Was für ein Hummels-Comeback im DFB-Team spricht und was dagegen | Sport | DW | 20.09.2019
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Diskussion um Ex-Nationalspieler

Was für ein Hummels-Comeback im DFB-Team spricht und was dagegen

Mats Hummels überzeugt mit starken Leistungen. Eine Rückkehr des Innenverteidigers in die Nationalmannschaft wird gefordert. Doch es gibt auch Gründe, die gegen ein Comeback des Verteidigers sprechen.

Lucien Favre lachte lang und herzlich und antwortete anschließend schlicht und ergreifend mit "Ja" auf die Frage, ob BVB-Verteidiger Mats Hummels eine Rückkehr in die Nationalmannschaft verdient hätte. Ein weiteres "Ja" schob der Trainer von Borussia Dortmund nach, um seinem Standpunkt bei allem Gelächter den nötigen Nachdruck zu verleihen. Anschließend ergriff auf der BVB-PK vor dem Spiel bei Eintracht Frankfurt auch Sportdirektor Michael Zorc das Wort: "Ich habe eine klare Meinung dazu und schon bei seiner Verpflichtung gesagt, dass Mats Hummels der beste deutsche Innenverteidiger ist. Dann habe ich es vor der Saison gesagt. Ich sage es auch jetzt und ich werde es wohl auch 2020 sagen. Aber das ist die Entscheidung des Bundestrainers." 

Zorc bleibt somit nicht dabei, dass er der Meinung ist, dass Hummels es verdient hätte - die eigentliche Ausgangsfrage. Vielmehr richtet der BVB-Sportdirektor die Botschaft an den Bundestrainer und bringt so weiter an Fahrt in die Diskussion.

Was für eine Hummels-Rückkehr ins Nationalteam spricht

1. Der Bedarf im DFB-Team ist da

Das Thema Abwehr in der Nationalelf ist brandaktuell. Das zeigten die beiden Länderspiele in der EM-Qualifikation gegen die Niederlande und Nordirland deutlich. Erst ließ sich die junge deutsche Abwehr von den Niederländern ein ums andere Mal überrumpeln und sah teilweise wirklich schlecht aus, dann hatte die Verteidigung gegen Nordirland Mühe, dem Druck eines allenfalls zweitklassigen Gegners standzuhalten.

Fussball England vs. Deutschland | Mats Hummels (picture-alliance/SvenSimon/A. Wälischmüller)

Richtungsweisend: Mats Hummels (r.) bei einem Länderspiel Ende 2017

2. Hummels ist in glänzender Verfassung

Was sein aktuelles Leistungsvermögen ist, machte Hummels zuletzt deutlich. Gegen den FC Barcelona zeigte der BVB-Abwehrchef eine in allen Belangen herausragende Leistung. Die Nationalelf hat Probleme in der Abwehr - und der derzeit wohl beste deutsche Innenverteidiger stünde parat. Eine Rückkehr wäre aus dieser Perspektive vollkommen logisch. 

3. Bindeglied im jungen Abwehrverbund

Hummels hat geschafft, was in der Bundesliga schwierig ist: Nach seinem Wechsel zu den Bayern 2016 ging er im Sommer den Weg zurück nach Dortmund. Den Rekordmeister verließ Hummels dabei im Guten und ohne Groll - in München nicht zwingend üblich - beim BVB brauchte Hummels nur wenige Spiele, um die sportliche und persönliche Skepsis vieler Anhänger zu widerlegen. Im Nationalteam, in dem eine gute Mischung und Verbindung der beiden Blöcke aus München und Dortmund unbedingt wichtig ist, könnte Hummels neben den genannten sportlichen Faktoren auch die Rolle eines "Verbindungsoffiziers" glänzend bedienen. 

4. Hummels hätte es sich verdient

Favre und Zorc dürften mit ihrer Meinung, dass Hummels eine erneute Chance im DFB-Team verdient hätte, alles andere als alleine sein. In München wie Dortmund gleichermaßen geachtet, war es Hummels, der das Aus im Nationalteam professionell aufnahm. 

Der ebenfalls von Bundestrainer Joachim Löw geschasste Thomas Müller trat via Facebook-Video nach, die Bayern-Bosse bestätigten ihn und sprechen bis heute von einem "unflätigen Umgang" mit ihren drei damaligen DFB-Spielern. Jerome Boateng wiederum ist sportlich nicht auf Höhe, spielt aktuell bei den Bayern keine große Rolle und ist entsprechend für die Nationalmannschaft kein Thema. Hummels hätte es aktuell als Einziger verdient, nominiert zu werden - sportlich und persönlich. 

Was gegen eine Rückkehr spricht

1. Löw sitzt in der Zwickmühle

Joachim Löw muss seine Glaubwürdigkeit wahren und will mit Sicherheit nicht als Umfaller angesehen werden. Das könnte ihm bei einer Rückholaktion von Hummels aber blühen, denn schließlich war es der Bundestrainer selbst, der die Tür für die drei Aussortierten nahezu vollständig geschlossen hat. Das war möglicherweise ein Fehler. Einer, den Löw aber nicht einfach korrigieren kann, ohne nach innen und außen schlecht dazustehen - er sitzt in der Zwickmühle.

EM-Qualifikationsspiel | Deutschland v Niederlande - Joachim Löw (Getty Images/A. Grimm)

Unzufrieden: Joachim Löw während des EM-Quali-Spiels gegen die Niederlande im September

2. Kurskorrekturen sind nicht Löws Stärke

Ein Abschied bei Joachim Löw war in der Vergangenheit meistens einer für immer. Rückholaktionen und Versöhnungen gab es unter dem Weltmeister-Trainer von 2014 so gut wie nie. Darüber, ob Löw sich insgeheim über seine absolutistische Art, mit der er dem damaligen Bayern-Spieler persönlich und öffentlich das Ende seiner DFB-Karriere mitgeteilt hatte, heute ärgert, kann nur spekuliert werden. Aber selbst wenn das der Fall sein sollte, Joachim Löw würde dies wohl kaum eingestehen. In dieser Hinsicht ist Löw einfach zu stur, wenngleich die sportlichen Argumente offenkundig sind. Doch das von ihm ausgerufene Leistungsprinzip ließ der Bundestrainer in der Vergangenheit schon einige Male unberücksichtigt. 

3. Nur eine kurzfristige Lösung

Sport ist ein Tagesgeschäft. Aktuell erscheint ein Mats Hummels in der Nationalmannschaft zweifelsohne folgerichtig. Aber auch wenn die junge Abwehr zuletzt Lehrgeld zahlen musste so ist doch klar, dass trotz der aktuellen Probleme die EM-Qualifikation für ein Team von dieser Qualität ein letztlich sicheres Unterfangen sein sollte. Besser die junge Abwehr macht die Fehler jetzt als in der Zukunft, denn die gehört ihr so oder so. 

4. Umbruch nach der WM 2018 würde konterkariert

Zuerst ließ Löw sich nach dem blamablen Vorrunden-Aus bei der WM 2018 viel Zeit für seine Aufarbeitung, dann folgte eine PK auf der kleinere Veränderungen, aber im Wesentlichen eine Art "weiter so" verkündet wurden. Erst gegen Ende 2018 begann der Bundestrainer, den personellen Umbruch im Team richtig zu forcieren. Das gipfelte in der Ausbootung von Hummels, Müller und Boateng Anfang 2019. Ob in der Rückschau richtig oder nicht, wenn Löw ein neues Team mit neuen Gesichtern bis zur EM 2020 auf die Beine stellen will, muss er seinen Weg des Umbruches weitergehen - allen aktuellen Trends zum Trotz.  

Fazit: Es wird nicht passieren

Mats Hummels würde der Nationalmannschaft guttun - sportlich und als Persönlichkeit. Beides kann man natürlich auch diskutieren - Konsens dürfte aber sein, dass Hummels das DFB-Team momentan in vielerlei Hinsicht voranbringen könnte. Aber "momentan" ist eben nicht alles. Der Bundestrainer muss das zukünftige Team bauen, den jungen Spielern vertrauen und mögliche Rückschläge einkalkulieren und wegstecken. Löw persönlich ist ohnehin dafür bekannt, Türen nicht wieder aufzumachen. Der Bundestrainer hat Anfang 2019 - möglicherweise vorschnell - entschieden und wird voraussichtlich bei seiner Entscheidung bleiben.

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