Wahlplakate - der unterschätzte Blickfang | Kultur | DW | 08.08.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Bundestagswahl 2021

Wahlplakate - der unterschätzte Blickfang

Wahlplakate sind von gestern? Von wegen! Die Hingucker aus bildlicher Darstellung und Slogan haben eine spannende Geschichte und für Parteien eine große Zukunft.

Ihr Erscheinen ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Meist tauchen sie über Nacht auf, säumen dann wochenlang Straßen und Plätze, in schöner Regelmäßigkeit vor Urnengängen, so auch vor der Bundestagswahl im September. Wirklich schön sind die wenigsten. Dafür aber wirksam - wenn ihre Botschaft rüberkommt: "Nur drei bis vier Sekunden trifft der eilige Blick von Passanten oder Vorbeifahrenden auf ein Plakat", sagt Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Hohenheim, "deshalb muss es gut sein."

Frank Brettschneider

Medienforscher Frank Brettschneider

Gut ist zum Beispiel, was Klaus Staeck gefällt, Deutschlands profiliertestem Plakatkünstler. Viele seiner Arbeiten hängen heute in Museen, darunter provozierende Werke: "Alle reden vom Klima, wir ruinieren es" schrieb Staeck etwa 1988 über die Fotos zweier Industriemanager. Greenpeace plakatierte es deutschlandweit und zog so gegen die Pharmariesen Hoechst AG und Kali Chemie AG zu Felde, die umweltschädliches Treibhausgas herstellten. Die Angeprangerten wehrten sich, der Rechtsstreit ging bis vor das Bundesverfassungsgericht - und endete mit einem Sieg der Meinungsfreiheit.

Plakataktionen von Klaus Staeck - Greenpeace 1990

Klaus Staeck hat das Plakat zur Kunstform erhoben. Viele seiner Arbeiten brannten sich ins kollektive Gedächtnis

Mischung aus Satire und Ironie

Noch immer werden viele seiner Slogan und Ideen kopiert, sogar im regulären Wahlkampf. Denn Staecks Erfolgsrezept, das ist eine Mischung aus Satire und Ironie, stets gewürzt mit einer Prise Protest. "Ich plane immer das Risiko ein, missverstanden zu werden", sagt der 83-jährige studierte Jurist augenzwinkernd. Auf 41 Rechtsverfahren hat er es in seiner Künstlerkarriere gebracht.

Doch nie hat sich Klaus Staeck, der eingefleischter Sozialdemokrat ist und von 2006 bis 2015 Präsident der Akademie der Künste in Berlin war, vor einen Parteikarren spannen lassen, nicht einmal vor den seiner geliebten SPD. Ganz im Gegenteil: "Deutsche Arbeiter - die SPD will Euch Eure Villen im Tessin wegnehmen!", schrie es 1972 von einem der Plakate Klaus Staecks. Die Sozialdemokraten, die sich als zuständig für die Anliegen der Arbeiterschaft sahen, wunderten sich. Ein Student trat erbost an Staecks Stand auf der Kasseler Documenta und verlangte: "Nenn' mir einen Arbeiter, der eine Villa besitzt!"

Plakatkünstler Klaus Staeck

Satirisch-bissig: der Plakatkünstler Klaus Straeck

Die Zeiten haben sich geändert. Heute ringt die SPD um verlorenes Klientel, Kanzlerkandidat Olaf Scholz soll es reißen, bei der FDP Parteichef Christian Lindner. Die Wahlplakate der Parteien unterteilt Kommunikationsprofi Brettschneider in zwei große Gruppen -personenorientierte wie bei SPD und FDP mit umfragestarken Frontleuten, themenbetont hingegen bei CDU und Grünen, wohl als Ausgleich für die glücklos agierenden Kanzlerkandidaten Armin Laschet und Annalena Baerbock. "Laschet kostet die Union Wählerstimmen", prophezeit der Kommunikationswissenschaftler, "deshalb rückt die Union stärker ihre Themen in den Vordergrund."

Aktuelle Plakate "gestalterisch gut"

Eine Werbetafel, soviel haben Wissenschaftler herausgefunden, transportiert ihre Botschaft nur dann im Handumdrehen, wenn sie fokussiert und nicht überfrachtet ist und eine gut lesbare, kontrastreiche Schrift nutzt. Für wichtiger hält Brettschneider jedoch die Wiedererkennbarkeit, sprich: Absenderkennung eines Plakats. Den Parteien gelinge das derzeit "gestalterisch ganz gut ".

So lächelt CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet derzeit durch einen schwarz-rot-goldenen Kreis. Annalena Baerbock von den Grünen verkündet ihre Botschaft hinter einem graugrünen Schleier. SPD-Kandidat Olaf Scholz posiert vor knalligem Rot, während FDP-Chef Christian Lindner einen flüchtigen Seitenblick wagt. Die AfD preist Alice Weidel und Tino Chrupalla als "Zwei für Deutschland", die Linke wirbt in Großbuchstaben für "Soziale Gerechtigkeit".

So gesehen gibt es kaum Unterschiede zu den Anfängen der Wahlplakate. Schon die Werbetafeln zur verfassungsgebenden Nationalversammlung 1919 ließen an Deutlichkeit nichts vermissen: "Ordnung, Ruhe, Freiheit", versprach die Deutsche Demokratische Partei im Jahr nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg. Das Plakat zeigt eine Frauengestalt, die mit eiserner Faust die Dämonen der Vergangenheit vertreibt. "Wer rettet Preußen vor dem Untergange?", fragte die Deutschnationale Volkspartei. "Gleiche Rechte, gleiche Pflichten" für Mann und Frau mahnten die Sozialdemokraten an.

Deutschland | Wahlwerbung CDU

Das CDU-Wahlplakat (2013) mit der typischen Handhaltung Angela Merkels ist aus vielen Einzelbildern zusammengesetzt worden

Propaganda versus Wahlwerbung

Gegen Juden hetzten die Nationalsozialisten nur 14 Jahre später vor den Reichstagswahlen im März 1933. Es war die letzte Reichstagswahl, an der mehr als eine Partei teilnahm. Politische Gegner wurden daraufhin ausgeschaltet, die Ära von Nationalsozialismus und Krieg begann. Und wo verläuft heute die Grenze zwischen Propaganda und Wahlwerbung? "Vor Missbrauch ist nichts geschützt", sagt der Künstler Klaus Staeck, "Werbung ist alles, von politischer Agitation bis zur Konsumwerbung."

"Ein Plakat ist kein Buch und auch kein Parteiprogramm", sagt Kommunikationsprofi Brettschneider, "wichtiger als ein guter Spruch ist ein starkes Bild". Blickverlaufsanalysen im Labor bestätigten: Bildbetonte Plakate erzielen größere Aufmerksamkeit als textlastige. Auch in der Wahlwerbung gilt also: "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte."

Das zeigt schon der Blick in die Plakatgeschichte: Bereits im Altertum gab es plakatähnliche Anschläge, um der Öffentlichkeit Mitteilungen zu machen, etwa auf Marktplätzen, vor Kirchen oder Stadthäusern. Als früheste Form von Plakaten gelten die Schriftzeichen und Symbole auf gravierten Steinen im alten Ägypten. Die Erfindung des modernen Buchdrucks durch Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts und die Entdeckung der Lithographie durch den deutschen Musiker und Komponisten Alois Senefelder (1771-1834) ermöglichten die Herstellung von Plakaten in höherer Auflage.

Plakate von Henri Toulouse-Lautrec

Werke von Henri Toulouse-Lautrec gehören heute zum besten der Plakatkunst

Siegeszug der Plakatkunst

Ihren Siegeszug trat die Plakatlithographie jedoch erst um 1860 von England aus an. Französische Künstler entdeckten das Genre für sich, allen voran Henri Toulouse-Lautrec (1864–1901), ein Großmeister der Plakatkunst neben Kollegen wie Théophile-Alexandre Steinlen ode Eugène Grasset. Jules Chéret (1836-1932), ebenfalls ein Franzose, entwarf mehr als 1000 Plakate und gilt als der Schöpfer einer "Galerie der Straße“. In Deutschland setzte sich das Kunstplakat dagegen relativ spät durch. Dank der expressionistischen Künstlervereinigung "Brücke" um Oskar Kokoschka, Ernst Ludwig Kirchner oder Erich Heckel und der in Berlin von Herwarth Walden herausgegebenen Zeitschrift "Der Sturm" sollte sich das bald ändern.

Ein besonders spannendes Kapitel der Plakatkunst haben Künstler der Russischen Avantgarde geschrieben. In einer kurzen Phase zwischen Mitte der 1920er-und Anfang der 1930er-Jahren entwarfen sie Filmplakate, für die sie neuartige kinematografische Techniken nutzten: extreme Nahaufnahmen, spezielle Blickwinkel und dramatisierende Proportionen. Menschliche Gesichter wurden in grelle Farben getaucht, Körperumrisse verlängert oder verzerrt, Menschen mit Tierkörpern ausgestattet. 

Heute sind Plakate begehrtes Sammelgut, etwa im  Deutschen Plakatmuseum des Essener Folkwang Museums, im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst und sogar im Gartenbaumuseum Erfurt, wo über den Jugendstil, die Neue Sachlichkeit der Zwischenkriegszeit bis in die jüngere Vergangenheit viele wichtige Plakatkünstler vertreten sind - Alfons M. Mucha und Ludwig Hohlwein ebenso wie Klaus Staeck.

Außenminister Joschka Fischer von den Grünen blickte für ein Wahlplakat in die Kamera.

"Außen Minister, innen grün" - mit diesem Slogan warben die Grünen 2002 für sich.

Schon immer wirkte die Kombination aus Bild und Wort: Ein legendäres Wahlplakat zeigte den einstigen Bundesaußenminister Joschka Fischer, wie er 2002 freundlich lächelnd und entspannt in die Kamera blickt. Darunter stand: "Außen Minister, innen grün." Dieses Exemplar hängt heute im "Lebendigen Museum online"des Hauses der Geschichte, Deutschen Historischen Museums und Deutschen Bundesarchivs. 

Aber ist ein Plakat, das am Straßenrand um Aufmerksamkeit buhlt, nicht auch ein Anachronismus, zumal in Zeiten von Internet und Social Media? "Ganz im Gegenteil", sagt Frank Brettschneider. Untersuchungen zur jüngsten Landtagswahl in Baden-Württemberg hätten Überraschendes zutage gefördert: Zum einen sind Wahlplakate das Wahlkampfinstrument, das die größte Aufmerksamkeit erringt, zum anderen nutzen es besonders Jüngere, sogar jene, die sich in bildbetonten Social Media-Kanälen wie Instragram oder YouTube tummeln. Diese Nachricht dürfte allen Parteien gefallen.

Autorin der Bildergalerie: Annabelle Steffes-Halmer

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links