Was will ein Pharmariese mit Start-ups? | Wirtschaft | DW | 24.08.2016
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Wirtschaft

Was will ein Pharmariese mit Start-ups?

Immer mehr Großunternehmen holen sich junge Talente ins Haus, indem sie Start-up-Wettbewerbe durchführen und sogenannte Accelerator oder Brutkästen in ihrem Unternehmen gründen - so auch beim Pharmaunternehmen Bayer.

Sein Hemd überstrahlt alles. Braune und weiße Streifen, ein fröhlicher afrikanischer Druck, der die anderen Herren, die überwiegend dunkle Hemden oder T-Shirts tragen, blass erscheinen lässt. Raindolf Owusu ist aus der ghanaischen Hauptstadt Accra nach Berlin gekommen, um einen Preis entgegen zu nehmen. 50.000 Euro vom deutschen Pharmariesen Bayer, um seine innovative App weiter zu entwickeln.

Jetzt steht der 26-Jährige in seinem traditionellen Woodin-Hemd auf einer mit kargen Pflanzen bestückten Terrasse und hört lobende Worte von Bayer-Innovationsvorstand Kemal Malik. "Bei Bayer geht es bei allem, was wir machen, um Innovation; aber wir merken natürlich, dass es auch außerhalb von Bayer viel Innovatives gibt", sagt Malik und schaut auf seine Preisträger, darunter den strahlenden Raindolf Owusu.

Bayer AG Vorstandsmitglied Kemal Malik

Kemal Malik, Innovationsvorstand der Bayer AG

Digitale Gesundheit

Vier innovative "Digital-Health Startups" wurden in einem weltweiten Wettbewerb ausgewählt, um am Firmenstandort im Berliner Bezirk Wedding an ihren digitalen Gesundheitsanwendungen zu arbeiten. 100 Tage haben sie dafür Zeit und bekommen von Bayer nicht nur extra hergerichtete Räume gestellt, sondern auch einen Mentor, der sie bei der Weiterentwicklung ihrer Anwendungen berät.

Das Programm geht bereits in das dritte Jahr und heißt "Grants4Apps Accelerator". Die Umgangssprache ist selbstverständlich Englisch. Start-ups aus 66 Ländern haben sich beworben, vier wurden ausgewählt. Ein Startup aus Ungarn, eines aus Südkorea, ein Jungunternehmen aus Berlin und die Firma Oasis websoft von Raindolf Owusu und seinem Kollegen Thomas Darku. Der 22-Jährige ist sichtlich aufgeregt.

Medizinischer Rat für alle

"In Ghana kommen auf einen Arzt 5000 Patienten, deshalb ist es sehr schwer, medizinische Hilfe oder auch nur einen Rat zu bekommen. Vor den Krankenhäuser sind die Schlangen furchtbar lang, und man muss viele Stunden oder sogar Tage warten, um mit einem Arzt zu sprechen oder behandelt zu werden“, erzählt der ruhigere Raindolf und präsentiert stolz die App, die beide entwickelt haben. Die App hat bereits 6000 aktive Nutzer und 40 Ärzte, die medizinisch beraten. "Mit unserer App bekommt man Zugang zu Informationen, auch wenn man auf dem Land lebt. Alles, was man braucht, ist ein schlichtes Smartphone.“

Innovative Geschäftsmodelle

Bisa heißt die App, das Wort für "fragen" in einer der Sprachen Ghanas. Doch die Unternehmensgründer brauchen mehr medizinische Inhalte, um die App zu bestücken. Der Vertrieb und ein nachhaltiges Geschäftsmodell muss entwickelt werden. All dass wollen die beiden mit Hilfe des deutschen Pharmariesen in den nächsten 100 Tagen angehen. Berührungsängste haben sie dabei nicht. "Wir erhoffen uns hier in Berlin ja nur Gutes", lacht Raindolf, "Mit der Hilfe von Bayer wird die Technik sicherer werden und wir werden mehr Anwendungen anbieten können."

Der Große und die Kleinen

Aber was hat das deutsche Pharmaunternehmen davon? Will man vielleicht ein Startup billig einkaufen? Ein Verdacht, den Bayer-Innovationsvorstand Kemal Malik weit von sich weist. "Das ist kein Business-Modell, sondern eine Geste von Bayer: Wir wollen helfen. Nach den hundert Tagen können die Startups wieder gehen und all ihr Wissen mitnehmen. Sie sind völlig frei, zu machen, was sie wollen."

Doch dann erzählt er, dass es natürlich eine positive Wirkung haben kann, wenn plötzlich junge Menschen, die sich nicht in die Bayer-Hierarchie fügen müssen, Fragen stellen oder in Laboren auftauchen und gemeinsam mit den etablierten Forschern arbeiten. Etwas von dieser anderen Unternehmenskultur soll abfärben und Innovationsprozesse innerhalb des Hauses fördern. "Offene Innovation" sei das Stichwort.

Dass sich so viele Unternehmensgründer für das Programm beworben haben, war trotzdem überraschend. Doch dabei habe sicher auch der Standort Berlin eine entscheidende Rolle gespielt, erzählt Malik.

Berlin zieht Gründer an

"Berlin ist die Stadt der Start-ups, genauso aber ist die Stadt auch Brutkasten und Beschleuniger. Aus aller Welt kommen Talente nach Berlin", sagte Cornelia Yzer, Senatorin für Wirtschaft, Technologie und Forschung denn auch mit einigem Pathos auf der Eröffnungsveranstaltung. Dann ließ sie sich einige der digitalen Gesundheitsanwendungen erklären, darunter ein digitaler, extrem genauer Ovulationsmesser und ein virtuelles Krebszellenmodell, das künstliche Intelligenz nutzt, um die beste Therapie herauszufinden.

Ebola gab den Anstoß

Raindolf Owusu hatte die Idee zu seiner Bisa App, als in Westafrika Ebola ausbrach. Viele Menschen waren damals extrem verunsichert und der junge Computerwissenschaftler erkannte, dass verlässliche medizinische Informationen dringend benötigt werden.

Der 26-Jährige kommt aus einer großen Familie, hat drei Schwestern und zwei Brüder und ist das einzige männliche Familienmitglied, das studiert hat. "Ich habe immer eine Menge Fragen gestellt, und ich will alles ganz genau wissen”, erzählt er stolz. Sein Unternehmen versteht er als Sozialunternehmen, es muss laufen, aber es muss nicht großartig Profit abwerfen. Vor allem will er damit Gutes tun. Informationsvermittlung ist für ihn der Schlüssel.

Currywurst gehört dazu

Dank seiner Neugierde weiß der Ghanaer auch schon viel über Berlin. Wo es die beste Currywurst gibt, hat er bereits herausgefunden, das Brandenburger Tor will er sehen, und in seiner Freizeit will er sich auch den öffentlichen Berliner Nahverkehr anschauen. "Wir können da eine Menge lernen“, sagt er mit großem Ernst. "Euer Nahverkehr funktioniert dermaßen gut!" Nicht jeder Berliner würde dieser Einschätzung zustimmen.

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