Weit verbreitete Impfskepsis in Russland | Europa | DW | 27.10.2021
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Corona-Pandemie

Weit verbreitete Impfskepsis in Russland

Wegen der sich zuspitzenden Corona-Lage müssen russische Regionen wieder in einen Lockdown gehen. Ein Grund: die niedrige Impfquote. Doch warum sind gerade so viele Russen so skeptisch gegenüber einer COVID-Impfung?

In Moskau und in der Region rund um die russische Hauptstadt werden ab diesem Donnerstag Läden und zahlreiche weitere Einrichtungen wie Schulen, Restaurants, Fitnessstudios und Friseursalons geschlossen. Nur Apotheken und Lebensmittelgeschäfte dürfen noch öffnen. Eine Ausnahme gilt für Theater und Museen, die man mit einem QR-Code betreten darf, mit dem eine Impfung oder eine Genesung nachgewiesen wird. Auch in vielen anderen Regionen des Landes gelten für Ungeimpfte Beschränkungen. Der neue Lockdown gilt bis zum bis 7. November.

Vor einer Woche hatte Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin die Verhängung eines harten Lockdowns angekündigt, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin einen Tag zuvor ein Dekret über arbeitsfreie Tage in der ersten Novemberwoche unterzeichnet hatte. Die Behörden des Landes greifen zu dieser Maßnahme, weil in Russland neue Höchstwerte bei COVID-19-Erkrankungen und Todesfällen gemeldet werden, und das vor dem Hintergrund einer viel zu geringen Impfrate.

Mit Lockdown und Impfpflicht gegen die neue Welle

Offiziell läuft in Russland die Impfkampagne schon seit fast einem Jahr. Doch vollständig geimpft ist derzeit nur rund ein Drittel der russischen Bevölkerung, einschließlich derer, die schon vor mehr als sechs Monaten ein Vakzin verabreicht bekommen haben. Im Vergleich mit vielen anderen entwickelten Ländern ist dies ein sehr geringer Wert - in Deutschland beispielsweise ist die Impfquote mehr als doppelt so hoch.

Russland | Bürgermeister von Moskau Sergei Sobjanin

Sergej Sobjanin rechnet mit neuen COVID-Höchstwerten

Die Erkrankungen und Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 erreichten im Oktober Höchstwerte. Die russischen Behörden meldeten am 27. Oktober fast 36.600 Neuinfektionen - so viele wie nie zuvor seit Beginn der Corona-Pandemie. Jeden Tag sterben im Land um die 1000 Menschen im Zusammenhang mit COVID-19. "In den kommenden Tagen werden wir historische Höchststände bei der COVID-Inzidenz erreichen", warnte jüngst Moskaus Bürgermeister Sobjanin.    

Die sich aufbauende Corona-Welle wollen die Behörden nun mit einem Lockdown und einer faktischen Impfpflicht brechen. Laut einer Umfrage der "Stiftung für Öffentliche Meinung" (FOM) sind sich die Russen in dieser Frage allerdings uneinig: 47 Prozent der Befragten befürworten eine Impfpflicht, gleich viele lehnen sie ab. Zugleich ist die Mehrheit (60 Prozent) davon überzeugt, dass zur Bekämpfung des Coronavirus Massenimpfungen nötig sind, nur 23 Prozent halten sie für unnötig.

Misstrauen gegenüber Behörden und Impfstoffen

Bis Anfang des Sommers habe der Anteil der Impfgegner unter den Russen bei etwa 60 Prozent gelegen, während etwa 30 Prozent bereit gewesen seien, sich impfen zu lassen, so der Leiter des russischen Meinungsforschungsinstituts "Lewada-Zentrum", Denis Wolkow, gegenüber der DW. Im Sommer ging der Anteil der Impfgegner zwischenzeitlich leicht zurück, nachdem in Moskau zwei Wochen lang kein Café oder Restaurant betreten werden durfte, ohne dass eine Impfung, Genesung oder ein negatives Testergebnis per QR-Code nachgewiesen werden konnte. Nach Aufhebung der Maßnahme sank die Impfbereitschaft der Menschen erneut und die pro Tag vorgenommenen Impfungen gingen zurück.

Die Umfragen des "Lewada-Zentrums" zeigen, dass die mangelnde Impfbereitschaft in Russland vor allem auf einem Misstrauen gegenüber den Impfstoffen und den Behörden zurückzuführen ist. Wolkow stellt fest, dass in Russland eine kritische Wahrnehmung der verschiedenen Machtstrukturen weit verbreitet ist. So missbilligt etwa die Hälfte der Russen die Arbeit der Regierung.

Russland Moskau | Krankenhaus | Mikhail Mishustin, Premierminister

Premierminister Michail Mischustin (r.) bei einem Krankenhausbesuch im Juni 2021

"Wir sehen, dass bei denen, die eine negative Einstellung gegenüber den Behörden haben, der Anteil der Impfwilligen viel geringer ist", so der Soziologe. Ihm zufolge lehnen diejenigen, die den Behörden misstrauen, so gut wie alle staatlichen Initiativen ab - egal, ob es um Impfkampagnen, die Einführung digitaler Abstimmungen oder den Ausbau der Videoüberwachung geht. Doch die meisten derer, die sich vor einer Impfung füchteten, erklärt Meinungsforscher Wolkow, hätten gleichzeitig  Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus.

Keine Verbote, sondern Aufklärung gefordert

Gegenwärtig unterstützt nur rund die Hälfte der russischen Bevölkerung die Bemühungen der Behörden im Kampf gegen das Coronavirus, so das Forschungsinstitut "Romir". Deren Leiter Andrej Milechin sagt: "Wir sehen eine Polarisierung der Gesellschaft." Deshalb gebe es im Internet viele Debatten und auch zahlreiche gezielt gestreute Falschinformationen.

Doch darauf würden die Behörden falsch reagieren, meint Milechin: nämlich mit Verboten und Einschränkungen. Fast unmittelbar nach Ausbruch der Pandemie in Russland im März 2020 verabschiedete die Staatsduma ein Gesetz, das im Not- und Katastrophenfall Verstöße gegen sanitäre und epidemiologische Vorschriften unter Strafe stellt.

"Es ist praktisch unmöglich, alles zu schließen oder zu verbieten. Man muss die Maßnahmen klar begründet und sachverständig erläutern", findet Milechin. Entscheidungsträger sollten seiner Meinung nach begreifen, dass die Gesellschaft komplex strukturiert ist. Jeder Bevölkerungsgruppe müssten Argumente geliefert werden, die sie überzeugen würden, die bisher ergriffenen Regeln im Kampf gegen das Coronavirus einzuhalten.

Spornt der Lockdown zu Impfungen an?

Russland Denis Wolkow

Denis Wolkow fordert konsequente Maßnahmen

Laut Daten, die das Portal gogov.ru in den letzten Tagen gesammelt hat, nähert sich die tägliche Impfrate wieder den Spitzenwerten, die im vergangenen Sommer gemessen wurden. Seit Mitte Oktober lassen sich täglich mehr als 500.000 Menschen impfen. Allein die Ankündigung des Lockdowns und die zunehmenden Beschränkungen für Ungeimpfte in verschiedenen Regionen haben sich bereits auf die Haltung der Russen bezüglich einer Impfung ausgewirkt, glaubt Denis Wolkow vom "Lewada-Zentrum".

"Unsere Studien haben gezeigt, dass ein erheblicher Anteil derjenigen, die sich nicht impfen lassen wollten, auf den Moment gewartet haben, bis sie nicht mehr um eine Impfung herumkommen. Entsprechende Maßnahmen funktionieren jedoch nur, wenn sie konsequent und von Dauer sind, was bei uns aber nicht der Fall ist", bemängelt der Soziologe. Wolkow ist überzeugt, dass in Europa gerade der lange und harte Lockdown weitgehend dazu beigetragen hat, dass sich die Europäer in größerer Zahl impfen ließen als es in Russland bislang der Fall war.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

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