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Wacken: Sicherheitskonzept wird angepasst

Bettina Baumann26. Juli 2016

Rund 80.000 Metal-Fans werden beim Wacken-Festival erwartet. Angesichts der jüngsten Anschläge rückt das Thema Sicherheit in den Vordergrund. Man sei auf alles vorbereitet, versichert Thomas Jensen im DW-Interview.

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Wacken Open Air - Hauptbühne bei Nacht (Foto: ICS Festival Service)
Bild: ICS Festival Service

Deutsche Welle: Was ging Ihnen durch den Kopf als Sie von dem Anschlag in Ansbach erfahren haben?

Thomas Jensen: Ich war betroffen. Ich meine, das ist genau wie in Paris: Leute gehen irgendwohin, weil sie Spaß und Freude haben wollen. Wenn dann so etwas passiert, ist das natürlich fürchterlich. Das braucht kein Mensch.

Ging Ihr nächster Gedanke dann auch direkt zum diesjährigen Wacken-Festival?

Wir sind natürlich alle hochsensibilisiert und Ansbach hat das jetzt noch einmal verstärkt. Aber das Wissen um eine Bedrohung war auch schon vorher da.

Wie wollen Sie die Sicherheit der Festivalbesucher gewährleisten?

Grundsätzlich pflegen wir seit Jahren eine ganz enge Zusammenarbeit mit den sogenannten BOS-Kräften, das heißt Behörden, Organisation und Sicherheit. Mit denen sitzen wir immer sowohl vor als auch nach dem Festival zusammen. Da ist die Polizei dabei, der Rettungsdienst, das Ordnungsamt, unser Sicherheitsdienstleister und wir Veranstalter. Vor zwei Jahren haben wir mit diesen Kräften ein Sicherheitstraining beim Bundeskatastrophenschutzzentrum durchgeführt, bei dem wir Lagen in Echtzeit durchgespielt haben, unter anderem Unwetter und einen Terrorakt. Wir haben festgestellt, dass der Clou eigentlich immer in der Kommunikation und der Zusammenarbeit liegt. Es gilt schnell auszumachen: Was ist passiert und wer ist zuständig? Unsere Fans stehen im Mittelpunkt. Sie werden von der gesamten Organisation, das heißt auch von den Behörden, der Polizei und dem Sanitätsdienst als unsere Gäste gesehen, da gibt es eine ganz starke emotionale Bindung. Unser oberstes Gebot ist daher: Wir wollen, dass sie sicher hierherkommen und dass sie ein tolles und sicheres Festival erleben.

Haben Sie die Sicherheitsmaßnahmen für Wacken 2016 im Zuge der jüngsten Gewalttaten verschärft?

Sicherheit ist natürlich schon immer ein Thema für uns. Nach dem Anschlag in Paris im Bataclan haben wir den Vorfall mit der Polizei analysiert und haben wichtige Erkenntnisse gewinnen können. Die Polizei konnte uns sagen, worauf wir achten müssen - immerhin hat sie die größte Erfahrung und beste Schulung in diesen Angelegenheiten. In einem der letzten Sicherheitsmeetings haben wir uns jetzt aber dazu entschieden, dass wir in diesem Jahr Rucksäcke und Taschen jeglicher Art aus Sicherheitsgründen auf dem Veranstaltungsgelände verbieten. Das hat in erster Linie den Grund, den Personencheck zu vereinfachen. Denn die Rucksäcke halten den gesamten Prozess enorm auf.

Das heißt, diese Entscheidung wäre auch unabhängig der Geschehnisse der vergangenen Woche getroffen worden?

Nein, das nicht. Wir haben uns aufgrund der aktuellen Ereignisse dazu entschlossen, diese Maßnahme zu ergreifen. Wacken steht zwar für das größtmögliche Maß an Freiheit an diesem einen Wochenende und wir wollen, dass Metalfans aus aller Herren Länder zusammen diese große Party feiern, aber wir denken, dass man so noch genauer kontrollieren kann. Und das ist in der jetzigen Lage im Interesse aller.

Wacken-Veranstalter Thomas Jensen (Foto: Benjamin Ochs)
Wacken-Veranstalter und Mitbegründer Thomas JensenBild: Benjamin Ochs

Hat es weitere Neuerungen bei den Sicherheitsvorkehrungen gegeben?

Nein. Denn der gesamte Standard ist bereits sehr hoch. Nach der Loveparade-Katastrophe 2010 sind wir noch einmal einzeln alle Sicherheitsmaßnahmen durchgegangen und haben festgestellt, dass unsere Crew und Behörden wirklich gut aufgestellt sind und wir bereits so gut wie alles machen, was man für die Sicherheit überhaupt machen kann.

Müssen Kulturveranstalter künftig umdenken angesichts der Tatsache, dass Terroranschläge in Deutschland nun Realität sind?

Was man jetzt auf keinen Fall machen darf, ist, zu verallgemeinern. Man muss sich jede Geschichte und Lage im Einzelnen angucken. Natürlich haben wir jetzt eine erschreckende Häufung von Ereignissen gehabt, so dass man subjektiv natürlich ein Gefühl hat: Oh, jetzt ist alles ganz fürchterlich. Dann habe ich aber, um mal die Kerze der Hoffnung anzuzünden, eine Analyse eines Kriminologen gelesen, die besagt, dass die Gewaltstatistiken in Deutschland drastisch runtergegangen sind. Das muss man sich auch vor Augen halten. Auch muss man sich fragen, wie wir eigentlich leben wollen. Ich möchte nach wie vor auf Kulturveranstaltungen gehen.

Trotzdem haben wir es mit einem ganz neuen Risiko zu tun, nämlich Terroranschlägen, die gegen die Zivilbevölkerung gerichtet sind. Beunruhigt Sie das nicht?

Es ist ja nicht so, dass es in der Vergangenheit in Europa keinen Terror gegeben hat. Lassen Sie mich diese Anekdote erzählen: Eine irische Punkband, von der ich Fan bin, hat nach dem Anschlag im Bataclan gespielt. Danach sagten die Bandmitglieder: "Feels like Belfast in the 80s." Im Baskenland gab es zum Beispiel auch viel Terror oder dann leider auch in Nordirland. Ich glaube, wir müssen alle überlegen: Wie wollen wir leben und wie erreichen wir dieses? Wir leben in einer Demokratie. Unsere Maxime lautet: das größtmögliche Maß an Freiheit. Und natürlich ist da auch ein Risiko dabei.

Frauen mit Gummistiefeln im Schlamm beim Wacken-Festival 2015. (Foto: picture-alliance/dpa/A. Heimken)
Wacken 2015: Metal-Fans versinken im MorastBild: picture-alliance/dpa/A. Heimken

Werden Sie trotz allem gelassen auf das Festival gehen?

Aufmerksam würde ich sagen. Die Terrorgefahr ist jetzt nicht bedrohlicher als das Wetter. Wir haben im letzten Jahr eine extreme Wetterlage gehabt. Dass da alle durchgehalten haben und trotzdem eine Party gefeiert haben, hüfthoch im Schlamm, das spricht ja für diese Szene. Und das spricht dafür, dass wir eine Community sind, die diese Musik an diesem Wochenende zelebrieren will und gemeinsam feiern möchte. Das stellen wir weder wegen des Wetters noch wegen sonstiger Gegebenheiten infrage. Dafür sind wir als Organisation auch zuständig. Es mag vielleicht runter geleiert klingen, aber wir haben ein Team von geballter Kompetenz, das ein gemeinsames Ziel hat. Wenn wir auch ein gemeinsames Ziel in der Gesellschaft haben, nämlich dass wir alle beruhigt und relaxed auf Groß- oder Kulturveranstaltungen gehen können, dann muss das eigentlich erreichbar sein. Wir dürfen nicht immer sagen, das geht nicht, sondern wir müssen vielmehr gucken, was geht.

Thomas Jensen ist Veranstalter und Mitbegründer des Wacken-Festivals. Das Interview führte Bettina Baumann.