Warnung vor militanten Sprachreinigern | Deutschlehrer-Info | DW | 06.02.2020
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Deutschlehrer-Info

Warnung vor militanten Sprachreinigern

Im 19. Jahrhundert kämpften Sprachreiniger gegen alles Französische im deutschen Wortschatz. Heutzutage geht es gegen Anglizismen. Der Germanist Karl-Heinz Göttert warnt vor Reinheitsfantasien.

Tunke statt Sauce, Frau statt Dame: Der Kampf um die Reinhaltung der deutschen Sprache wogt schon seit Jahrhunderten. Warnen Sprachschützer heutzutage vor zu vielen Anglizismen wie downloaden oder upgraden, Jobhopping oder Moonboots, so waren es im 19. und frühen 20. Jahrhundert eher französische Vokabeln, die nach Überzeugung mancher Franzosenhasser den deutschen Sprachschatz vergifteten. Und schon im 16. Jahrhundert gab es Initiativen gegen das übermächtige Latein.

In seinem neuen Buch „Die Sprachreiniger" beschreibt der Kölner Germanist Karl-Heinz Göttert diesen „Krieg gegen Fremdwörter". Er sei im Zeitalter des Nationalismus zu einem Vehikel für Chauvinismus und Fremdenhass geworden und habe vernunftbegabte Bürger auf nationalistische Abwege gebracht.

„Nirgendwo entwickelte sich der Sprachnationalismus des 19. Jahrhunderts so rigoros und militant wie in Deutschland", schreibt Göttert. Die Sprachreiniger hätten den Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Chance auf Deutsch als Weltsprache gesehen und schließlich den Rassismus und Antisemitismus der Nazis sprachlich verstärkt.

Göttert setzt sich insbesondere mit dem „Allgemeinen deutschen Sprachverein" auseinander, der 1885 von dem Kunsthistoriker Hermann Riegel gegründet wurde. Riegel habe sich, noch ganz im Rausch der Reichs-Einigung von 1871, der „Verdeutschung" aller Fremdwörter verschrieben. Alle diejenigen, die sie trotzdem verwandten, habe er mit Hohn und Drohungen gestraft.

„Wie konnten gebildete Persönlichkeiten in ein verbittertes Querulantentum verfallen, in einen erschreckenden Dogmatismus, in großspurige Angebote sinnbringender Erlösung?" Das ist die Leitfrage, die Göttert stellt.

Wie kam es zum Beispiel, dass Heinrich von Stephan, Generalpostmeister des Reiches und Gründer des Weltpostvereins – also ein Mann, der wie kaum ein anderer seiner Zeit für Globalisierung stand – den deutschen Postbeamten seit 1874 die Eindeutschung Hunderter lange verwendeter Begriffe befahl? Expressbote musste durch Eilbote und Couvert durch Umschlag ersetzt werden.

Für Göttert hatte solche Sprachreinigung wenig Harmloses; über sie ließen sich Emotionen schüren und Hass auf andere Länder wecken. Es ging dem Allgemeinen deutschen Sprachverein nach seiner Darstellung um nationalistische Abgrenzung und Distanzierung vom Fremden, das besonders die Franzosen repräsentierten.

Laut Göttert vertraten die fanatischen Sprachreiniger damit auch eine völlig andere Position als Sprachwissenschaftler wie zum Beispiel die Gebrüder Grimm. Diese waren der Ansicht, dass die Sprache sich frei entwickeln und dadurch Ausdruck der Volksseele sein sollte.

Götterts Buch blickt in eine ferne Vergangenheit. Doch es geht dem Germanisten auch um Parallelen zur Gegenwart. Zwar sei Sprache nicht mehr ein so polarisierendes Thema, wie sie es einmal war. Doch es gebe heute beispielsweise einen neuen Sprachverein, der „mit dem alten Verfolgungsfuror agiert", betont er mit Blick auf den Verein Deutsche Sprache in Dortmund. Der hatte 2013 etwa die Dudenredaktion zum „Sprachpanscher des Jahres" ernannt und als „große Hure" bezeichnet, weil sie „gedankenlos" Anglizismen in den Duden aufnehme und damit hoffähig mache.

Aus Sicht Götterts lebt auch der gegenwärtige Nationalismus wieder von Reinheitsfantasien: von der Idee, die Nation vor Eindringlingen und vor der Globalisierung retten zu können. „Rassismus und Fremdenhass knüpfen heute kaum noch an Fremdwörter als Brandbeschleuniger an", schreibt er. Aber: „Es genügt das Aussehen und manchmal auch ein Bekleidungsstück wie das Kopftuch oder die Kippa, um Hassausbrüche zu motivieren." Dafür sei umso mehr wieder von verlorener „Identität", von „Sichselbstabschaffen" die Rede.

rh/sts (mit KNA)

 

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