Weltflüchtlingstag: Wie ein Pakistaner für Europa alles riskierte | Asien | DW | 20.06.2021
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Pakistan

Weltflüchtlingstag: Wie ein Pakistaner für Europa alles riskierte

Israr Ahmed Khan hat Schleppern viel Geld bezahlt für seinen Traum vom Leben in Europa. Für die DW berichtet der Pakistaner aus Kaschmir von den Gefahren und Entbehrungen auf seiner Flucht nach Deutschland.

Bosnien-Herzegowina | Migranten auf dem Weg nach Europa

Sehnsuchtsort Europa: Viele Flüchtlinge aus Pakistan zieht es in die Europäische Union

Weil er sich politisch engagiert hatte, fürchtete Israr Ahmed Khan in seiner Heimat um sein Leben. Die Heimat, das ist für Khan der pakistanische Teil Kaschmirs. Im Dezember 2012 fasste der damals 32-Jährige den Entschluss, Kaschmir Richtung Europa zu verlassen.

Khan hatte den Zorn pakistanischer Sicherheitsbehörden auf sich gezogen, weil er die Unabhängigkeit des Teils von Kaschmir forderte, der unter pakistanischer Kontrolle steht. Er hatte sich auch offen gegen Dschihadisten und sektiererische Gruppierungen gestellt, die seiner Meinung nach eine Gefahr für das friedliche Zusammenleben in der Region darstellen.

Die Flucht begann der Pakistaner mit einer Lüge. Er werde nach Rawalpindi reisen, eine Stadt in der Nähe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, hatte Khan seiner Familie erklärt. In Wahrheit hatten er einen Plan für die Flucht nach Europa im Gepäck - das Geld dafür hatte er sich von seiner Familie geliehen.

Schmale, dicht bewachsenes Tal mit Fluss in der Sohle

Das Kashmirtal im ehemals pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs

Statt nach Rawalpindi zu fahren, machte sich Khan auf den beschwerlichen Weg in die westliche pakistanische Provinz Belutschistan, die an den Iran grenzt. "In der Hafenstadt Karatschi erfuhren Polizisten irgendwie, dass ich ins Ausland wollte", berichtet Khan der DW.

Schmiergeld zur Weiterfahrt

"Ein Polizeifahrzeug hielt mich und meinen Freund an und die Polizisten verlangten Geld. Ich hatte keine andere Wahl, als ihnen 5000 Rupien (rund 27 Euro, d. Red) zu geben. Dann stiegen wir im Stadtteil Lyari in Karatschi in einen Bus nach Belutschistan."

"Ich ließ einen Seufzer der Erleichterung fahren, nachdem die Polizisten mich ziehen ließen", erinnert sich Khan. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass die Episode in Karatschi nur der Anfang einer langen Liste von Bestechungszahlungen an eine Reihe von Beamten auf seinem Weg nach Europa sein würde. 

"Ich bin dann in einen überfüllten Bus gestiegen, der uns nach Gwadar, einer Stadt in Belutschistan, brachte. Von dort aus erreichten wir das Grenzgebiet und reisten in den Iran. Aber nachdem wir einige Tage im Iran unterwegs waren, wurden wir von den iranischen Behörden erwischt."

"Wie Tiere behandelt"

Khan und seine Freunde wurden, seinen Angaben zufolge, in der Nähe des Hafengebiets in der Stadt Bandar Abbas festgenommen. Dutzende von Menschen seien in ein kleines, schmutziges Gefängnis gepfercht worden. Das Essen dort sei so abgestanden gewesen, dass er sich allein bei dessen Anblick fast habe übergeben müssen. "Die Iraner prahlen mit der Bruderschaft der Muslime, aber die Art und Weise, wie sie uns behandelt haben, lässt sich nicht mit Worten erklären. Sie haben uns wie Tiere behandelt."

Nachdem sie drei Wochen im Gefängnis verbracht hatten, wurden sie aus dem Iran nach Pakistan zurückgebracht. Doch nach der anfänglichen Erleichterung kamen schnell neue Schwierigkeiten: "Ich war fassungslos, als pakistanische Beamte begannen, Wertsachen von den niedergeschlagenen Migranten einzusammeln, die von der beschwerlichen Reise total erschöpft waren", erzählt Khan. "Ein pakistanischer Sicherheitsbeamter forderte mich auf, meinen Goldring auszuhändigen. Ich fragte: warum? Und er antwortete, dass es ein Geschenk von mir an sie sei."

Nachdem es Khans Freund gelungen war, seine Verbindungen in die pakistanische Regierung zu nutzen, wurden sie in das von Pakistan verwaltete Kaschmir zurückgebracht.

Leichen auf dem Rückweg

Trotz dieser schlechten Erfahrungen wagten die beiden Pakistaner kurze Zeit später einen neuen Fluchtversuch Richtung Europa. "Diesmal nahmen wir die gleiche Route, schmierten den Beamten auf unserem Weg in den Iran und trafen dort Schlepper, die uns in das iranisch-türkische Grenzgebiet brachten. „Als wir uns der Grenze näherten, wurden wir von Soldaten beschossen, blieben aber glücklicherweise unverletzt", berichtet er.

Kinder und Ziegen zwischen Lehmhütten auf kargem Boden

Armut in Pakistan: Blick auf ein afghanisches Flüchtlingscamp in der Region Islamabad

"Iranische Grenzsoldaten halfen uns bei der Einreise in die Türkei. Ich wurde verletzt, als ich über den Grenzzaun kletterte. Einige aus meiner Gruppe erlitten ebenfalls Prellungen. Gleich nach der Einreise in die Türkei wurden wir von den dortigen Behörden festgenommen und zurück in den Iran geschickt, von wo aus wir nach Pakistan abgeschoben wurden."

Auf dem Rückweg nach Pakistan erlebte Khan beängstigende Szenen, sah Leichen von Flüchtlingen und Migranten, die in verlassenen Gebieten ausgesetzt worden waren. Nach dieser Erfahrung habe sein Freund den Plan aufgegeben, nach Europa zu flüchten, sagt er. "Aber ich war entschlossen, einen dritten Versuch zu unternehmen."

Der dritte Versuch

"Diesmal haben sich unsere Schlepper gut mit Schleppern in der Türkei und im Iran abgestimmt. Wir sagten, wir würden sie erst bezahlen, wenn wir es nach Griechenland geschafft hätten. Die iranischen Schlepper kontaktierten ihre türkischen Kollegen und halfen uns, die Grenze zur Türkei zu erreichen."

In der Grenzregion stiegen Leute in den Bus und fragten nach den Namen der Schlepper. "Sie brachten uns dann in den Keller eines Hauses, wo ich mit Entsetzen sah, dass Migranten aus Bangladesch, Pakistan, Afghanistan und anderen Ländern angekettet waren. Dann wurde mir klar, dass ich für Lösegeld entführt worden war."

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Europas vergessene Flüchtlingskrise

Der Anblick dieses Ortes habe ihm Schauer über den Rücken gejagt, erzählt Khan. Die Entführer hätten die Migranten gefoltert, um ihre Folterspuren und Schreie ihren Verwandten per Skype zu zeihen und Lösegeld zu fordern.

"Ich dachte, es wäre der letzte Tag meines Lebens", erinnert sich Khan. Die Entführer schlugen zu und sagten mir, dass sie sich später um mich kümmern würden. "Aber zum Glück wurde der Keller von der türkischen Polizei und den Geheimdiensten gestürmt, und wir wurden aus der Hölle, in der wir uns befanden, gerettet."

Endlich in Europa gelandet

"Ich war niedergeschlagen und hatte alle Hoffnung verloren. Aber dann traf ich einen Pakistaner, der mich mit einem Schlepper in Kontakt brachte, der versprach, mir bei der Flucht nach Griechenland zu helfen."

2013 erreichte Khan die Europäische Union. Eineinhalb Jahre arbeitete er in Griechenland in der Landwirtschaft unter widrigen Bedingungen. Es folgten zwei Jahre in einer kommunalen Einrichtung, bevor er vor ein paar Jahren nach Deutschland gelangte. "Während dieser ganzen Zeit habe ich auch verschiedene Länder besucht und an Konferenzen zum Thema Menschenrechte teilgenommen."

Mit Rucksäcken bepackte Menschen zwischen Zelten vor einer Mauer

Migranten in Griechenland machen sich auf den Weg nach Norden

Heute ist Khan 41 Jahre alt und glücklich, in Deutschland zu sein. "Dieses Land und der Kontinent haben mir ein neues Leben geschenkt. Das Gefühl von Freiheit und Menschenwürde, das ich hier jetzt spüre, habe ich vorher nie gespürt. Ich arbeite für ein türkisches Unternehmen und hoffe, einen Beitrag zur Wirtschaft in Deutschland und der EU zu leisten."

Aus dem Englischen adaptiert von Andreas Noll.

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