Wahlprogramme - kurz und knackig | Deutschland | DW | 11.09.2013
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Deutschland

Wahlprogramme - kurz und knackig

Wahlprogramme sind voller komplizierter Wörter. Sie sind keine einfache Lektüre, erst recht nicht für Menschen mit Lernbehinderung. Das haben viele Parteien erkannt: Sie bieten ihre Programme in leichter Sprache an.

Parteiprogramme von deutschen politischen Parteien liegen am 07.01.2013 in Berlin zusammen auf einem Tisch. Foto: Jens Kalaene/dpa

Parteiprogramme

Endlos lange Sätze schlängeln sich über die Seiten, immer wieder tauchen komplizierte Wörter und Fachbegriffe auf: Wahlprogramme von Parteien haben es in sich. Ohne Vorwissen sind viele Aussagen nahezu unverständlich: Was bedeutet "fiskalische Stabilität"? Was ist mit "Rebound-Effekten" gemeint? Und was ist eine "digitale Mobilitätsunterstützung"? - "Deutsche Sprache, schwere Sprache" lautet eine Redewendung, aber die stimmt nicht in jedem Fall. Deutsch kann auch leicht verständlich sein, sogar Politikerdeutsch.

Bedeutung der Sätze nicht immer klar

In diesem Wahljahr bieten viele Parteien ihre Programme in sogenannter leichter Sprache an, zusätzlich zu den herkömmlichen Programmen. So sollen Menschen, die nicht gut lesen können, einen besseren Zugang zur Politik haben. "Es ist wichtig, damit wir auch wissen, was die Politik macht und welche Forderungen die Politiker stellen. Wir fordern leichte Sprache, damit wir wissen, was die wollen", sagt die lernbehinderte Petra Groß, die sich leidenschaftlich für die einfache Sprache einsetzt. Dafür hat sie bereits das Bundesverdienstkreuz bekommen, eine der höchsten Auszeichnungen in Deutschland.

Petra Groß bei einer Pressekonferenz der Aktion Mensch, für die sie Wahllokale auf Barrierefreiheit testet. Foto: Heiko Meyer / Aktion Mensch

Petra Groß - Eine Kämpferin für leichte Sprache

Die einfachen Wahlprogramme von CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und der Linken hatte sie bereits im Briefkasten, die FDP will demnächst ihr Programm in leichter Sprache vorlegen. Christiane Völz vom Büro "Leichte Sprache" der Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat das Wahlprogramm der SPD in eine kürzere und verständlichere Version übersetzt. Sie halte sich eigentlich für eine gut informierte Bürgerin, sagt sie. "Aber bei bestimmten Themen muss man dann schon genauer schauen, was meinen die denn jetzt?" Manchmal glaubte sie auch, eine gute Übersetzung gefunden zu haben - aber nach Rücksprache mit der SPD stellte sich heraus, dass die etwas ganz anderes gemeint hatte. "Und da ist es auch schon einmal so gewesen, dass wir gesagt haben: 'Das steht aber so im Programm nicht drin!'"

Klare Regeln für einfache Sprache

Es gibt klare Regeln, wie Sprache sein muss, um einfache Sprache zu sein. "Die einfachsten Regeln: kurze Sätze. Möglichst keine Nebensätze. Nur bekannte Worte. Möglichst keine Fremdworte. Wenn Fremdworte unbedingt nötig sind, müssen sie erklärt werden", fasst es Gisela Holtz zusammen. Sie ist Vorstandsmitglied des Netzwerks "Leichte Sprache". Ursprünglich wurde diese Sprache von und für Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt. "Aber wir haben inzwischen gemerkt, dass es noch eine ganze Menge anderer Menschen gibt, für die die leichte Sprache extrem hilfreich ist: für Menschen aus dem Ausland oder für Menschen, die in der Schule nur wenig lesen gelernt und geübt haben." Rund 300.000 Menschen in Deutschland haben laut AWO Lernschwierigkeiten. Und 7,5 Millionen sind einer Studie der Universität Hamburg zufolge sogenannte funktionale Analphabeten, die nur einzelne Wörter oder Sätze lesen und schreiben können.

Eine Frau rauft sich vor einer Schultafel mit der Aufschrift «Lesen» die Haare. Foto: Jens Büttner/dpa

Viele Menschen haben Probleme, Texte in schwerer Sprache zu lesen

Dünner und einfacher

Die Wahlprogramme in leichter Sprache sind wesentlich dünner als die schweren Originale. Bei der CDU wurden beispielsweise aus 128 Seiten 38 leicht verständliche Seiten. Ihre Ideen für die Steuerpolitik beschreibt die CDU so: "Alle sollen gut mit ihrem Geld planen können. Dafür muss man wissen: Wie viele Steuern muss ich bezahlen? Die Steuer ist Geld. Das muss man an den Staat geben. Damit der Staat wichtige Sachen bezahlen kann. Zum Beispiel Schulen oder Straßen. Wir wollen: Die Steuern sollen gleich bleiben. Und nicht höher werden."

Die SPD schreibt in ihrem Wahlprogramm in leichter Sprache über ihre Vorstellung von einer guten Arbeits- und Lohnpolitik: "Viele Menschen in unserem Land arbeiten hart. Damit sie und ihre Familie leben können. Manche Firmen bezahlen nicht genügend Lohn an die Mitarbeiter. Die Mitarbeiter haben dann zu wenig Geld zum Leben. Sie sind arm, obwohl sie arbeiten gehen. Das ist ungerecht. Darum wollen wir: Die Arbeit soll gut bezahlt werden."

Lernbehinderte prüfen die Texte

Ein Prüfsiegel für leichte SpracheFoto: Friso Gentsch dpa/lni

Texte in leichter Sprache tragen dieses blaue Prüfsiegel

Bevor ein Text in leichter Sprache veröffentlicht wird, prüfen ihn immer einige Testleser mit Lernbehinderung. Auch das gehört zu den Regeln der leichten Sprache. Das Wahlprogramm sei für ihre Testlesergruppe jedenfalls ein "Text wie jeder andere gewesen", sagt Christiane Völz vom Büro "Leichte Sprache". Zeile für Zeile habe sich die Gruppe durch den Text gearbeitet. "Schon beim lauten gemeinsamen Lesen merkt man, welche Wörter knifflig sind." Alles, was sie nicht verstehen, markieren die Testleser und fragen nach. Umgekehrt stellen auch die Übersetzer Verständnisfragen, um sicherzugehen, dass ihr Text eindeutig ist.

Petra Groß findet manche Wahlprogramm-Übersetzungen trotzdem besser gelungen als andere. Außerdem fordert sie, dass die Parteien an dem Thema dranbleiben: "Mein Wunsch ist, dass die Wahlprogramme immer in einfacher Sprache vorhanden sein sollten - bei jeder Wahl, egal ob eine Bundestagswahl, eine Landtagswahl oder eine andere Wahl ansteht. Damit wir die nicht immer anfordern müssen, sondern dass die immer da liegen. Das müsste die Regierung wirklich mal festhalten."

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