Vorgetäuschter Mord bleibt ein Rätsel | Europa | DW | 04.10.2018
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Geheimdienste

Vorgetäuschter Mord bleibt ein Rätsel

Mit dem vorgetäuschten Mord an einem oppositionellen Journalisten wollte der ukrainische Geheimdienst die Auftraggeber eines echten Mordplans enttarnen, die angeblich in Russland sind. Doch viele Fragen bleiben offen.

Auch im Ausland war die Resonanz groß, als Ende Mai aus Kiew die Meldung kam, der oppositionelle russische Journalist Arkadij Babtschenko sei erschossen worden. Einen Tag später hieß es überraschend, der Mord sei vom ukrainischen Geheimdienst SBU nur vorgetäuscht gewesen, um an die Hintermänner einer tatsächlich geplanten Tat zu kommen. Die Behörden sprachen schnell von einer Spur, die nach Russland führen soll. Vier Monate später ist eine Schlüsselfigur, ein Kiewer Unternehmer, als Organisator des Mordes rechtskräftig verurteilt worden. Doch der Fall ist immer noch undurchsichtig.

Auftragsmord für 30.000 Dollar

Der 41-jährige Babtschenko hatte sich als Kriegsreporter und Kreml-Kritiker einen Namen gemacht, wobei manche seiner Kommentare in sozialen Netzwerken als geschmacklos aufgenommen wurden. Nach einem kurzen Aufenthalt in der EU lebt er faktisch im Exil in der Ukraine und engagiert sich bei einem TV-Sender.

Ukraine Kiew vorgetäuschter Mord an Journalist Arkadi Babtschenko NEU (Reuters/G. Garanich)

Proteste in Kiew: Als man noch an einen realen Mord glaubte

Über seine verhinderte Ermordung ist bis heute nicht viel bekannt. Als Organisator des Mordes wurde unmittelbar nach der Inszenierung Boris German festgenommen. Der 50-jährige German betrieb eine Fabrik für Schreckschusswaffen. Einer breiten Öffentlichkeit war sein Name bis dahin unbekannt. German soll einen befreundeten ehemaligen Kämpfer gegen Separatisten im Osten für 30.000 US-Dollar angeheuert haben, Babtschenko zu töten. Der Auftragskiller seinerseits informierte den Geheimdienst SBU. Medienberichten zufolge ging German mit der Staatsanwaltschaft einen Deal ein und wurde Ende August zu einer relativ milden Strafe von 4,5 Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist seit Anfang Oktober rechtskräftig.

Indizien deuten auf Russland 

Der Prozess fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Details sind unbekannt - außer, dass German einen gewissen Wjatscheslaw Piwowarnik als Auftraggeber nannte. Dieser Piwowarnik ist ein junger Ukrainer, der heute offenbar in Russland lebt. Mitte September veröffentlichte er eine Videobotschaft auf YouTube und bestritt darin die Vorwürfe gegen ihn. Er sagte, er sei selbst SBU-Mitarbeiter, und der Fall Babtschenko sei ein Komplott des ukrainischen Geheimdienstes.  

Ukraine Russischer Journalist Babtschenko lebt (Reuters/Ukrainian Presidential Press Service/M. Lazarenko)

An einem Tisch mit Geheimdienstchef, Generalstaatsanwalt und Staatspräsident (v.l.n.r.): Arkadij Babtschenko

Anfang Oktober veröffentlichte Babtschenko auf Facebook einen langen Text, in dem er begründete, warum er Russland verdächtigt. Dafür sprächen Indizien wie Fotos und Privatdaten, die nur russischen Behörden zugänglich seien. Babtschenko nennt auch einen konkreten Namen als mutmaßlichen Auftraggeber seines Mordes: Es soll der russische Geschäftsmann Evgenij Prigoschin gewesen sein. "Mit meinen Notizen (bei Facebook) über Prigoschin war ich wohl ein Dorn im Auge geworden", sagte Babtschenko in einem Gespräch mit der Deutschen Welle.

Der 57-jährige Prigoschin, dem Verbindungen in den Kreml nachgesagt werden, wird in russischen Medien unter anderem als Betreiber einer Internet-Troll-Fabrik in St. Petersburg und einer Art Privatarmee genannt. Die USA haben gegen ihn wegen Verdachts auf Einmischung bei der Präsidentenwahl 2016 Anklage erhoben. Prigoschin selbst bestreitet alle Vorwürfe.

Hoffnung auf Einsicht in Prozessakte   

Das Hauptziel seiner geplanten Ermordung sei wohl eine "Destabilisierung der politischen Lage in der Ukraine" gewesen, sagte Babtschenko. Sein Tod hätte das Land weiter spalten, Unruhe stiften und eventuell zu einem Machtwechsel führen sollen, so Babtschenko. Auch andere Morde von prominenten Personen sollen geplant gewesen sein.

Babtschenko appellierte an den ukrainischen Geheimdienst SBU, Details aus dem Prozess zu veröffentlichen. "Ich glaube, der SBU sollte eine Pressekonferenz einberufen und Beweise vorlegen, denn es gibt Fragen", so der Journalist. Er selbst werde demnächst versuchen, seinen bisherigen Status als Zeuge zu ändern, um als Geschädigter Einsicht in die Akten zu bekommen.