Warum so förmlich! | Sprachbar | DW | 18.12.2013
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Sprachbar

Warum so förmlich!

So wichtig wie die erste Begegnung selbst ist oft die richtige Anrede. Ob jemand geduzt oder gesiezt wird, ist im Deutschen nicht nur eine Frage der Vertrautheit. Auch die Situation und die Region spielen eine Rolle.

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Warum so förmlich! – die Folge als MP3

Es geschah auf einer Kreuzung, als zwei Autos aufeinander prallten und aus dem Gewirr von Blech und Kotflügeln eine Stimme rief: „Du Anfänger! Hast du deinen Blinker verschenkt!?“ Dass das nicht wortwörtlich zu nehmen ist, ist klar. Der eine will dem anderen verdeutlichen, dass er wie ein Fahranfänger gefahren ist, da er kein Lichtzeichen gegeben, keinen Blinker gesetzt, hat. Und im Eifer des Gefechts wird schnell der gute Umgangston vergessen. Nicht nur materiell, sondern auch zwischenmenschlich ein Totalschaden! Denn auch wenn man Wange an Wange in einem Chaos aus Stahl sitzt, bleibt alles eine Frage des guten Tons.

Manche dürfen, manche müssen förmlich sein

Ein Junge küsst zärtlich die Nase eines Golden Retrievers

Klare Sache: „Du“ bist mein bester Freund!

Duzen und siezen, das ist gar nicht so einfach. Du drückt eine Nähe und Vertrautheit aus und Sie Förmlichkeit oder Distanz. Klingt einfach. Aber am Ende sind es nur zwei Wörter für eine Vielzahl unterschiedlichster Lebenssituationen. Die Chancen, das richtige Wort zu treffen, stehen damit allenfalls fünfzig zu fünfzig.

Da weiß auch die Rechtsprechung oftmals keinen Rat. Denn ob „Du“ oder „Sie“ ist nicht nur eine Frage der Etikette. Ein deutscher Polizist zum Beispiel kann es unter Umständen als Beleidigung auffassen, wenn er geduzt wird. Ein falsches „Du“ kostet hier schon mal mehrere hundert Euro Strafe. Das gilt eigentlich für jeden – eigentlich. Ein Prominenter kommt mit einem „Du“ bei der Polizei eventuell auch preiswerter davon. Das heißt, wenn er beim Fernsehen ist, Dieter Bohlen heißt und einfach sowieso immer alle duzt. Im Falle des deutschen Entertainers sei die vertrauliche Anrede nur als Unhöflichkeit zu werten, nicht als ehrverletzende Äußerung, urteilte das Hamburger Landgericht im Jahr 2006.

Übertriebene Förmlichkeit adé

Gemälde von Jean-Étienne Liotard Das Schokoladenmädchen. Es zeigt eine Dienstbotin mit Tablett, auf dem eine Tasse Kakao und ein Glas Wasser stehen

Bringe „Sie“ mir bitte den Kakao!

Die Verwendung des „Du“ ist übrigens noch gar nicht so alt: Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war in der bürgerlichen Gesellschaft jeder ein „Sie“. Selbst Kinder redeten ihre Eltern mit „Sie“ an, also: „Herr Vater, Frau Mutter, Sie…“ Erst die Gewerkschaftsbewegung führte in Deutschland in den 1960er Jahren das „Du“ als Ausdruck für Brüderlichkeit und Gleichheit ein.

Und wo wir schon mal geschichtlich sind: Es wird nicht nur geduzt und gesiezt. Früher konnte man kann auch „erzen“ und in besonderen Fällen sogar „ihrzen“. So sprachen im 17. Jahrhundert Personen, die einer höheren gesellschaftlichen Schicht angehörten, ihre Untergegebenen mit „Er“ an – wie zum Beispiel: „Hat Er denn die Lanze nicht kommen sehen?“ oder „Fülle Er endlich den Krug nach!“ Die Anrede mit „Ihr“ reicht sogar noch weiter zurück. Schon im 8. Jahrhundert wurden Fürsten mit „Ihr“ angesprochen. Das klang dann beim Burgfräulein etwa so: „Ihr seid mir sehr ans Herz gewachsen, mein Fürst!“ oder „Möget Ihr Euch in Eure Gemächer zurückziehen?“

Regionalspezifische Verwirrung

Ein Köbes, ein Kellner in einer Kölner Kneipe, hält einen sogenannten Kranz mit mehreren Biergläsern in der rechten Hand

Ein Kölner „Köbes“ duzt seine Gäste grundsätzlich

Wer zum Beispiel als Brite nach Deutschland kommt, staunt. Hat er im eigenen Land keine Probleme, muss er sich in Deutschland nicht nur mit der Frage befassen, in welcher Situation welche Anrede benutzt wird. Die Verwirrung ist komplett, wenn es dann auch regional nicht einheitlich ist. Beispiele hierfür sind das „hamburgische Sie“, das bedeutet, „Sie“ sagen, aber mit dem Vornamen anreden. Also: „Sehr nett, Sie zu treffen, Sieglinde.“ Oder dem „kölschen Du“: „Du“ sagen, aber mit dem Nachnamen anreden.

Abgesehen von solch regionalen Unterschieden gibt es aber auch noch andere „Ausnahmeregelungen“. Absolut unüblich ist das „Sie“ beispielsweise in einer akuten Gefahrensituation. Wer gemeinsam in einem brennenden Flugzeug auf die Erde zurast, darf sich getrost duzen.

Den lieben Gott duzt man auch

Letzte Worte der Art: „Würden Sie mir bitte die Sauerstoffmaske reichen? – ich danke Ihnen!“, werden bisher wohl kaum so gesagt worden sein. Bedeutet ein Sauerstoffabfall also den Wegfall der guten Manieren? Vielleicht … Aber was soll's. Den lieben Gott duzt man ja auch. Übrigens: aus dem gegnerischen Unfallfahrzeug ertönte ein „Und wenn schon, dann bitte Sie Anfänger, Sie Geißel der Landstraße.“




Fragen zum Text




Was stimmt nicht? Wenn eine Person eine andere duzt, …
1. ist sie/er mit der anderen Person sehr vertraut.
2. ist sie/er sehr höflich.
3. ist ihr/ihm die Etikette nicht so wichtig.


Was stimmt? Die Anrede „Er“ …
1. war im 20. Jahrhundert in Deutschland üblich.
2. galt für Dienstboten.
3. wurde nur in Königshäusern verwendet.


In Deutschland …
1. wird einheitlich geduzt und gesiezt.
2. gibt es regionale Unterschiede beim Gebrauch des „Du“ und des „Sie“.
3. wird heutzutage noch geihrzt.


Arbeitsauftrag
Was findest du gut? Sollte man generell alle Menschen duzen? Sollten bestimmte Personen gesiezt werden? Begründe deine Meinung in ein paar Sätzen und bringe ein Beispiel, warum du so denkst.






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