Warum Martin Roth London verlässt | Kunst | DW | 10.09.2016
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Kunst

Warum Martin Roth London verlässt

Martin Roth hat seinen Abschied vom Victoria & Albert Museum angekündigt. Er war der schärfste Kritiker des Brexit. Der DW erzählt er, wie sich Großbritannien und seine Kulturszene verändern könnte.

Fünf Jahre lang leitete Martin Roth als erster Nicht-Brite das britischste aller Museen: das Victoria & Albert-Museum. Als er von Dresden, wo er von 2001 bis 2011 als Generaldirektor der Kunstsammlungen tätig war, nach London wechselte, sei er voll "freudiger Anspannung" gewesen, sagt er im DW-Interview. Er habe sich Sorgen gemacht, ob er die Aufgabe bewältigen könne. Aber vielleicht sei es für ihn "als Nicht-Engländer einfacher gewesen, Dinge durchzusetzen", schmunzelt der 61-Jährige.

In seiner Amtszeit am Victoria & Albert Museum (V&A) verantwortete er viele publikumsträchtige Ausstellungen, beispielsweise über den Pop-Star David Bowie oder über den Mode-Designer Alexander Mc Queen. Die geplante Schau über die Gruppe Pink Floyd wird wohl auch ein breites Publikum begeistern, genauso wie die soeben eröffnete Ausstellung mit kunstvoll designten Plattencovern aus den 1960er Jahren. "Das V&A steht gut da", stimmt Roth zu. "Der Abschied tut auch ein wenig weh".

Großbritannien London Martin Roth Direktor des Victoria and Albert Museum

Martin Roth

In kürzester Zeit hat Martin Roth dem Prachtmuseum von South Kensington zu neuem Glanz verholfen. Erst im Juli 2016 war das V&A zum Museum des Jahres in Großbritannien gewählt worden. Die Herzogin von Cambridge hatte Roth persönlich die Auszeichnung überreicht. Unter seiner Führung habe sich das Museum nicht nur zu einem der beliebtesten Museen Englands entwickelt – in diesem Jahr werden 3,8 Millionen Besucher erwartet –, es sei schlicht das beste Museum der Welt, sagte sie. Bleibt die Frage: Warum verlässt jemand ein Haus, an dem alles richtig rund läuft?

"Kein Druck" auf Martin Roth

Über die genauen Hintergründe schweigt Roth. "Wäre ich zehn Jahre jünger, würde ich vielleicht anders handeln", sagt er nicht ohne Koketterie. In der offiziellen Erklärung des Museums heißt es, Roth wolle sich verstärkt verschiedenen internationalen Kulturberatungen widmen und mehr Zeit mit seiner Familie verbringen.

Die Präsidentschaft des Stuttgarter Instituts für Auslandsbeziehungen (IFA), die er im nächsten Jahr übernimmt, erwähnt Roth allerdings nicht. Nach dem Brexit-Votum in Großbritannien, dessen Gegner er war, sei aber kein Druck auf ihn ausgeübt worden, betont er.

Überhaupt scheint er das Wort Brexit im Gespräch mit der DW nicht in den Mund nehmen zu wollen. Er beruft sich lieber auf das kulturpolitische Umfeld, in dem er in London lebt: "Die Briten verabschieden sich von Europa und wollen internationaler werden", beklagt Roth. Doch was derzeit passiere, sei das Gegenteil: "Meine englischen Freunde sind sehr besorgt, dass sich die Uhr zurückdreht zu 'Little England'".

Kleinstaaterei, Nationalismus - das Phänomen greife überall in Europa um sich. Roth klingt verbittert, wenn er das sagt: "Mich macht persönlich traurig, dass es Engländer sind, die diesen Schritt als erste getan haben."

Budgetkürzungen befürchtet

Als langfristige Folgen des Brexit rechnet Roth mit Budgetkürzungen in großem Stil auch am Victoria & Albert Museum. Der Jahresetat liegt derzeit bei 120 Millionen Euro, ein Drittel zahlt der Staat. "Keiner weiß, wie es weitergeht. Ich kann nicht risikoreich und ambitioniert weitermachen, sondern ich muss vorsichtig arbeiten, damit ich dieses Haus nicht gefährde", sagt Roth. Jedes Unternehmen würde sich in so einer Situation absichern. "Es geht um Strategien für die Zukunft!"

Ausstellung You Say You Want a Revolution? Foto: Victoria and Albert Museum/Alan Aldridge

Plakat aus der Ausstellung "You Say You Want a Revolution?"

Zweieinhalb Monate liegt das EU-Referendum in Großbritannien zurück. Die knappe Mehrheit der Briten votierte damals für einen Austritt des Landes aus der Europäischen Union. Die Austrittsverhandlungen lassen auf sich warten. Für die britische Kulturlandschaft sind die Folgen des Brexit noch nicht absehbar.

So könnte die Musik- und Filmindustrie den Zugang zu ihrem wichtigsten Markt, nämlich dem europäischen, verlieren. Europas Zollschranken könnten den Leihverkehr zwischen den Museen gefährden. Dass die EU ihre Kulturförderung für das Vereinigte Königreich streicht, ist ebenso möglich.

Vor genau diesen Folgen, wie auch vor einer Renationalisierung Europas, hatte Martin Roth vor dem Brexit-Votum gewarnt. Wohin es ihn in nächster Zeit führt? Das will - oder kann - der 61-Jährige nicht verraten. Nur so viel: "Ich möchte nicht das Gefühl hinterlassen: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff."

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