Was wäre Beethoven ohne seine ″Follower″? | Musik | DW | 04.03.2020
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BTHVN 2020

Was wäre Beethoven ohne seine "Follower"?

Ohne seine Schüler, Bewunderer und Bearbeiter wäre Beethoven im In- und Ausland wahrscheinlich nicht weltberühmt geworden. Auch sie werden im Jubiläumsjahr gefeiert - und erforscht.

Was heute die Follower für einen Youtube-Star bedeuten, das waren früher für Ludwig van Beethoven seine Schüler und Bearbeiter. Sie haben Beethovens Musik verbreitetet und dazu beigetragen, sie bekannt und auch berühmt zu machen.

Gerade erst hat das Beethoven-Archiv in Bonn ein Forschungsprojekt bei der Deutschen Forschungsgesellschaft beantragt. Es geht darum, Bearbeitungen bestimmter Beethoven-Werke digital zu erfassen und zu analysieren. Mit im Boot sind die Oxford University, die Bodleian Library sowie das Musikwissenschaftliche Seminar Detmold-Paderborn.

Faksimile der Partitur der neunten Sinfonie von Beethoven (picture-alliance/dpa/M. Mettelsiefen)

Beethoven selbst schrieb seine Werke immer wieder um. Hier ein Auszug aus der Neunten Sinfonie

Schon Beethoven selbst hat seine Werke für verschiedene Aufführungen immer wieder umgearbeitet. Ein vermeintliches Originalstück von Beethoven ist oft gar nicht das einzige wirkliche Original.

Während wir heute digital Musikaufnahmen streamen, konnte man zu Beethovens Zeit die Werke nur in größeren Städten erleben. "Es gab nur wenige Konzerte und keine Tonaufzeichnungen, die es den Menschen möglich gemacht hätten, diese Werke kennenzulernen", sagt die Leiterin des Beethoven-Archivs Bonn, Christine Siegert. "All diese Bearbeitungen gehören zu seinen Werken dazu, weil das die Art und Weise ist, wie sich Beethovens Werk in der Welt verbreitet hat."  

Ohne Follower kein Beethoven

Pianist und Komponist Carl Czerny (picture-alliance/dpa)

Beethovens Schüler und Verehrer Carl Czerny

Zu den größten Beethoven-Anhängern gehörten Beethovens Kompositionsschüler Ferdinand Ries und Carl Czerny. Durch ihre Bearbeitungen wurden umfangreiche Werke für kleinere Besetzungen spielbar und verbreiteten sich bei den bürgerlichen Musikliebhabern. Carl Czerny hat darüber hinaus Traktate veröffentlichte, wie man etwa Beethovens Klaviersonaten spielen sollte. Viele haben sich danach gerichtet.

"Ferdinand Ries hat sich auch ganz wesentlich für Beethoven eingesetzt und Aufführung von Beethovens Werken mit großen Ensembles realisiert", sagt Siegert. Leider würden seine eigenen Lieder und Instrumentalwerke heute viel zu wenig gespielt.

ettina Wild, Clemens Rave und Marc Froncoux mit ihren Instrumenten.Trio der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen (Deutsche Kammerphilharmonie Bremen)

Bettina Wild, Clemens Rave und Marc Froncoux sind ein eingespieltes Trio

Grund genug für die Flötistin Bettina Wild, den Cellisten Marc Froncoux und den Pianisten Clemens Rave aus der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, den Beethovenschülern Czerny und Ries ein eigenes Konzertprogramm zu widmen, das gerade anläuft. "Die wenigsten wissen, dass es von Czerny gut gemachte Unterhaltungsmusik gibt", sagt Clemens Rave. "So jemanden würde man nicht unbedingt in Verbindung mit Beethoven bringen." Bei Ries hingegen sei die Nähe schon eher zu hören, etwa bei seinem "Trio für Klavier, Flöte und Violoncello" Opus 63, das bei Rave und seinen Mitspielern auf dem Programm steht. "Bei Ries merkt man so richtig den Schüler, da steckt ganz klar formal, motivisch und melodisch Beethoven in dem Stück."

Die Rolle der Frauen

Beethoven hatte nicht nur Kompositionsschüler, sondern auch Klavierschüler beziehungsweise Klavierschülerinnen. Da gibt es etwa Eleonore von Breuning, mit deren Familie Beethoven eng befreundet war. Außerdem hat er auch den Schwestern Therese und Josephine Brunsvik Klavierunterricht gegeben. Letztere wird unter anderen als Beethovens heimliche Geliebte gehandelt.

Bleistift Miniatur-Portrait von Josephine Brunsvik (Gemeinfrei)

Josephine Brunsvik, Klavierschülerin und vielleicht heimliche Geliebte Beethovens

Zwar hätten die Klavierschülerinnen nicht so in die Nachwelt gewirkt wie die Komponisten und Bearbeiter, meint Christine Siegert, aber auch sie hätten für die Verbreitung von Beethovens Werken gesorgt. "Zu Beethovens Zeit waren sie enorm wichtig, weil sie seine Werke in die Salons getragen haben. So waren sie Mittlerinnen zwischen Beethoven und den adligen Familien." Und genau das verhalf dem Komponisten zu weiterem Ruhm.

Die kuriosesten Bearbeitungen

Musikbearbeitungen waren schon seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beliebt. "Das ist ein Phänomen, das aus dem englischsprachigen Raum kommt. Deshalb haben wir auch die Forschungskooperation mit England", sagt Musikwissenschaftlerin Christine Siegert. Kaum vorstellbar, dass seinerzeit eine ganze Händel-Oper für zwei Flöten arrangiert wurde.

Auch vor Texten machten die Bearbeiter nicht halt. Sie wurden umgeschrieben oder neu gedichtet, wenn es etwa darum ging, weltliche Werke auch im kirchlichen Kontext aufzuführen. Da gab es sogar Instrumentalwerke Beethovens zum Mitsingen. "Langsame Sätze von Sonaten und Sinfonien sind textiert worden, die konnten sie dann als Lieder singen", sagt Siegert.

Bearbeitungen ließen die Kassen klingeln

Da Beethoven keine Stellung bei Hofe hatte, musste er seine Werke verkaufen. Zur Verbreitung der Stücke war er auf die Bearbeitungen angewiesen. Gute und schnelle Bearbeiter konnten viel Geld verdienen: "Manche waren fast wichtiger als die Komponisten selbst, weil sie als Bearbeiter so beliebt und erfolgreich waren", weiß Christine Siegert. 

Zeichnung Franz Liszt spielt Beethoven (Beethoven Archiv)

Franz Liszt spielt im Kreise seiner Bewunderer Beethoven

Einer der wichtigsten Bewunderer und Bearbeiter Beethovens in der Musikgeschichte war der Komponist Franz Liszt. Im Jahr 1837, als Beethoven schon gestorben war, fing er an, alle neun Sinfonien für Klavier zu transkribieren. Diese umfangreichen Bearbeitungen gehen bis an die Grenze der Spielbarkeit. Sie werden beim Beethovenfest im September von namhaften Klaviervirtuosen vorgetragen. "Das sind mehr als nur 'Klavierauszüge'. Das sind 'Klavierpartituren', einfach Wunderwerke", sagt Nike Wagner, Intendantin des Bonner Beethovenfestes. "Es war Liszt ja auch daran gelegen, die Sinfonien Beethovens bekannt zu machen, sie quasi als 'Hausmusik' in Umlauf zu bringen", so Wagner. "So wurden diese Transkriptionen oft zur ersten Begegnung mit Beethoven-Symphonien."

Arbeiten mit Beethoven

Heute sind die Bearbeitungen - oder besser gesagt: die Auseinandersetzungen - mit Beethovens Werk sehr vielfältig, sei es in der Popmusik oder in der sogenannten "ernsten Musik". Da werden etwa Ausschnitte aus Beethovenwerken gesampelt oder ganz verfremdet. Ein Pionier auf diesem Gebiet war Karlheinz Stockhausen, der 1970 zum 200. Jubiläum Beethovens Neunte Sinfonie elektronisch verfremdete. Stockhausen wird deshalb gerne mit in den Kreis der "geistigen Bearbeiter" Beethovens genommen. Sowohl beim Beethovenfest als auch beim Trio der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen stehen Werke von ihm auf dem Konzertprogramm.  

Portrait von Beethovenfest-Intendantin Nike Wagner (picture-alliance/dpa/O. Berg)

Nike Wagner interessiert, wie Komponisten heute mit Beethoven umgehen

Nike Wagner, Intendantin des Beethovenfestes, vergibt jedes Jahr Auftragswerke an zeitgenössische Komponisten mit der Auflage, sich auf ein Werk Beethovens zu beziehen. Fünf Auftragswerke werden beim Beethovenfest ab dem 13. März noch einmal zu hören sein. "Natürlich wird Beethoven in den neuen Werken nicht einfach zitiert oder paraphrasiert", sagt sie. "Man hört kaum je direkte musikalische Anklänge, aber man hört den Duktus, bestimmte Sensibilitäten, die sich äußern zu einem großen Vorbild."

Eine "Mount-Everest Hommage" für Beethoven

Christine Siegert Leiterin Beethoven-Archiv sitzt am Schreibtisch (Privat)

Christine Siegert initiiert ein Forschungsprojekt über Beethoven-Bearbeitungen

Gerade im Beethovenjahr scheinen Beethoven-Bearbeitungen jeder Art Hochkonjunktur zu haben. "Ich bin nicht sicher, ob es jemals schon ein Jubiläum von einem anderen Komponisten gegeben hat, wo so viel komponiert worden ist, wie das in diesem Jahr der Fall ist", meint Christine Siegert.

Die Pianistin Susanne Kessel hat in ihrem Projekt "250 Piano Pieces for Beethoven" Komponisten weltweit aufgerufen, Klavierstücke zu komponieren, die sich auf Beethoven beziehen. Eine "Mount-Everest-Hommage" an Beethoven. Über 250 Stücke sind bereits zusammengekommen. "Wir freuen uns über jeden, der sich kreativ mit Beethoven auseinandersetzt", sagt Christine Siegert, die Leiterin des Beethoven-Archivs. "Denn nur so geht die Musikgeschichte weiter - und das ist ja das, was wir alle wollen."

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