Kannengießer: ″Brauchen Pläne für den Neustart nach der Pandemie″ | Wirtschaft | DW | 07.05.2020
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Deutsch-afrikanische Wirtschaftsbeziehungen

Kannengießer: "Brauchen Pläne für den Neustart nach der Pandemie"

Die Folgen von COVID-19 in Afrika werden auch den Handel mit Deutschland belasten, sagt Christoph Kannengießer vom Afrika-Verein. Eine Neuausrichtung bei den Lieferketten biete aber auch große Chancen für den Kontinent.

DW: Das letzte Jahr war ein gutes Jahr für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Afrika: Für Entwicklungszusammenarbeit wurde mehr Geld ausgegeben und auch der Handel ist gewachsen. Wie besorgt sind die deutschen Unternehmen, dass Corona dem nun ein sehr schnelles Ende bereitet?

Christoph Kannengießer:Unternehmen sind jetzt akut erst einmal mit Krisenmanagement der laufenden Projekte beschäftigt. Was die Aussichten angeht, ist es noch ein bisschen zu früh. Wenn wir ein schnelles Ende der Lockdowns und Einschränkungen im Handel und auch im Personenverkehr sehen, dann gibt es sicherlich Chancen, dass man ökonomisch mit einem blauen Auge davonkommt. Aber das ist aktuell nicht sehr wahrscheinlich.

Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft

Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft

Der Ölpreis ist abgestürzt. Der Tourismus funktioniert nicht mehr. Viele der Exportgüter finden auch keine Absatzmärkte mehr. Und auch die Binnensituation in den allermeisten afrikanischen Ländern ist natürlich sehr kompliziert, weil viele Menschen von Subsistenzwirtschaft leben. Deshalb  sind sie auch von solchen Lockdown-Maßnahmen besonders betroffen. Das ist ein reales Risiko für eine nachhaltige Abschwächung der Wachstums-Entwicklung in Afrika.

Im Moment erwarten Ökonomen für dieses Jahr erstmals seit vielen Jahren in Afrika eine Rezession. Und es wird natürlich Handel und Investitionen deutscher Unternehmen in Zukunft erst mal negativ betreffen.

Sind denn schon von Deutschland geschaffene Jobs durch Corona weggefallen?

Wir haben ja die größten Investitionen, die auch mit Arbeitsplätzen verbunden sind, in Südafrika. Dort gibt es einen totalen Lockdown. Es gibt, wie ich das bis heute gehört habe, noch keine große Kündigungswelle. Aber es ist natürlich nicht auszuschließen, angesichts der extrem komplizierten Lage, in der sich Südafrika im Moment befindet. Tunesien ist ein anderes Beispiel. Dort hört man, dass beispielsweise die Automobil-Zulieferindustrie die Arbeit wieder aufnimmt - auch weil die Produktion in Europa wieder anläuft. Ähnliches hören wir aus Marokko.

Die Entwicklungszusammenarbeit ist ein auch wichtiger Pfeiler für deutsche Unternehmen, die in afrikanischen Ländern wirtschaftlich tätig sind. Die Strategie des Entwicklungsministeriums wird jetzt mit dem Plan BMZ 2030 neu ausgerichtet. Wie bewerten Sie das Vorhaben?

Es wird eine veränderte Form der Steuerung des Hauses und damit auch der Mittel geben, die stärker sich an den Themen Effizienz- und Wirkungsorientierung orientieren. Das ist sicherlich bei einem so großen Haushalt mit zehn Milliarden Euro begrüßenswert. Das zweite Element ist eine stärkere Fokussierung, was die Länder angeht, mit denen bilaterale Zusammenarbeit gepflegt wird.

Auch hier glaube ich, dass der Grundansatz richtig ist zu sagen: Wir wollen lieber etwas weniger Länder und Themen, aber dann mit größeren Projekten und größeren Volumina fördern, statt überall und nirgends mit kleineren Projekten unterwegs zu sein.

Was uns fehlt, ist eine weitere Fokussierung auf das Thema der wirtschaftlichen Kooperation und der Stärkung von Wachstum und Investitionen in Entwicklungsländer und insbesondere in Afrika. Also im Grunde die Aufhebung dieser künstlichen Trennung zwischen Außenwirtschaftsförderung auf der einen Seite und Entwicklungszusammenarbeit auf der anderen Seite.

Was sollten denn deutsche Unternehmen jetzt tun?

Ich glaube, es geht vorrangig um die Frage: Was können wir tun, wenn diese Pandemie vorbei ist - in der Hoffnung, dass sie möglichst schnell vorbei ist und möglichst wenig ökonomische Spuren hinterlässt - ist aus meiner Sicht eine Konzentration auf wirtschaftliches Wachstum, auf die Förderung von Investitionen und auf die Schaffung von Arbeitsplätzen zu legen.

Und wir sollten uns frühzeitig darüber Gedanken machen, wie ein Plan und wie auf der Grundlage eines Planes Instrumente aussehen können, mit denen so etwas gelingen kann, damit Afrika möglichst schnell wieder Anschluss an eine insgesamt doch recht positive Entwicklung in den letzten Jahren finden kann. Und auch die ökonomischen und sozialen Verwerfungen sich in Grenzen halten.

Vorzeigeobjekt: VW-Montagefabrik in Ruanda

Vorzeigeobjekt: VW-Montagefabrik in Ruanda

Corona hat die Abhängigkeit von China bei den Lieferketten infrage gestellt. Könnte die Zeit nach der Pandemie nicht vielleicht auch dazu führen, dass Europa stärker in der geografischen Nähe produziert und Nordafrika als Gewinner aus dieser Situation heraus geht?

Die Diversifizierung von Lieferketten ist sicherlich eine der Schlussfolgerungen, die viele Unternehmen ziehen werden, wenn sie nach Corona den Blick in die Zukunft richten. Ich glaube, dass Afrika hier auf jeden Fall in den Blick genommen werden sollte. Das ist den Unternehmen zu empfehlen.

Das ist auch der Außenwirtschaftspolitik zu empfehlen hier unterstützend und beratend zur Seite zu stehen. Insofern könnte in der Tat industrielle Wertschöpfung in Afrika ein ganz neues Thema mit ganz neuer Dynamik nach Corona werden.

Das Gespräch führe Nicolas Martin.

Christoph Kannengießer ist seit 2012 Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft.

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