Warnung vor Hunger-Winter in Afghanistan | Asien | DW | 12.11.2021
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Humanitäre Krise

Warnung vor Hunger-Winter in Afghanistan

Angesichts der katastrophalen Versorgungslage in Afghanistan schlagen UN-Behörden Alarm. Teuerung und wachsende Armut verschärfen die Lage. Die Taliban haben angeblich ein Sofortprogramm gegen die Krise.

Afghanistan Kabul | hungriges Kind

Mehr als 3 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind von Mangelernährung bedroht

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen warnen vor einer steigenden Zahl Hungernder in Afghanistan. 18,8 Millionen Menschen litten laut einer Prognose derzeit täglich Hunger, erklärte der FAO-Vertreter in der afghanischen Hauptstadt Kabul, Richard Trenchard, am Donnerstag. Diese Zahl könnte bis Jahresende auf 22,8 Millionen steigen, darunter über drei Millionen Kinder unter fünf Jahren. Sie brauchen dringend Hilfe: Nahrungsmittel, Trinkwasser, medizinische Versorgung und vernünftige Unterkünfte im Winter. Afghanistan hat rund 39 Millionen Einwohner. 

Kein Geld für Nahrungsmittel

WFP-Exekutivdirektor David Beasly nannte vor wenigen Tagen einige der Gründe für die humanitäre Krise in Afghanistan: Stark gestiegene Kosten für Treibstoff, Nahrungs- und Düngemittel. Gleichzeitig wächst die Armut: "Kaum jemand hat momentan Geld in Afghanistan", sagt Hamidullah Khadem, Leiter der Industriekammer der Provinz Herat im Gespräch mit der DW. "Allein im Gewerbegebiet von Herat sind 70 Prozent der Firmen pleite gegangen. Es gibt keine Nachfrage. Die Kaufkraft ist extrem geschrumpft. Die Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst bekommen kaum noch Gehalt."

Infografik Menschen durch Dürre in Afghanistan betroffen DE

Kleinere Firmen wie etwa Seidenmanufakturen oder Ziegeleien haben keine Überlebenschancen. Die Zahl der Arbeitslosen steigt täglich, und damit auch die Zahl derer, die sich ihr tägliches Brot nicht mehr leisten können. "Viele meiner Bekannten und Freunde verkaufen ihre Möbel und Küchengeräte wie ihren Kühlschrank, um etwas zu essen kaufen zu können", sagt eine Frauenaktivistin, die nicht namentlich genannt werden möchte. "Wer das Land verlassen kann, macht sich auf dem Weg." 

Wer Geld hat, lebt in Gefahr

Es gibt immer häufiger Berichte über Entführungen und Geiselnahmen von Geschäftsleuten und Investoren. Im Gespräch mit der DW bestätigt der Kabuler Wirtschaftsexperte Khanjan Alokozay, dass in den vergangenen zwei Monaten mehr als 40 Ladenbesitzer und Geschäftsleute in verschiedenen Teilen des Landes entführt und einige von ihnen auch getötet wurden. 

Afghanistans Wirtschaft wird in diesem Jahr nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) um bis zu 30 Prozent schrumpfen. Das Bruttoinlandsprodukt betrug im Jahr 2020 rund 20 Milliarden US-Dollar. Davon machten laut Weltbank Zuwendungen aus dem Ausland fast 43 Prozent aus. Vor der Machtübernahme der Taliban wurden drei Viertel der öffentlichen Ausgaben aus diesen Zuwendungen bestritten. Diese Geldströme hörten nach der Machtübernahme der Taliban auf; zudem wurde der Großteil von Afghanistans Währungsreserven im Ausland eingefroren.

Die internationale Gemeinschaft hat humanitäre Hilfe für Afghanistan in Höhe von einer Milliarde US-Dollar zugesagt. Geber stehen vor der Aufgabe sicherzustellen, dass die Mittel über vor Ort tätige Organisationen die bedürftigen Menschen erreichen. So gehen 90 Millionen Euro der von Deutschland zugesagten humanitären Hilfe im Umfang von 600 Millionen Euro an das WFP. Die Organisation bezeichnet jedoch ihre aktuellen Ressourcen als einen "Tropfen im Ozean", um die Nahrungsmittelversorgung in Afghanistan zu stabilisieren. Dafür wären bis zu 220 Millionen US-Dollar nötig - pro Monat. 

"Taliban haben einen Plan"

"Wir brauchen für die Bekämpfung unsere Probleme den Zugang zu unserem eingefrorenen Vermögen im Ausland und auch die Möglichkeit, am internationalen Zahlungsverkehr teilzunehmen ", stellt Mohammad Younis Mohmand, Leiter der afghanischen Handels- und Investitionskammer, im Gespräch mit der DW klar. Mohmand zufolge würden die Taliban den Zusammenbruch der Wirtschaft verhindern und das Leid der Menschen lindern. Sie planten demnach ein Sofortprogram, um die Zahl der Arbeitslosen zu senken und den Hunger im Land zu verringern.  Regierungssprecher Sabiullah Mudschahid kündigte an, Tausende Arbeitslose sollten an Beschäftigungsmaßnahmen teilnehmen und im Gegenzug Weizen bekommen. 

Viele afghanische Bauern bauen statt Weizen lieber Mohn für die lukrative Opiumgewinnung an

Viele afghanische Bauern bauen statt Weizen lieber Mohn für die lukrative Opiumgewinnung an

Die Teilnehmer sollen im Winter zum Beispiel Wasserkanäle und Auffangbecken graben, um künftige Dürren abzumildern. Woher die Taliban den Weizen haben, ist unklar. Die im August geflüchtete Vorgängerregierung hatte im Juli mitgeteilt, dass wegen der Dürre das Land ein Drittel seines Jahresbedarfs an Weizen, eines Hauptnahrungsmittels, importieren müsse. 

Der Eigenanbau von Weizen ist weiterhin unattraktiv, vor allem angesichts des nach wie vor lukrativen Anbaus von Schlafmohn für die Opiumgewinnung.  In drei der vergangenen vier Jahre wurden dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) zufolge jeweils neue Rekordmengen bei der Opiumproduktionen in Afghanistan verzeichnet. Auch im vergangenen Pandemie-Jahr nahm der Mohnanbau um 37 Prozent zu.

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