Wannsee-Konferenz: Neue Dauerausstellung mit Gegenwartsbezügen | Kultur | DW | 19.01.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Holocaust

Wannsee-Konferenz: Neue Dauerausstellung mit Gegenwartsbezügen

Im Januar 1942 legten führende Nazis fest, wie die "Endlösung der europäischen Judenfrage" organisiert werden sollte. Das Haus der Wannsee-Konferenz - heute eine Gedenkstätte - hat nun eine neue Dauerausstellung.

Video ansehen 01:29

Neue Dauerausstellung im Haus der Wannsee-Konferenz

Am 20. Januar 1942 trafen sich in einer vornehmen Villa am Berliner Wannsee 15 hochrangige Nazi-Beamte und Vertreter von SS und NSDAP zu einer morgendlichen Arbeitsbesprechung. In dieser idyllischen Umgebung diskutierten sie detailliert die Einzelheiten ihrer geplanten "Endlösung der europäischen Judenfrage", wie Protokollführer Adolf Eichmann vermerkte. Entschieden werden sollte, unter Führung von Reinhard Heydrich, dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes, wie Juden aus ganz Europa mit Deportationszügen in die Vernichtungslager der SS transportiert werden sollten.

Obwohl die Entscheidung zu einer systematischen Ermordung der Juden bereits Monate vor dem Treffen getroffen worden war, wurde das Protokoll der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 zu einem Schlüsseldokument des Holocaust. Hier wurde festgelegt, mit welchem Transportaufkommen in die Vernichtungslager im Osten zu rechnen war. In der späteren Aufarbeitung der Naziverbrechen wurde diese Konferenz zum Symbol für die kaltblütige Planung eines systematischen Völkermordes.

Aufklärung für die kommenden Generationen

Blick in die neue Daueraustellung im Haus der Wannsee-Konferenz (DW/E. Grenier)

Die neue Daueraustellung im Haus der Wannsee-Konferenz ist interaktiver geworden

Das Haus der Wannsee-Konferenz ist heute eine der wichtigsten und am häufigsten besuchten Orte des Holocaust-Gedenken in Deutschland. Seit 1992 ist in der Villa, die in der Nazizeit als Gästehaus der SS diente, eine Gedenkstätte untergebracht. 

Am Sonntag (19.01.2020) wurde die neukonzipierte Dauerausstellung, mit interaktiven Elementen über die Geschichte der Wannsee-Konferenz, im Beisein von Michelle Müntefering, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, und der ungarischen Holocaust-Überlebenden Eva Fahidi eröffnet. "Das ist die Botschaft dieser Ausstellung: Aus den Verbrechen der Vorfahren erwächst Verantwortung - die Verantwortung nie wieder gleichgültig zu sein", so Münterfering bei der Eröffnung.

Der Termin erinnert auch an den 75. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge des Vernichtungslagers Auschwitz durch die sowjetische Armee am 27. Januar 1945, der weltweit als Holocaust-Gedenktag begangen wird.

Neue Erkenntnisse der Holocaust-Forschung

Die bisherige Ausstellung, die auch den Forschungsstand zur Geschichte des Holocaust widerspiegelt, präsentierte vor allem längere Textpassagen, die Wert auf die historischen Zusammenhänge legten. In der Neukonzeption gibt es mehr interaktive Elemente und kürzere Texte.  Außerdem ist die Schau barrierefrei. Trotz der vereinfachten Form soll die neue Ausstellung weiter die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse integrieren, sagt Hans-Christian Jasch, Direktor vom Haus der Wannsee-Konferenz.

Ein wichtiger Aspekt, den die jüngsten Forschungen hervorheben, so Jasch, sei beispielsweise die Tatsache, dass es sich bei der Entwicklung des Antisemitismus nicht um eine gradlinige Entwicklung handele, die nach 1933 nur in Deutschland stattgefunden habe. Unter Bezugnahme auf Historiker wie Andrea Löw und Omer Bartov weist er darauf hin, dass es in ganz Europa ein "förderndes politisches Umfeld" für Antisemitismus gab, das die Verfolgung ethnischer Minderheiten und der jüdischen Bevölkerung ermöglichte.

US-Truppen beschlagnahmen Akten des Auswärtigen Amtes (NARA, Washington D. C.)

1945: US-Truppen beschlagnahmen Unterlagen des Auswärtigen Amtes

Teuflische Planung in paradiesischer Umgebung

Das Herzstück der neuen Dauerausstellung ist nach wie vor die Konferenz von 1942. Was dort geschah, lässt sich im Protokoll der Wannsee-Konferenz nachlesen. Es wird den Besuchern als Faksimile - also als originalgetreue Nachbildung - gezeigt. Das Original lagert gut gesichert im Archiv des Auswärtigen Amtes, denn es ist das einzige Exemplar, das den Krieg überlebt hat. Die übrigen Abschriften wurden von den Tätern vernichtet, um die Namen der am Völkermord Beteiligten zu verschleiern.

Die Ausstellung beleuchtet die Rollen der Teilnehmer der Konferenz, darunter der hochrangige deutsche SS- und Polizeibeamte Reinhard Heiydrich, der das Treffen einberief, um die Vernichtungspläne zu formalisieren, und Adolf Eichmann, der das Protokoll vorbereitete und die Logistik des Holocaust verwaltete.

Während Heydrich 1942 tödlich verwundet wurde, wurde der Prozess um Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem von den Medien aufmerksam verfolgt. Berühmt ist die Berichterstattung von Hannah Arendt für "The New Yorker", in der sie erstmals von der "Banalität des Bösen" schrieb.

Deutschland Berlin Haus der Wannsee Konferenz (DW/E. Grenier)

Kontrast: Idyllischer Blick auf den Wannsee

Die Lage der Villa - mit ihrem schönen Blick auf den Wannsee - steht in Kontrast zu den grausamen Details, die während der Wannsee-Konferenz besprochen wurden. Bei seinem Prozess sagte Adolf Eichmann aus, dass Butler den Teilnehmern "Cognac und andere Getränke" servierten, während sie über den Völkermord diskutierten.

Entwicklungen vor dem Krieg

Die Ausstellung stellt außerdem die Frage, wie es so weit kommen konnte. Ein Abschnitt beschäfigt sich mit den antisemitischen Animositäten während des ersten Weltkriegs. Ein weiterer mit der Judenverfolgung durch die Nazis in den 1930er Jahren und den Massenmorden in Osteuropa zu Beginn des zweiten Weltkriegs. Insgesamt wurden in der Zeit des nationalsozialistischen Regimes mehr als 6 Millionen Juden ermordet. 

Konzentrationslager | Auschwitz Birkenau (picture-alliance/dpa/Mary Evans Picture Library)

1944: Ankunft von Häftlingen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau

Aktuelle Themen und Fragen

Elke Gryglewski, die Leiterin der Bildungsabteilung der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, weist darauf hin, dass die neue Ausstellung auf ganz verschiedene Zielgruppen abgestimmt sei. So hat das Museum beispielsweise Semiare für bestimmte Berufsgruppen entwickelt, beispielsweise für Polizisten oder für Krankenhausmitarbeiter, die in ihrer Arbeit regelmäßig mit ethischen Fragen wie Machtmissbrauch oder Euthanasie konfrontiert werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg behaupteten viele der am Völkermord beteiligten Menschen, sie hätten lediglich Befehle befolgt und ihre Arbeit getan. Welche Alternativen gab es damals für das Personal? Fragen wie diese können von den Seminarteilnehmern der Gedenktstätte diskutiert und untersucht werden. Es sind Fragen, die sich jede Generation aufs neue stellen muss, und deren Antwort sich auswirken kann auf ihre heutige Arbeit. 

Die neu gestaltete Dauerausstellung mit dem Titel "Die Besprechung am Wannsee und der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden" der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz  wird am 19. Januar 2020 eröffnet.

Schalten Sie auch den TV-Kanal der DW ein: Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz senden wir am 27.1.2020  einen ganzen Tag lang Filme und Dokumentationen zum Thema. Auch die offizielle Gedenkstunde in Auschwitz wird dort live übertragen.  

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema