Weisner: ″Die Vorwürfe sind berechtigt″ | Kultur | DW | 05.02.2014
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Kultur

Weisner: "Die Vorwürfe sind berechtigt"

Vertuschung und Verweigerung bei der Aufklärung von Missbrauch - das wirft ein UN-Gremium der katholischen Kirche vor. Die Bewegung "Wir sind Kirche" hält die Vorwürfe für berechtigt, sagt ihr Vorsitzender.

DW: Herr Weisner, ist der Bericht des UN-Kinderrechtsausschusses eine Ohrfeige für die Katholische Kirche?

Christian Weisner: Ich glaube, es ist wichtig, daß die Katholische Kirche sich als Weltorganisation auch den kritischen Augen der Vereinten Nationen und seinem Kinderrechtsausschuss stellt. Die Katholische Kirche hat seit Jahrzehnten ein riesiges Problem. Sie hat mit Entschädigungszahlungen vor allem in den USA schon Millionen verloren. Und vor allem hat sie ihre Glaubwürdigkeit verloren. Man muß aber auch anerkennen, daß es jetzt spät - hoffentlich noch nicht zu spät - auch in der Katholischen Kirche Bemühungen gibt, sich dieser schwierigen Frage zu stellen: Warum kommt sexuelle Gewalt auch in der Katholischen Kirche vor, wo die Kleriker doch einen hohen Anspruch haben und verkünden? Und warum ist dies Jahrzehnte lang vertuscht worden? Und das muss ein Anstoß sein, dass die Katholische Kirche sich jetzt weltweit dieses Problems endgültig und positiv und konstruktiv annimmt.

Der Kinderrechtsausschuß hat festgestellt, es sei Kirchenraison über die Kinderrechte gestellt worden. Trifft dieser Vorwurf zu?

Ja, absolut. Denn das ist ja genau das Verfahren: Wenn ein Priester, ein Ordensmann kriminell gehandelt hat, dann wurde oft gesagt: 'Das regeln wir kirchenintern, nach dem Kirchenrecht. Wir schalten nicht die Staatsanwaltschaft ein.' Und dieser Priester oder Ordensmann wurde versetzt in ein anderes Kloster, in eine andere Gemeinde. Das Schlimme ist ja, dass dort die Gemeinde nicht vorgewarnt war. Und es wurden dann Versprechen abgenommen: 'Ja, er wird das nicht wieder tun.' Das hat sich als wirklich fatal erwiesen, als ein schwerwiegender Fehler. Wir müssen wirklich aufpassen, daß dieses Verhalten, das nicht nur in der Kirche vorkommt, in der Kirche weitestgehend ausgemerzt wird.

Muss das Kirchenrecht geändert werden, um Aufarbeitung wirklich zu ermöglichen?

Ich denke, es muß kirchenrechtlich so geregelt werden, dass die Kirche und ihre Institutionen mit den staatlichen Institutionen zusammen arbeiten. Bisher ist es ja vom Verständnis so gewesen, dass der Täter mehr geschützt worden ist als das betroffene Kind. Und ich denke, diesen seelischen und körperlichen Schaden, den die Kinder und Jugendlichen, aber auch viele Frauen in der Katholischen Kirche durch eine Vergewaltigung erlitten haben, den hat das Kirchenrecht bisher überhaupt nicht wahrgenommen.

Christian Weisner ist Sprecher der KirchenVolksBewegung "Wir sind Kirche". Die Laienorganisation setzt sich für eine Erneuerung der römisch-katholischen Kirche ein.