diese Informationen in einer sehr klaren und überzeugten Weise aufnimmt - wenn wir auf dieses Momentum aufbauen, dann sehe ich eine Chance. Die Politik verändert sich. Politiker spüren den Druck zu handeln und viele von ihnen sehen auch selbst die Risiken. Sie reagieren nicht nur auf die Interessen der Wähler, sondern fangen vielleicht endlich selbst an, die existentielle Gefahr zu realisieren, die vom Klimawandel ausgeht.

Hans-Otto Pörtner ist ein deutscher Klimaforscher und Co-Vorsitzender der zweiten Arbeitsgruppe des Weltklimarats (IPCC). Er ist Leiter der Abteilung für Integrative Ökophysiologie am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. 

Das Interview führte Irene Quaile

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