Warum Nachtigallen Berlin lieben | Wissen & Umwelt | DW | 03.05.2019
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Wissen & Umwelt

Warum Nachtigallen Berlin lieben

Die Nachtigall ist kein urbaner Vogel wie der Spatz oder Mauersegler. Trotzdem gibt es in keiner anderen europäischen Großstadt so viele Brutpaare pro Quadratkilometer wie in Berlin.

Einige Teilnehmer haben ihr Vogel-Lexikon und Taschenlampen mitgebracht, andere wollen an diesem Abend einfach nur den zauberhaften Gesang hören. Die siebenköpfige Gruppe, angeführt von der Ornithologin Kim Mortega, muss nicht weit in den Tiergarten hineingehen, bis die ersten Nachtigallen loszwitschern.

"Hören Sie? Es ist ein Battle-Rap", sagt Mortega. Bei Nachtigallen sind die Rollen klar: Nur die Männchen singen, hauptsächlich nachts, um ein Weibchen anzulocken.

Berlin hat mit 1300 bis 1700 Brutpaaren eine vergleichsweise hohe Nachtigall-Population. Und sie wächst laut der Berliner Naturschutzbehörde um etwa sechs Prozent jährlich. Eigentlich nistet die Nachtigall an Feldrändern oder in Büschen am Boden. Am liebsten in dichtem Gestrüpp, in Himbeer- und Brombeerbüschen, zwischen Brennnesseln und Hopfenranken.

Ihr Nest baut sie aus altem Laub und trockenen Gräsern. Aber warum suchen sich die Zugvögel Berlin aus? „Wir glauben, dass die Nachtigallen wegen der ungepflegten Grünflächen und verwilderten Parks nach Berlin kommen“, sagt die Biologin Silke Voigt-Heucke.

Luftaufnahme: Berlin von oben - die grüne Stadt (picture-alliance/dpa/K. Nietfeld)

Der Tiergarten: Berlin ist in der Rangliste nicht die grünste Stadt Deutschlands, aber eine mit vielen ungepflegten und verwilderten Grünflächen, die den Nachtigallen ein gutes Zuhause bietet.

Das perfekte Zuhause: Verwaiste Parks, verwilderte S-Bahn-Trassen

Überraschenderweise finden sie gerade in Berlin viele Standorte, die ihren Bedürfnissen entsprechen, sogar entlang der bewachsenen S-Bahn-Trassen oder an der Stadtautobahn. Warum die Nachtigallen ihre Nester lieber im Tiergarten als im Frankenwald bauen, will Silke Voigt-Heuckes Projektteam von „Forschungsfall Nachtigall“  am Berliner Museum für Naturkunde herausfinden.

Die Nachtigallen fliegen Mitte April aus Afrika zurück in ihre deutschen Brutgebiete. Von geschätzten 95.000 in ganz Deutschland kommen jedes Jahr rund 3000 der kleinen Sänger nach Berlin.

Die Nachtigall, oder auch Luscinia megarhynchos, wird oft mit ihrer Schwesterart, dem Sprosser verwechselt. Nachtigallen sind klein und unscheinbar, aber wenn sie losschmettern, kann man kaum glauben, dass ein nur 16 Zentimeter langer Vogel soviel Stimmkraft und Ausdauer aufbringen kann. Es gibt Aufnahmen, in denen Männchen bis zu 20 Stunden durchsingen. Ihr vielfältiger Gesang hat die Nachtigall weltweit zu einem der wichtigsten Symbole der romantischen Liebe gemacht und Schriftsteller von der Antike bis heute inspiriert. "Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche.." behauptet etwa Julia in Shakespeares Liebesdrama, um ihr Stelldichein mit Romeo zu verlängern.

Die Nachtigall - Lithografie Theodor Hosemann - 1863 (picture-alliance/akg-images)

Die Nachtigall: Lithografie von Theodor Hosemann (1863). Rosen und Nachtigallen waren bereits im Mittelalter beliebte Allegorien von Liebe und Leidenschaft.

"Den Dichtern gehen mittlerweile die Worte aus, um ihre Emotionen zu beschreiben, wenn sie einer Nachtigall zuhören", sagt die Biologin Sarah Darwin, eine Nachfahrin des berühmten Biologen Charles Darwin. "Viele Menschen haben mehr Geschichten über die Nachtigall gehört als den Gesang an sich." Darwin ist Teil des Teams bei "Forschungsfall Nachtigall".

Sie ist seit Jahren von den Kompositionen der kleinen Virtuosen fasziniert. "Die Nachtigall singt in Strophen und jede klingt ein bisschen anders", sagt sie im DW-Interview. Die Männchen haben im Schnitt 180 Strophentypen in ihrem Repertoire. "Das macht den Vogel zu einem der vielseitigsten Sänger überhaupt."

Bürger forschen

Und zum Popstar seiner Art. Das dient auch der Wissenschaft. "Die Nachtigall ist eine perfekte Einstiegs-Spezies, um Menschen wieder für die Natur zu begeistern", sagt die Biologin. Die Mitarbeiterinnen am Museum für Naturkunde haben deshalb eine kostenfreie Smartphone-App namens Naturblick entwickelt. Mit einem Klick können Nutzer anonym Vogelgesänge aufnehmen und mit der Datenbank des Projekts teilen. 2018 gab es bereits einen Aufruf für Berlin. Dieses Jahr gilt er für ganz Deutschland.

Sobald die Aufnahmen eingegangen sind, werden sie geortet und mit einem Zeitstempel versehen. Ein Algorithmus prüft dann, ob es sich wirklich um eine Nachtigall handelt. Die Ornithologinnen wollen anhand der Daten die bevorzugten Brutstätten und die Bedeutung der Nachtigall-Gesänge untersuchen sowie regionale Dialekte erkennen. Die Nutzer können dann die Gesänge auf einer interaktiven Landkarte aufrufen.

Und was macht nun die besondere Berliner Nachtigallen-Schnauze aus? Viele Hauptstädter wollen sogar elektronische Beats aus dem Vogelkonzert herausgehört haben. "Ja es klingt definitiv Techno durch, mehr Techno als Paganini", sagt Sarah Darwin. "Der Gesang ist zwar nicht besonders melodisch, aber dafür kraftvoll und bestimmt."

Und damit kommt der kleine Vogel auch ganz gut gegen den Stadtlärm an. „Wir glauben sogar, dass sie gegen den Lärm ansingen, aber das ist eine Theorie, die noch belegt werden muss", sagt Silke Voigt-Heucke. Nach der Evolutionstheorie sei das sogar plausibel, denn je fitter und lauter die Männchen seien, desto bessere Chancen hätten sie bei der Fortpflanzung.

Hat das Männchen ein Weibchen gefunden, kümmert sich das Paar um den Nestbau und bleiben zusammen - zumindest bis die Brutsaison vorbei ist. Die nächtlichen Liebeslieder verwandeln sich dann in aggressiveren Reviergesang.

Größtes Risiko: Habitatverlust

Noch ist der Bestand in Deutschland nicht gefährdet. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) schätzt die Nachtigall-Population auf etwa 95.000 Nachtigallenpaare. In Europa gibt es schätzungsweise 4,2 bis 11,6 Millionen Brutpaare. Seit den 1990-ern bleibt der deutsche Bestand mit einigen Schwankungen grundsätzlich stabil.

In einigen Regionen Europas ist die Situation allerdings kritischer. Etwa in Großbritannien, wo die Nachtigall-Population innerhalb der vergangenen 50 Jahre um 90 Prozent geschrumpftist. Dafür gibt es noch keine eindeutigen wissenschaftlichen Erklärungen, nur ein paar Hinweise. „Sicherlich spielt die intensive Landwirtschaft in Großbritannien eine entscheidende Rolle“, sagt Voigt-Heucke im DW-Interview. Der Vogelkundlerin zufolge gebe es keine andere Region in Europa, in der die Nachtigallen-Population so stark zurückgegangen sei.

Außerdem gebe es dort sehr Rehwild, das gerne die niedrigen Büsche abknabbere und damit potenziellen Brutplätze der Nachtigallen zerstöre. Aber auch hierzulande ist die Population der nächtlichen Sänger nicht überall stabil. So gingen durch intensive Land- und Forstwirtschaft in Nordbayern in den vergangenen Jahren viele Lebensräume für die Nachtigallen verloren. „Wir müssen auch in Deutschland darauf achten und die Lebensräume schützen, damit wir ihrem wunderschönen Gesang auch noch in 100 Jahren lauschen können“, sagt Silke-Voigt-Heucke.

Deshalb wollen die Biologinnen bei "Forschungsfall Nachtigall" ihr Wissen über Nachtigallen weitergeben und möglichst viele Menschen dazu anregen, die biologische Vielfalt um sich herum selbst zu entdecken – sogar mitten in Berlin.

 

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