Wegen der Flüchtlinge in den Bundestag | Deutschland | DW | 31.08.2018
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Drei Jahre "Wir schaffen das"

Wegen der Flüchtlinge in den Bundestag

Wenn ihr vor gut zwei Jahren jemand erzählt hätte, sie würde Bundestagsabgeordnete - Simone Barrientos hätte ihn schief angeguckt. Doch dann kamen die Flüchtlinge und ein schreckliches Attentat.

MdB Simone Barrientos, die Linke in Ochsenfurt (DW/Heiner Kiesel)

Simone Barrientos hat sich früh in der Flüchtlingsarbeit engagiert

Fiete ist ein Weg-vom-Schreibtisch-Hund und sorgt dafür, dass Simone Barrientos sehr regelmäßig durch die kopfsteingepflasterten Gassen des fränkischen Städtchens Ochsenfurt geht. "Ohne diese Stadt und die Leute hier wäre ich nicht Abgeordnete geworden", sagt die kulturpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, als sie zwischen den Fachwerkhäusern Richtung Main läuft. Seit vier Jahren wohnt sie hier im Norden Bayerns - nachdem sie Berlin verlassen hat, um mehr Ruhe zu haben. Es klingt ein bisschen wie die Suche nach der heilen Welt. Doch Ochsenfurt war doch nicht der richtige Ort dafür, vielleicht aber ist Barrientos auch nicht die richtige Person für einen friedlichen Alltag.

Sie deutet die Straße entlang. In der Kurve am Ende ist das hellgetünchte Gebäude des Kolpingwerks zu sehen. Dort sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Dort wohnte auch der junge Mann, der Ochsenfurt vor gut zwei Jahren in die internationalen Schlagzeilen gebracht hat, weil er in einem Regionalzug mit Axt und Messer auf Passagiere eingeschlagen hatte.

MdB Simone Barrientos, die Linke in Ochsenfurt (DW/Heiner Kiesel)

Hier stieg der Täter mit der Axt in den Zug

Am Mainufer lässt Barrientos ihren Tibet-Terrier von der Leine. "Ich war hier unten spazieren, als ich das über die sozialen Netze mitbekommen habe."

Krisenkommunikatorin nach dem Axtangriff

"In den Tagen und Wochen danach habe ich viel über mich gelernt", sagt die Bundestagsabgeordnete. Sie hatte die Pressearbeit in der Stadt rund um die Tat des jungen Flüchtlings übernommen. Sie beschreibt sich als jemanden, der schon immer politisch und progressiv war. In der DDR sei sie angeeckt und habe nicht studieren dürfen. Als sie nach Ochsenfurt kam, hat sie bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) die Flüchtlingsarbeit geleitet. Sie guckt nicht gerne nur zu, wenn Hilfe gebraucht wird. "Mir liegt aber auch das Auftreten in der Öffentlichkeit, ich würde schon sagen, dass ich ein extrovertierter Mensch bin."

Barrientos hat sich nach der Gewalttat des Jugendlichen ziemlich exponiert. Besonders, nachdem sie Trauer und Bedauern über den Tod des Täters geäußert hatte, brach - vor allem im Netz - eine schmutzige Welle Hass über sie herein. "Bei Frauen geht das auch sofort unter die Gürtellinie." Aber die Ochsenfurter haben zu ihr - und zu den Flüchtlingen gehalten. Eine weitere positive Erfahrung: "Ich habe gemerkt, dass ich das aushalte und dass ich gute Leute um mich habe, die mich unterstützen." Danach wusste sie, dass sie sich noch stärker politisch engagieren wollte.

Sie war in Berlin der Linken beigetreten - "ein ziemlich passives Mitglied". In Bayern habe sie schnell gemerkt, dass das nicht reiche. Es ist ein ziemlich konservatives Bundesland, das traditionell von der ebenso konservativen CSU regiert wird. "Es gibt hier ja nur wenige Linke." Also ging sie in den Landesvorstand der Partei. Zur Bundestagswahl 2017 wurde ein aussichtsreicher Listenplatz auf der Landesliste frei. Sie nahm an, wieder eine neue Herausforderung: Sie war zuvor Elektrikerin, Dekorateurin, Dolmetscherin und dann Verlegerin gewesen. Vor einem Jahr wurde sie Bundestagsabgeordnete. Wieder eine Adresse in Berlin! "Frauenrechte, Rassismus und Ausgrenzung - bei diesen Themen wollte ich mehr bewegen - nicht nur ehrenamtlich."

Flüchtlinge als Sprungbrett in die Bundespolitik

Simone Barrientos führt ihren Hund in einem Bogen in die Altstadt zurück, vorbei an der ehemaligen Flüchtlingsunterkunft in einem prächtigen historischen Gebäude an der Wallanlage. Die Linken-Abgeordnete wird von den Ochsenfurtern freundlich gegrüßt. Ein junger Nigerianer umarmt sie auf dem Marktplatz und nennt sie "Mama". Ein paar Tage noch, dann muss sie wieder in die Hauptstadt.

Simone Barrientos Die Linke (Imago/Metodi Popow)

Simone Barrientos, die kulturpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag

Barrientos sitzt dort regelmäßig mit den Rechtspopulisten der AfD unter der Reichstagskuppel in Berlin. Das sind die, die sich gegen Migranten und eine bunte, heterogene Gesellschaft wehren. Eine Partei, die die Ängste in der Bevölkerung wegen der Migration benutzt hat, um Stimmen zu fangen. Auch sie sind wegen der Flüchtlinge jetzt im Parlament - auch wenn ihre Motivation ganz andere Vorzeichen hat als bei Barrientos.

Die Linke ärgert sich über "die Boshaftigkeit und Skrupellosigkeit" der AfD-Bundestagskollegen. "Da fehlen mir die Worte." Aber sie ist vor allem erstaunt über die Gestaltungsmacht dieser Minderheit. Die AfD schreie die Parolen, und die CSU mache die Gesetze dazu, kritisiert sie. "Wir haben im Bundestag über den 50-Punkte-Plan zur Migration von Innenminister Horst Seehofer debattiert, und die CSU-Minister saßen da auf der Regierungsbank und haben gefeixt wie kleine Jungs - dabei geht es doch um Menschen, verdammt noch mal!", sagt Barrientos.

Barrientos steht wieder vor der Eingangstür ihres verwinkelten Altstadthauses. Sie nimmt den Hund wieder von der Leine. Oben in ihrem Arbeitszimmer warten auf sie neue Anfragen der Fraktion und ihrer Wähler, das Tablet auf dem Tisch ist auf einen Nachrichtenkanal geschaltet. Der Abgeordnetenalltag kennt nur kleine Pausen. Fiete wird sich auf dem Sofa neben ihr einrollen und auf den nächsten Spaziergang warten.

 

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