Was wissen wir über den Ursprung der Corona-Pandemie? | Wissen & Umwelt | DW | 30.05.2021
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Corona

Was wissen wir über den Ursprung der Corona-Pandemie?

China kritisierte die US-Geheimdienst-Untersuchung zum Ursprung der Pandemie. Gab es einen Laborunfall? Was unterscheidet SARS-CoV-2 von anderen Coronaviren? Von welchem Tier stammt das Virus? Ein Überblick.

Coronavirus-Karte der Johns Hopkins University auf einem Smartphone

Mitte März 2020 erklärte die WHO den Pandemiefall - die Karte zeigt die Menge der SARS-CoV-2-Infektionen kurz danach

Nachweislich haben sich weltweit bereits fast 170 Millionen Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert und mehr als 3,4 Millionen Menschen sind an beziegungsweise mit dem Virus gestorben. Aber woher stammt dieses hochansteckende Virus, das monatelang Volkswirtschaften lahmlegte und unzählige Existenzen zerstörte? Bislang gibt es mehr Mutmaßungen als Fakten, wo die weltweite Pandemie ihren Ursprung nahm. 

Über einen möglichen Unfall im Institut für Virologie in Wuhan hatte zuletzt das "Wall Street Journal" unter Berufung auf einen US-Geheimdienstbericht berichtet. Im November 2019 seien drei Mitarbeiter des Instituts so schwer mit COVID-ähnlichen Symptomen erkrankt, dass sie eine Klinik aufgesucht hätten. China bestreitet dies.

Verlässliche Fakten statt Mutmaßungen über einen möglichen Laborunfall in China sollen nun die US-Geheindienste zusammentragen und dem US-Präsidenten binnen 90 Tagen einen Bericht vorlegen, so hat es Joe Biden angeordnet.

Ein Polizist in Wuhan hält die Hand in die Kamera und trägt eine Maske

China blockiert eine ergebnisoffene Untersuchung und weist jede Verantwortung kategorisch zurück

"Die USA werden weiterhin mit gleichgesinnten Partnern zusammenarbeiten, um Druck auf China auszuüben, an einer vollständigen, transparenten, auf Fakten basierenden internationalen Untersuchung teilzunehmen und Zugang zu allen relevanten Daten und Beweisen zu gewähren", so US-Präsident Biden.

China warf den USA vor, die Suche zu politisieren und China die Schuld an der Pandemie geben zu wollen. Gleichzeitig blockiert das mutmassliche Ursprungsland eine ergebnisoffene Untersuchung und weist grundsätzlich jede Verantwortung kategorisch zurück.

Was weiß man über das Virus?

Bereits im Januar 2020 fanden chinesische Wissenschaftler die Ursache für eine Häufung von einer bislang unbekannten Lungenentzündung, an der in der Stadt Wuhan überraschend viele Menschen gestorben waren. Sie fanden in deren Atemwegszellen die Gene eines positivsträngigen RNA-Virus aus der Familie der Coronaviren, das der Untergruppe B (Betacoronavirus) zugeordnet wurde.

Neue 3D Darstellung des SARS-Cov-2 Erregers

Kein Computermodell, sondern die erste echte 3D-Darsellung des SARS-CoV-2 Erregers

Dieses Virus war definitiv völlig neu, hatte allerdings große Ähnlichkeiten mit jenem Coronavirus, das zwischen 2002-2004 die SARS-Pandemie ausgelöst hatte: SARS-CoV. Von Südchina ausgehend hatte sich dieses neuartige Virus damals innerhalb weniger Wochen über nahezu alle Kontinente verbreitet. Weltweit erkrankten nachweislich 8096 Personen an dem Schweren Akuten Atemwegssyndroms (SARS), 774 Menschen starben.

Auch wenn die Fallzahlen im Vergleich zur jetzigen Pandemie niedrig waren, zeigte sich schon damals eindrucksvoll, wie erschreckend schnell sich eine hochinfektiöse Krankheit in einer globalisierten Welt ausbreiten kann. 

Wo wurde das Virus zuerst entdeckt?

Einige Studien deuten darauf hin, dass sich das neue Virus SARS-CoV-2 bereits einige Wochen oder gar Monate lang ausgebreitet hat, bevor es Ende Dezember in Wuhan entdeckt wurde.

In China hatte es nach Angaben der Zeitung "South China Morning Post" bereits Mitte November eine erste nachgewiesene Infektion mit SARS-CoV-2 gegeben. Das bedeutet aber nicht, dass das Virus zwangsläufig auch in China entstanden sein muss.

Desinfektionsteams stehen in Wuhan in Reih und Glied

Wuhan wurde nach Bekanntwerden des neuen Virus' komplett abgeriegelt

Zwar hatten Forschende der Universität Cambridge im April 2020 eine Studie veröffentlicht, wonach die Pandemie sehr wahrscheinlich zwischen September und Anfang Dezember 2019 begann - und zwar entweder in China oder in einem angrenzenden Land. 

Aber Spuren des neuartigen Erregers wurden auch in aufbewahrten Abwasserproben aus Brasilien und Italien gefunden, die bereits im November beziehungsweise Dezember 2019 entnommen worden waren. In Italien fand man zudem in Blutproben von Teilnehmern eines Lungenkrebs-Screenings Antikörper gegen SARS-CoV-2, die Blutproben waren bereits im September 2019 und Februar 2020 gesammelt worden. 

Dass das Virus bereits im Spätherbst 2019 vereinzelt in Europa und ab Mitte November in China nachgewiesen wurde, lässt keine verlässlichen Schlussfolgerungen über den Ursprung der Pandemie zu. Es zeigt lediglich, wie schnell sich ein hochaggressives Virus weltweit verbreiten kann. 

Von welchem Tier stammt das Virus?

Als wahrscheinlichstes Szenario gilt ein zoologischer Ursprung über einen Zwischenwirt. Irgendein Tier hat also das ursprüngliche Virus in sich getragen und es dann an ein anderes Tier weitergegeben. Bislang aber ist weder das potentielle Ursprungstier noch der Zwischenwirt zweifelsfrei identifiziert. Auch die beiden SARS-Coronaviren konnten noch nicht eindeutig im Tierreich nachgewiesen werden.

Ein Forscher hält eine Fledermaus in der Hand

Bestimmte Fledermausarten aus Südostasien könnten das potentielle Ursprungstier sein

Verwandt sind die beiden SARS-Coronaviren aber definitiv mit Coronaviren, die bei bestimmten Fledermausarten zu finden sind, die in Südostasien vorkommen. Außerdem haben Studien vorherige Epidemien mit Coronaviren wie SARS und MERS ebenfalls auf Fledermäuse zurückgeführt. 

Die Gensequenz des aktuellen SARS-CoV-2 stimmt zu 96,2 % mit dem Coronavirus RaTG13 überein, das zuvor bei einer Hufeisenfledermaus gefunden wurde. 

Das klingt nach sehr viel, ist aber nur ein erster Anhaltspunkt. Denn auch die Übereinstimmung zum Beispiel mit einem bei Schuppentieren (Pangolinen) nachgewiesenen Coronavirus ist nur unwesentlich geringer. 

Da die meisten Menschen normalerweise keinen direkten Kontakt zu Hufeisenfledermäusen oder Pangolinen haben, untersuchen die Experten auch potentielle Zwischenwirte, die in engerem Kontakt zu Menschen stehen, wie Nerze, Marder und Schleichkatzen. So können sich zum Beispiel Nerze vergleichsweise leicht bei Menschen mit SARS-CoV-2 anstecken. Theoretisch ist zwar eine Übertragung vom Tier zum Menschen unwahrscheinlicher, aber möglich.

Auch der Berliner Virologe Christian Drosten hält einen Ursprung von SARS-CoV-2 in der Pelzindustrie für die plausibelste Erklärung. “Ich habe dafür keinerlei Belege, außer die klar belegte Herkunft von Sars-1, und das hier ist ein Virus der gleichen Spezies. Viren der gleichen Spezies machen die gleichen Sachen und haben häufig die gleiche Herkunft“, sagte Drosten dem Schweizer Online-Magazin Republik. 

Beim ersten Sars-Virus seien die Übergangswirte Marderhunde und Schleichkatzen gewesen, so Drosten. “Das ist gesichert.“ In China würden Marderhunde nach wie vor in großem Stil in der Pelzindustrie verwendet. Dabei würden immer wieder auch wilde Marderhunde in die Zuchtbetriebe gebracht, die zuvor Fledermäuse – die als wahrscheinlichster Ursprung von Sars-CoV-2 gelten – gefressen haben können. “Marderhunden und Schleichkatzen wird lebendig das Fell über die Ohren gezogen», erklärte der Charité-Virologe. Die stoßen Todesschreie aus und brüllen, und dabei kommen Aerosole zustande. Dabei kann sich dann der Mensch mit dem Virus anstecken“.

Für ihn sei überraschend gewesen, dass diese Zucht überhaupt noch einmal als möglicher Ausgangspunkt einer Pandemie infrage kommen würde – bis vor kurzem habe er “in der naiven Vorstellung“ gelebt, dass Schleichkatzen und Marderhunde als bekannte potenzielle Übergangswirte inzwischen kontrolliert würden. “Für mich war das eine abgeschlossene Geschichte. Ich dachte, dass diese Art von Tierhandel unterbunden worden sei und dass das nie wieder kommen würde. Und jetzt ist Sars zurückgekommen.“

Drosten räumte ein, dass es bislang keine konkreten Hinweise gebe, dass der Übergang auf den Menschen über Pelztierfarmen ablief. Es gebe überhaupt keine Studien in diesem Bereich, zumindest seien keine öffentlich geworden. 

Stammt das Virus aus einem Labor?

Nachweislich wurde im Wuhan Institut für Virologie mit dem Coronavirus RaTG13 und mit RmYN02 experimentiert, dessen Gen­sequenz zu 93,3 % mit SARS-CoV-2 übereinstimmt. Daraus wurden zwei Szenarien abgeleitet: SARS-CoV-2 könnte künstlich als eine Art Biowaffe erzeugt und/oder durch einen Unfall versehentlich freigesetzt worden sein.

China | Sicherheitsbeamter am Wuhan Institut of Virology

Das Wuhan Institut für Virologie steht nach wie vor im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit

Die nach China entsandten WHO-Experten halten beide Szenarien für "äußerst unwahrscheinlich". Wirklich überzeugen konnten sie allerdings nicht, denn bei ihrer sehr eingeschränkten Untersuchung Anfang 2021 - also rund ein Jahr nach Beginn der Pandemie - konnten sie keine eigenen Inspektionen oder Beweissicherungen durchführen, das ließ China nicht zu. 

Stattdessen mussten sie sich auf die öffentlich verfügbaren Daten und Angaben ihrer chinesischen Gesprächspartner verlassen. Selbst WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus forderte nach der Expertenreise, zumindest die Hypothese eines Laborunfalls in Wuhan weiter zu prüfen. 

Was spricht für eine "biologische Waffe"?

Die künstliche Erzeugung von SARS-CoV-2 in einem Forschungslabor in Wuhan halten die meisten Experten für sehr unwahrscheinlich. So untersuchte etwa ein Team um die schwedische Mikrobiologie-Professorin Kristian Andersen vom Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla vor allem die markanten Spike-Proteine auf der Virus-Oberfläche, wo das Virus an eine Wirtszelle in Lunge oder Rachen anzudockt, um in sie einzudringen. 

Bei einer Genomsequenzierung zeigten sich zwei bedeutende Unterschiede zwischen SARS-CoV-2 und seinen Corona-Verwandten. Das Protein ist anders aufgebaut und die Aminosäuren sind anders zusammengesetzt. Zwar kann das Virus deshalb die menschlichen Zellen leichter befallen, aber für eine "biologische Waffe" sei die Virusstruktur nach Ansicht der La-Jolla-Teams nicht raffiniert genug. 

Für “ausgesprochen unwahrscheinlich“ hält auch der Berliner Virologe Drosten den Virus-Ursprung in einem Labor. “Wenn jemand auf diese Weise Sars-2 entwickelt hätte, dann würde ich sagen, der hat das ziemlich umständlich gemacht.“ Mit dem ersten SARS-Virus als Grundlage hätte man zu Forschungszwecken am ehesten nur ganz bestimmte Bereiche verändert – SARS-CoV-2 aber sei voller Abweichungen zum ersten Virus.

Was spricht für einen Laborunfall?

Bleibt die These, dass die chinesischen Forschenden mit den gefährlichen Coronaviren wie zum Beispiel RaTG13 oder RmYN02 experimentiert haben und dass SARS-CoV-2 versehentlich durch einen Unfall freigesetzt wurde. Die chinesische Führung schließt dies kategorisch aus.

WHO Experten fahren mit einem Bus durch Wuhan

Eigene Inspektionen oder Beweissicherungen durften die WHO-Experten in China nicht durchführen

Auch die nach China entsandten WHO-Experten stufen auf Grundlage der ihnen zur Verfügung stehenden Daten einen solchen Unfall als "äußerst unwahrscheinlich" ein. Dagegen spreche unter anderem die Evolution des Virus'. Außerdem verfüge das Wuhan Institut für Virologie über entsprechende Hochsicherheitslabore. Zudem gebe es in den übermittelten Daten keine Hinweise auf Laborunfälle oder auf verdächtige Erkrankungen unter Mitarbeitern.

Zumindest dies scheint laut dem vom "Wall Street Journal" zitierten US-Geheimdienstbericht nicht zu stimmen. Demnach sollen bereits im November 2019 drei Mitarbeiter des Instituts so schwer mit COVID-ähnlichen Symptomen erkrankt gewesen sein, dass sie eine Klinik aufgesucht hätten, was China bestreitet. 

Mutmaßungen statt Fakten, Dementis statt Transparenz - es bleibt abzuwarten, ob wir irgendwann erfahren werden, wo diese weltweite Pandemie tatsächlich ihren Ursprung nahm. Und wie sich drohende Pandemien künftig früher eindämmen ließen. 

Der Artikel wurde zuletzt am 7.6.2021 aktualisiert.

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