Was die Absage der Leipziger Buchmesse für Verlage bedeutet | Bücher | DW | 04.03.2020
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Folgen des Corona-Virus

Was die Absage der Leipziger Buchmesse für Verlage bedeutet

Der große Frühjahrstreff der Buchbranche in Leipzig findet nicht statt. Ein Ausweichtermin ist nicht geplant. Ein schwerer Schlag für Verlage, Autoren und das Publikum - und nicht nur ein finanzieller Verlust.

Jetzt findet die Leipziger Buchmesse also tatsächlich nicht statt, das literarische Highlight des Frühjahrs. Mit der Absage entfällt auch die Manga-Comic-Con, das Lesefest Leipzig und die 26. Leipziger Antiquariatsmesse, für die sich rund 50 Aussteller aus Deutschland, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Österreich und Polen angemeldet hatten. Statt sich vom 12. bis 15. März auf der Messe in Leipzig zu begegnen, müssen 2.500 Aussteller und rund 280.000 erwartete Besucher umplanen. Tausende Reisen und Hotelzimmer müssen storniert werden. "Die Absage ist bitter für uns und für die gesamte Buchbranche", sagt Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse. Fest steht bisher nur, dass die nächste Leipziger Buchmesse erst im März 2021 stattfinden soll. Anders als bei der weltgrößten Kinderbuchmesse in Bologna, die zunächst um sechs Wochen verschoben wurde, war es in Leipzig nicht sinnvoll, nach einem Ausweichtermin zu suchen. 

Wer bezahlt bereits entstandene Kosten?

Hotelbuchung, Bahnfahrt, Messestand: Die Aussteller der Leipziger Buchmesse haben viele Leistungen bereits beauftragt. Das Geld für den Messestand gibt es zurück, da die Leipziger Buchmesse offiziell abgesagt wurde, Eintrittskarten werden erstattet, auch die Bahn rückvergütet bereits gebuchte Zugtickets nach Leipzig. Anders sieht es mit beauftragten Speditionen, Messebauern, Dienstleistern aus. "Der Aussteller hat bereits ausgeführte Arbeiten und Dienstleistungen in voller Höhe zu zahlen", so steht es in den AGB der Leipziger Buchmesse.

Messegelände mit Teich und Fußgängerbrücke, hinten Glashalle der Neuen Messe, Buchmesse, Leipzig, Sachsen, Deutschland, Europa (picture-alliance/dpa/hwo)

Ruhe statt Getümmel wird vom 12. bis 15. März auf dem Leipziger Messegelände herrschen

Viele Aussteller sind deshalb froh über die noch halbwegs rechtzeitige Absage. "Es ist klar, dass schon viele Kosten entstanden sind, aber in dieser außergewöhnlichen Situation werden wir sicher nicht um Euros streiten; man muss jetzt miteinander reden. Das große Gebot der Stunde lautet Kulanz - gerade vor dem Hintergrund der gesundheitlichen Gefährdung", sagt etwa Britta Kierdorf, Sprecherin vom Verlag ArsEdition.

Wirtschaftlicher Schaden durch fehlende Aufmerksamkeit

"Für die unabhängigen Verlage ist die Absage eine Katastrophe – auch wenn wir die Notwendigkeit verstehen", sagt Britta Jürgs, die als Vorsitzende der Kurt Wolff Stiftung die Interessen unabhängiger deutscher Verlage vertritt. "In Leipzig haben wir immer ein ganz großes Forum und eine ganz große Aufmerksamkeit. Die Absage bedeutet wirtschaftliche Einbußen." Dass der Verkauf von Büchern auf der Messe entfällt, sei dabei nebensächlich. "Es ist vor allem das ganze Drumherum, dass unseren Büchern und Autoren jetzt ein ganz großer Teil an Aufmerksamkeit fehlt. Das ist schwer wieder wettzumachen und bedeutet auch wirtschaftlich einen großen Verlust."

Das haben auch schon viele Bücherfans erkannt und im Internet eine Soli-Aktion für kleinere Verlage ins Leben gerufen. Unter dem Hashtag #bücherhamstern werden seit Dienstag auf Twitter eifrig Lesetipps für Angebote vor allem aus unabhängigen Verlagen ausgetauscht. Verbreitet wurde der Hashtag vom Phantastik Autoren Netzwerk (PAN), denn "Kleinverlage machen einen erheblichen Umsatz auf der Leipziger Buchmesse", sagt die PAN-Vorstandsvorsitzende Diana Menschig.

Veranstaltungen außerhalb der Messe

Gebuchte Flüge für eingeladenen Autoren und Autorinnen lassen sich meist nicht kostengünstig stornieren. Für viele kleinere Verlage geht es deshalb jetzt vor allem darum, zu retten, was noch zu retten ist. Zwar wurde das Lesefest "Leipzig liest" von Seiten der Messe, die dazu den Gesamt-PR-Rahmen liefert, offiziell abgesagt. Ob sie ihre Veranstaltungen aber tatsächlich ausfallen lassen, steht den beteiligten Verlagen frei. Nicht wenige Autorinnen und Autoren werden trotzdem auftreten. Weiter geplant sind auch Lesungen in anderen Städten wie Berlin, München und Köln, wo die Lit.Cologne bisher keine Gefahr für ihr großes Literaturfestival sieht.

Leipziger Buchmesse 2019 | Vorbereitungen, Bücherstapel (picture-alliance/dpa/J. Woitas)

Wohin mit den Stapeln? In diesem Jahr sollten erstmals Bücher auch direkt auf der Messe verkauft werden

Verlage und Autoren im Netz

Andere Verlage verlegen ihre Messe-Aktionen teilweise ins Netz. Der Carlsen Verlag beispielsweise startet auf seiner Webseite an den jetzt ausfallenden Messetagen täglich unter dem Hashtag #LeidernichtLeipzig eine Online-Aktion, durch die Leserinnen und Leser die Möglichkeit haben sollen "zumindest virtuell auf einige der Autor*innen und Themen zu treffen, die nun leider nicht in Leipzig zu erleben sein werden".

"Lassen Sie uns die Leipziger Buchmesse zu den Leser*innen nach Hause tragen!", meint auch der Autor Karl-Ludwig von Wendt. Auf Bookbytes, dem Digitalblog des Börsenblatts, schlägt er vor, Lesungen per Live-Streams anzubieten, inklusive Live-Chat. Auch eine Verlagssonderausgabe mit dem Titel "Leipziger Buchmesse zuhause" kann sich der Autor und Unternehmer vorstellen.

Großer Schaden für die Buchbranche

Auch die großen Verlage haben durch die Absage lange für den Papierkorb gearbeitet und müssen sich erst neu orientieren. "Wir waren gerade dabei, zu besprechen, ob wir zur Messe fahren, als die offizielle Absage kam", sagt Unternehmenssprecherin Rebecca Klöber für die Verlagsgruppe Random House gegenüber der Deutschen Welle. "Wir halten die Entscheidung für richtig, aber finden es natürlich sehr, sehr schade, dass es sein muss." Welche Kosten durch die Absage entstehen, könne man noch nicht absehen. Noch spreche man in den verschiedenen Verlagen von Random House mit den ursprünglich eingeladenen Autorinnen und Autoren über alternative Veranstaltungen.

Für den eigenen Verlag sei der Schaden zwar nicht dramatisch, erklärt Karl-Heinz Fallbacher, Marketing- und Vertriebsleiter des traditionsreichen Reclam-Verlags. "Insgesamt glaube ich aber, dass der Schaden für die Buchbranche groß ist." Leipzig sei immer eine Messe, die für das Buch und das Lesen große Werbung gemacht habe. "Es ist sehr schade, dass wir diesen Impuls in diesem Jahr nicht nutzen können." Wirtschaftlich negativ zu Buche schlügen vor allem die Personalleistungen für die monatelange Vorbereitung, aber der eigentliche Verlust bestehe im entgangenen Kontakt mit den Kunden, im Falle Reclams mit Schülern, Studenten oder Lehrenden.

Leipziger Buchpreis - Buchstapel (Tobias Bohm)

15 Nominierte für den Leipziger Buchpreis warten auf eine alternative Preisvergabe

Gesucht: Ein Rahmen für die Preisvergaben

Zu den Höhepunkten der Buchmesse gehören viele Preisvergaben, darunter als wichtigste gleich im Rahmen der Eröffnung der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. In diesem Jahr wird der ungarische Essayist, Kunsttheoretiker, Literaturkritiker und Übersetzer László Földényi für sein Buch "Lob der Melancholie" ausgezeichnet. In welcher Form dieser und der renommierte Preis der Leipziger Buchmesse vergeben wird, steht noch nicht fest. "Zu beiden Preisen sind wir noch dabei zu überlegen, was wir entwickeln können, um sie dennoch zu vergeben", erklärt Ruth Justen, PR Managerin der Leipziger Messe. "Wir bitten um Verständnis, dass wir jetzt noch keine spruchreife Lösung haben."

Gefragt sind jetzt Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit. Denn vieles steht noch zur Debatte, nachdem die Leipziger Buchmesse nicht stattfindet.

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