Warum Brandenburgs Bauern Glyphosat einsetzen | Wirtschaft | DW | 28.05.2019
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Agrarwirtschaft

Warum Brandenburgs Bauern Glyphosat einsetzen

Monsantos umstrittener Unkrautvernichter Roundup wird von vielen Agrarbetrieben in Deutschland regelmäßig eingesetzt. Alternativen gäbe es, doch diese sind für Bauern und Konsumenten nicht zum Nulltarif zu haben.

Nur wenige Kilometer westlich von Berlin liegt Dirk Peters Reich. Er ist der Geschäftsführer der Agro-Farm Nauen im Flächenland Brandenburg. Der landwirtschaftliche Großbetrieb bewirtschaftet unter anderem 2500 Hektar Anbaufläche für Weizen, Gerste, Roggen und Hafer.

Außerdem werden hier Mais und Zuckerrüben angebaut. Als Wahrzeichen des Betriebes gilt eine große Biogasanlage, die Strom, Wärme und Biomethan erzeugt.

Wenn man sich der Agro-Farm nähert, sieht man Felder, soweit das Auge reicht. Und wie in den meisten anderen Betrieben dieser Art ist man hier darauf bedacht, Unkraut von den Äckern so weit wie möglich fern zu halten. Der Grund ist so simpel wie eindeutig - wo Unkraut sprießt, schwindet die Ernte, da den Nutzpflanzen wichtige Nährstoffe entzogen werden.

Glyphosat als Teil der Gesamtstrategie

Dirk Peters macht kein Geheimnis daraus, dass seine Firma Monsantos (Bayers) Glyphosatprodukt Roundup je nach Bedarf und Lage einsetzt, um die Ernte zu stabilisieren.

"Der Nutzung von Glyphosat liegt eine landwirtschaftliche Anbaustrategie zugrunde", sagt Peters gegenüber der DW. "Es handelt sich ja um ein Totalherbizid, dass alles Grüne, das den Nutzpflanzen später in die Quere kommen könnte, abtötet."

Dirk Peters, Agro-Farm Nauen

Aus Sicht des Chefs der Agro-Farm Nauen, Dirk Peters, gibt es gegenwärtig zu Glyphosat keine einfachen Alternativen

"Wir nutzen Glyphosat insbesondere auf den rund 100 Hektar Anbaufläche für Zuckerrüben", erklärt der Geschäftsführer. "Wir begrünen unsere Flächen ja im Herbst, damit sie nicht brach liegen. Im Frühjahr bringen wir dann Glyphosat aus, um den Acker für die Zuckerrüben bestmöglich vorzubereiten."

Rein rechtlich ist die Agro-Farm Nauen auf der sicheren Seite, hat doch Brüssel nach einem Mehrheitsbeschluss der EU-Mitgliedsstaaten erst 2017 die Verwendung von Glyphosat für weitere fünf Jahre erlaubt.

Verantwortungsvoller Umgang

Der EU-Entscheidung folgte massive Kritik von Wissenschaftlern, Naturschützern und Verbraucherverbänden. Der These, dass deutsche Bauern problemlos ohne Glyphosat auskommen könnten, aber widerspricht Peters. 

"Uns wird ja immer wieder vorgeworfen, dass wir das Zeug massenhaft auf den Acker kippen, aber das ist totaler Blödsinn", sagt Peters. "Glyphosat kostet nicht wenig Geld, schon daher, aber nicht nur deswegen gehen unsere Landwirte sparsam und verantwortungsvoll damit um. Sicherlich wird es immer mal wieder schwarze Schafe geben, aber unter den Bauern hier in der Gegend ist mir da nichts Negatives zu Ohren gekommen."

Peters betont, dass Glyphosat bei ihm auch niemals ohne Bedarf eingesetzt wird und erwähnt, dass es immer mal wieder Jahre gegeben hat, wo nur wenig von dem Herbizid oder gar kein Herbizid gesprüht werden musste. "Wir setzten das Mittel auch schon seit Jahren nicht mehr zur Sikkation ein." [Sikkation bezeichnet das Abspritzen der Kulturpflanzenbestände zum Zweck der Abreifebeschleunigung - Anm. d. Red.].

Agro-Farm Nauen in Brandenburg

Auf ihren Zuckerrüben-Äckern setzt die Agro-Farm Nauen den Unkrautvernichter Glyphosat ein

Gleichwertige Alternativen?

Kritiker der Verwendung von Glyphosat in Brandenburg fordern eine mechanische Unkrautentfernung. Zur Ehrlichkeit der Debatte gehört laut Peters aber auch, auf die Nachteile einer solchen Herangehensweise einzugehen.

"Es ist schon richtig, dass das mechanische Entfernen von Unkraut mit Traktor und Pflug eine alternative Ackerbaustrategie ist", sagt der Agro-Farm-Geschäftsführer. "Aber das würde wesentlich mehr Energie verschlingen und die CO2-Bilanz in die Höhe treiben wegen des größeren Dieselverbrauchs - letztendlich würden Lebensmittel damit teurer. Und nicht zu vergessen: Der erhöhte Einsatz von Pflügen würde unseren Feldern nicht wirklich gut tun und die ohnehin schon vorhandenen Winderosionsprobleme noch erheblich verstärken."

In ein Paar Jahren läuft die von Brüssel gewährte Frist aus, und was kommt dann?

"Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Industrie schon irgendwas in der Schublade hat", meint Peters. "Wir Landwirte sind ja auch irgendwo ein bisschen Chemiker und Biologen. Wir wären vielleicht in der Lage, uns selbst etwas zusammen zu mixen aus verschiedenen Wirkstoffen in einer Welt nach Glyphosat."

Der Leiter der Agro-Farm Nauen hat die Gerichtsprozesse in den USA verfolgt, in denen Klägern hohe Entschädigungen zugesprochen wurden, weil die Gerichte urteilten, dass Monsantos Roundup eine Mitschuld an der Erkrankung der Kläger hatte. Stimmt ihn das nicht nachdenklich?

"Mit ist nur eine Studie bekannt, die zu dem Schluss kommt, dass Glyphosat Krebs erregen kann", sagt Peters. "Und jede Menge anderer Studien kommen zum einem gegenteiligen Ergebnis - das sagt doch so viel, oder? Ich habe meine Zweifel, ob die Mitglieder eines Geschworenengerichts wirklich mit dem nötigen Sachverstand ein faires Urteil fällen können."

Weltweit ist der Einsatz an Roundup in den letzten Jahren noch deutlich angestiegen (2017: 850.000 Tonnen). In Deutschland hingegen ist der Verbrauch seit Jahren relativ konstant (ca. 5000 Tonnen), bleibt aber mit Abstand das am häufigsten verwendete Herbizid in der Landwirtschaft.

Monsantos Roundup

Die Landwirtschaft ist nicht der einzige Glyphosatkonsument

Nicht nur auf dem Acker

Nicht nur die Landwirtschaft zeigt Interesse an Glyphosat. Die Deutsche Bahn zählt zu den Großabnehmern und nutzt den Wirkstoff, um ihre 35.000 Kilometer Gleisbett von Unkraut frei zu halten - ein Muss, wie das Unternehmen sagt, um die Stabilität der Gleisanlagen zu gewährleisten. Auch hier stehen sich eine mechanische Beseitigung, etwa durch ein mehrmals im Jahr erforderlichen Abbrennen mit entsprechenden CO2-Emissionen und der Einsatz des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels mit seinen möglichen Folgen für die Umwelt gegenüber. 

Und da wären dann noch die privaten Haushalte. In Deutschland gibt es ungefähr 17 Millionen Gärten sowie separate Kleingärten. Um das Jahr 2000 herum wurden nach Zahlen des Verbraucherschutzministeriums in 73 Prozent solcher Gärten Herbizide und Pestizide eingesetzt. Es ist allerdings nicht bekannt, wie viele Gartenbesitzer auf Glyphosat (Roundup und Produkte mit gleichem Wirkstoff) zurückgegriffen haben. Verboten ist das bislang nicht, solange Glyphosat nicht auf versiegelten Flächen benutzt wird.

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