Wahlprogramme: lang und unverständlich | Deutschlehrer-Info | DW | 23.09.2021
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Deutschlehrer-Info

Wahlprogramme: lang und unverständlich

Wer sich über die Parteien informieren möchte, die bei der Bundestagswahl antreten, muss die Wahlprogramme lesen – heißt es. Doch das ist gar nicht so einfach und kostet die Wahlberechtigten viel Zeit und Mühe.

Ein Radfahrer fährt an großen Wahlplakaten der SPD, CDU und den Grünen

Das Gegenteil von Wahlprogrammen: kurz und wenig komplex

Der oder die mündige, gut informierte Wahlberechtigte liest idealerweise die Wahlprogramme der einzelnen Parteien, vergleicht die jeweiligen Ideen und Ziele, wägt ab – und macht dann am 26. September bei der Bundestagswahl sein oder ihr Kreuzchen an der richtigen Stelle. So könnte es sein. Tatsächlich aber werden die Wahlprogramme nur von wenigen Menschen wirklich gelesen.

Das liegt zwar auch daran, dass Wahlkämpfe in Deutschland, wie in anderen Ländern auch, mittlerweile stark personalisiert sind und einzelne Themen oft sehr zugespitzt präsentiert werden. Komplexe Inhalte gehen dabei schnell unter. Doch auch die Wahlprogramme selbst machen es den Wahlberechtigten nicht leicht: Glaubt man der Analyse des Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider und seines Teams von der Universität Hohenheim, so waren die Wahlprogramme noch nie so umfangreich wie bei der Bundestagswahl 2021. Und nur 1994 waren sie noch unverständlicher.

83 Wahlprogramme zu Bundes- und Landtagswahlen haben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen seit der Bundestagswahl 1949 auf formale Verständlichkeit und Länge geprüft. Im Schnitt zählten die Forscher 2021 43.541 Wörter pro Programm. 1949 waren es nur 5498 Wörter. Am umfangreichsten ist dabei das Programm der Linken: Es umfasst mehr als 68.000 Wörter. Die kürzesten Programme haben die AfD und die SPD vorgelegt mit jeweils knapp 23.500 Wörter.

Die formale Verständlichkeit misst das Forschungsteam mit Hilfe einer Software, die überlange Sätze, Fachbegriffe, Anglizismen und zusammengesetzte Wörter zählt. Der „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“ (HIX) reicht von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich). Am verständlichsten ist danach das Programm der Linken mit 8,4 Punkten. Den letzten Platz belegen die Grünen mit 5,6 Punkten. Die Wahlprogramme 2021 erreichen im Schnitt 7,2 Punkte. 2017 lag der Schnitt bei 9,2 Punkten. „Das ist enttäuschend“, urteilt Frank Brettschneider. „Denn alle Parteien haben sich Transparenz und Bürgernähe auf ihre Fahne geschrieben.“

Als Beispiele für schwer verständliches Fachvokabular nennen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler etwa die „Fact-Finding-Mission“ (Grüne), den „Agri-FoodTech-Wagniskapitalfonds“ (CDU) oder den „Carbon Leakage-Schutz“ (FDP). Auch überlange Komposita wie „Quellentelekommunikationsüberwachung“ (FDP, Linke) oder „Schuldenstrukturierungsverfahren“ (Grüne) erschließen sich nicht ohne Weiteres. Den längsten Bandwurmsatz liefert die AfD mit 79 Wörtern. Für Brettschneider ist das kaum nachvollziehbar: Die „teilweise schwer verdaulichen Wahlprogrammen“ schlössen einen erheblichen Teil der Wählerinnen und Wähler aus.

Außerdem haben die Hohenheimer Forscher und Forscherinnen die Verwendung populistischen Vokabulars untersucht. Maßgebend dafür war eine Wortliste, die unter anderen aus Begriffsteilen wie: elit*, undemokratisch*, korrupt*, propagand*, täusch*, betrüg*, *verrat*, scham*, skandal*, wahrheit*, unfair*, unehrlich*, establishm*, *herrsch*, lüge* besteht.

Demnach weisen die aktuellen Programme im Verhältnis zu früheren Wahlen einen verhältnismäßig geringen Grad an sprachlichem Populismus auf – den drittniedrigsten seit 1949. Am populistischsten schreibt 2021 – wenig überraschend – die AfD.

ip/sts (KNA)

 

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