Wasserverschmutzung: Fische auf Drogen | Wissen & Umwelt | DW | 12.07.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Wissen & Umwelt

Wasserverschmutzung: Fische auf Drogen

Im Abwasser landen auch all die Drogenreste, die der Körper wieder ausscheidet. Klärwerke können sie oftmals nicht herausfiltern. Mit fatalen Auswirkungen: Auch Fische werden drogensüchtig .

Lachsforelle im Gewässer

Drogenrückstände verändern bei Fischen das Verhalten und hinterlassen bleibende Schäden

Im Abwasser landet fast alles, auch all die Drogenabbauprodukte, die der Körper wieder ausscheidet. Und die Klärwerke können diese Drogenreste oftmals nicht aus dem Abwasser herausfiltern. 

Auf diesem Wege fand das ARD-Politikmagazin Kontraste etwa Anfang Juni heraus, dass der Kokain-Konsum während der Corona-Pandemie in Berlin weiter zugenommen hat, das zeigte eine Analyse der Berliner Abwasser. Seit 2017 hätten sich die Kokain-Rückstände verdoppelt. Auch in anderen deutschen Städten sei der Konsum deutlich gestiegen.

Fatale Folgen

Was skurril klingt, kann fatale Auswirkungen auf das Leben in den Bächen und Flüssen haben, denn offenbar können auch Fische drogensüchtig werden.

Zu diesem Schluss kommt die Studie von Pavel Horky und seinem Team von der Tschechischen Universität für Biowissenschaften in Prag. Untersucht hat das Team Forellen (Salmo trutta), die der Droge Meth, also Methamphetaminen, ausgesetzt waren.

Droge Methamphetamin Crystal Meth mit einer Spritze

Methamphetamin kann geschluckt, geschnupft und seltener auch injiziert oder geraucht werden.

Für die Studie hielt die Prager Arbeitsgruppe die Forellen acht Wochen lang in Aquarien, in denen eine mittlerweile auch in der Umwelt übliche Meth-Konzentration zu finden war. Während dieser Zeit gewöhnten sich die Bachforellen an das Rauschmittel.

Die Fische haben die Wahl

Anschließend kamen die Fische für 10 Tage in ein Becken mit sauberem Wasser - sie durchmachten also quasi einen Drogen-Entzug.

Während dieser Zeit wurden sie jeden zweiten Tag in eine spezielle Apparatur gesetzt, in der sie wahlweise einem Frischwasserstrom oder einem mit Methamphetaminen versetzten Wasserstrom folgen konnten.

Durch diesen Versuch wollten die Prager Forschenden herausfinden, ob die an Drogen gewöhnten Fische möglicherweise versuchen, ihren Entzug abzulindern.  Und tatsächlich: Die an die Drogen gewöhnten Forellen wählten überdurchschnittlich häufig das mit dem Rauschmittel kontaminierte Wasser.

Die Vergleichsgruppe, die nicht mit der Droge in Kontakt gekommen war, wählte dagegen das frische Wasser. Zudem fiel den Forschenden auf, dass die "Fisch-Junkies" im Vergleich zu ihren Artgenossen deutlich passiver waren.

Deutliche Auswirkungen auf das Verhalten der Fische

"Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Emission illegaler Drogen in Süßwasser-Ökosysteme eine Abhängigkeit bei Fischen hervorruft und die Habitatpräferenzen verändert, was unerwartete negative Folgen hat, die auf individueller und Populationsebene relevant sind", heißt es in der Studie.

Regenbogenforellen im Gewässer

Wenn Fische unter Drogen langsamer reagieren, sind sie eine leichte Beute für Fressfeinde.

In der freien Natur könnte sich solche eine Passivität schnell sehr negativ auswirken. Wenn Tiere ungewöhnlich langsam reagieren, können sie zum Beispiel ihren Fressfeinden schlechter entkommen.

Dabei spielt offenbar auch eine Rolle, mit welchen Drogenrückständen die Fische in Kontakt kommen. So hatte eine Studie 2018 untersucht, welche Auswirkungen Kokainrückstände in der Themse auf die dort lebende Aal-Population hat. Laut Studie wurden die Aale durch diese Droge hyperaktiv.

Bleibende Schäden durch Drogenkonsum

Außerdem zeigte die britische Studie, dass sich das Kokain im Gehirn, den Kiemen und den Muskel anreicherte. Die Muskelzellen zerfielen oder schwollen an.

Bleibende Schäden konnten die Prager Forschenden bei den Forellen ebenfalls nachweisen: Auch nach zehn Tagen in den Aquarien mit dem sauberen Wasser konnte das Team noch Rückstände der Methamphetamine im Gehirn der Forellen nachweisen.

"Das veränderte Bewegungsverhalten und die Präferenz für Methamphetamin während des Entzugs wurden mit Drogenrückständen im Hirngewebe der Fische in Verbindung gebracht und von Veränderungen des Hirnmetaboloms begleitet", heißt es in der Prager Studie.

Unterschiedliche Reaktionen auf Drogen

Unterschiedliche Drogen sorgen also offenbar bei unterschiedlichen Tieren für unterschiedliche Reaktionen.

Für Aufsehen sorgten bizarre Beobachtungen in einer Fischaufzuchtanlage im Sauerland. Im letzten Jahr versuchten Junglachse panisch aus dem Wasser zu springen.

Springende Junglachse in einem Aufzuchtbecken

Skurriles Handyvideo: Junglachse versuchen panikartig aus einem Wasserbecken im Sauerland zu springen

Das Verhalten habe auf eine Kontamination des Zulaufwassers hingedeutet, der die Lachse intuitiv entgehen wollten, hieß es vom zuständigen nordrhein-westfälischen Landesumweltamt (LANUV). In Wasserproben aus dem Zulaufwasser und dem Lachs-Becken wurden schließlich Kokain und sein Abbauprodukt Benzoylecgonin gefunden.

Woher das Kokain stammte, konnte allerdings auch die Polizei nicht klären. Die Fische zeigten am nächsten Tag wieder ihr arttypisches Verhalten und trugen keine bleibenden Schäden davon, hieß es im Jahresbericht des Landesumweltamtes unter der Überschrift "Lachse auf Koks"

"Illegaler Drogenkonsum spielt auch eine unerwartete Rolle bei der Kontamination von aquatischen Ökosystemen, in die Abwasser eingeleitet wird", heißt es in der Studie der Prager Forschenden, die daraus „eine Übertragung menschlicher gesellschaftlicher Probleme auf aquatische Ökosysteme" ableiten.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links