Vor 30 Jahren: Deutschland einig Unverstand - Mit Randale in die Einheit | Deutschland | DW | 02.10.2020
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3. Oktober 1990

Vor 30 Jahren: Deutschland einig Unverstand - Mit Randale in die Einheit

Die Nacht der Einheit wurde 1990 überall in Deutschland gefeiert - nicht immer nur friedlich. Felix Steiner war seinerzeit in Selmsdorf, dem nördlichsten Grenzübergang zwischen DDR und BRD. Seine Reportage von damals.

Deutschland Einheitsfeier 1990 Selmsdorf

Mehr als 5000 Menschen feierten die Nacht der Einheit an der Grenzübergangsstelle Selmsdorf

In sechs Stunden wird Geschichte gemacht. Schlutup, der Stadtteil von Lübeck nur einen Steinwurf weit diesseits der Grenze gelegen, die dann keine mehr sein wird, erstickt im Verkehr. Seit die Mauer fiel, rollen täglich mehr als 50.000 Fahrzeuge durch die enge Hauptstraße von West nach Ost und umgekehrt. Vor nahezu jedem Haus ein Protestplakat – die Menschen hier sehen die Einheit zwiespältig. Manch einer wünscht sich heimlich die Mauer zurück.

Selmsdorf, zweieinhalb Kilometer hinter der Grenze, liegt wie ausgestorben da. Vor nahezu jedem Haus flattern nagelneue schwarz-rot-goldene Flaggen – die Menschen hier freuen sich auf die Einheit.

Feiern, wo die Teilung am meisten schmerzte

In sechs Stunden wird Geschichte gemacht. Die Schlutuper werden eine Nacht lang ihren Ärger vergessen, Selmsdorf wird auch um Mitternacht wie ausgestorben sein. Die Deutschen (Ost) aus Selmsdorf und die Deutschen (West) aus Schlutup feiern gemeinsam die Einheit. Sie feiern dort, wo die Teilung am meisten schmerzte, wo Zäune und Stacheldraht das Land zerrissen, wo kalte Blicke der Uniformierten jeden Reisenden durchbohrten. Die Abfertigungshalle der DDR-Grenzstation Selmsdorf wird zum Festzelt, soll Schauplatz eines vom Norddeutschen Rundfunk organisierten Volksfestes für Jung und Alt sein.

19:00 Uhr: Die letzten Bierfässer werden abgeladen, Zinnelefanten ausgepackt und Pizzateig geknetet. Rund zwei Dutzend Pommesbuden und Bierwagen aus Ost und West gruppieren sich um die Grenzstation. Gulaschsuppe und Thüringer Rostbratwurst aus der DDR; Crepes, Döner Kebab und Lebkuchenherzen aus der Bundesrepublik. Das Fest kann beginnen.

20:30 Uhr: Der Weg vom Westen führt am Symbol des vergehenden Staates vorbei. Haushoch ragt der mit weißem Kunststoff ummantelte Betonständer in den Himmel. Nachdem Hammer, Zirkel und Ährenkranz abgeschraubt sind, erinnert das Gestell an eine überdimensionale Wäscheklammer. Auch am großen Dienstgebäude der Grenzstation kein Hinweis mehr auf den SED-Staat. Nur ein grauer Fleck auf der weißen Wand verrät, das hier vor kurzem noch einiges anders war. Wie Felsen in der Brandung stehen die Abfertigungshäuschen in der ständig wachsenden Menschenmenge. Die Türen sind verschlossen. Vorhänge verbergen, was die alten Hausherren zurückgelassen haben.

Deutschland Grenzübergang Schlutup - Selmsdorf

Hammer, Zirkel und Ährenkranz sind am 3. Oktober am Grenzübergang Selmsdorf bereits abmontiert - früher grüßte hier das Staatswappen bei der Einreise in die DDR

5000 Menschen an der Grenzstation

21:00 Uhr: Mehr als 5000 Menschen drängen sich zwischen Wurstbuden und Grenzerhäuschen. Mitten in der Menge knallen immer wieder Böller. Eine Mahnung durch das Mikrophon nützt da nur wenig. Addi Kahl, ein plattdeutscher Bänkelsänger, jauchzt "Herzilein" – die Stimmung steigt. Plötzlich brennt Licht im Erdgeschoss des Dienstgebäudes. Christel Dormann und Helene Hartmann verkaufen in der Kantine der Grenzbeamten Buletten und Kartoffelsalat.

21:40 Uhr: Inmitten von Pulverdampf und dem Dunst von Bratfett schmettert der Lübecker Fanfarenzug das Kufsteinlied und einen Bossa Nova. Das rhythmische Trommeln geht ins Blut. Die Menge tobt, Deutschlandfahnen werden geschwenkt – die Stimmung ist schon jetzt auf dem Höhepunkt. Das Bier in Plastikbechern fließt in Strömen, die Folgen bleiben nicht aus. Der Todesstreifen wird zum Pinkelstreifen. Das weibliche Geschlecht hat es ungleich schwerer. Nur ein Toilettenwagen für 5000 Biertrinker. Christel Dormann ist die Retterin in der Not. Im Dienstgebäude gibt es vier Toiletten, sie öffnet bereitwillig den Haupteingang.

"Folterkammer", "Stasi-Knast"

22:30 Uhr: Zahllose Neugierige wandern durchs Haus. Jede Türklinke wird gedrückt, an jedem Spind gerüttelt. Zwei Türen im Keller sind mit Gittertoren gesichert. "Folterkammer", "Stasi-Knast", entrüsten sich Ossis und Wessis gemeinsam. Auch die Waschmaschine Foron A 61, ein reichlich antiquiertes Modell, nehmen die Ossis den Grenzern übel: "Also die Stasi hatte doch wirklich alles…". Zwei der wenigen Spinde mit Inhalt werden in kürzester Zeit leergeräumt: Handtücher, Putzlappen, Bürsten und Wolfasept, ein WC-Reiniger aus Bitterfelder Produktion, verschwinden in Plastiktüten und werden weggeschafft. Draußen ist die Stimmung merklich gesunken. Viele Ältere sind enttäuscht gegangen, seit Juicy Miss Lucy mit Rockmusik lautstark den Ton angibt.

23:40 Uhr: Während im Freien die ersten Raketen in den Himmel schießen, messen im großen Dienstgebäude vier Halbstarke – keiner ist älter als 17 – ihre Kräfte. Verschlossene Türen provozieren. Nach kurzem Kraftakt lange Gesichter. Ein Vortragssaal – vier Stühle, ein Rednerpult und ein Lenin-Portrait sind das gesamte Inventar. Der Übervater aller Kommunisten bekommt den Frust zu spüren. Die Einheit mitzuerleben, ist dem Bildnis nicht mehr vergönnt.

Deutschland Einheitsfeier 1990 Selmsdorf

Immer wieder Feuerwerkskörper in der Menschenmenge - Hochstimmung bereits weit vor Mitternacht

Hinter der zweiten Tür werden dann die Erwartungen erfüllt. Ein komplett eingerichtetes Büro, sogar Akten stehen noch in den Regalen. Nachdem sie alle Schränke aufgebrochen, die Schubladen ausgekippt, die Scheibe des Schlüsselschrankes eingeschlagen und einige Tintenfässer gegen die Tapete geworfen haben, verlieren die Rowdies das Interesse an der Zerstörungsorgie. Drei Minuten vor Mitternacht – raus zur Einheit lautet jetzt die Devise. Nur drei Männern aus Dassow ist die Einheit plötzlich egal. Beim Anblick der Aktenordner leuchten ihre Augen, "Stasi-Akten" rufen sie im Chor. Während einer zu blättern beginnt und recht schnell merkt, dass es sich nur um elektrische Schaltpläne der Lichtanlage, die Kohlenbestandsmeldungen und ähnlich brisantes Material handelt, raffen die beiden anderen wahllos alles zusammen und schaffen die Papiere zu ihrem Wartburg.

Einfach über die Einheit hinweggespielt

00:00 Uhr: Wer glaubte, die dahinscheidende DDR werde wie ein am Boden liegender Boxer ausgezählt, sah sich getäuscht. Juicy Miss Lucy waren so in Fahrt, dass sie glatt über die Stunde Null hinwegspielten – wer nicht auf die Uhr schaute, verpasste im Einheitstaumel die Einheit. Doch nicht wenigen bedeutete der Moment viel: Da wurde mit Sekt geprostet, Freudentränen vergossen, man lag sich in den Armen.

00:05 Uhr: Endlich sind auch Gitarre und Schlagzeug verstummt. Nun leistet sich die NDR-Redakteurin, die das Programm an der Grenzstation moderiert, den Fauxpas ihres Lebens. Sie stimmt die Nationalhymne an, schmettert "Deutschland, Deutschland über alles" ins Mikrophon und wird plötzlich aschfahl im Gesicht. Nur wenige singen aus vollem Halse mit. Sie werden von Buh-Rufen übertönt. Die Masse schweigt betreten.

Deutschland Grenzübergang Schlutup - Selmsdorf

Lageplan der Grenzübergangsstelle Selmsdorf

Abzug in Etappen

00:10 Uhr: Inzwischen ist auch die letzte Tür im Obergeschoss des Dienstgebäudes offen. Nicht eingetreten, sondern aufgeschlossen – ein kluger Kopf hatte den Schlüsselschrank entdeckt. Die ehedem mit elektronischem Geheimcode gesicherte Tür verbarg die wichtigsten Räume der Grenzstation: Kassenraum, Waffenkammer, Kommandeurszimmer. Doch die Schaulustigen, die sich jetzt gleich im Dutzend durch die Räume drängen, finden nur noch gähnende Leere. Regale, Schreibtische, Panzerschränke, Gewehrständer – alles fein säuberlich ausgeräumt. Nur Telefone stehen noch auf Tischen und Kalender hängen an der Wand. Den 3. Juli zeigen die einen, den 6. September die anderen – Abzug in Etappen.

00:20 Uhr: Langsam nähert sich ein Kleinbus der Volkspolizei der Grenzstation. Helene Hartmann hat sie vor einer guten halben Stunde alarmiert, als erstmals Holz und Glas im Dienstgebäude splitterten. Als die fünf Vopos aussteigen wollen, dröhnt ihnen ein Vielfaches "Stasi raus, Stasi raus" entgegen. Die Vopos ziehen es vor, wieder einzusteigen, zu wenden und davonzufahren.

Vandalen-Orgie in der Grenzstation

00:40 Uhr: Vom angekündigten Volksfest für Jung und Alt ist nur eine Hälfte übriggeblieben. Seit dem missglückten Deutschlandlied spielt "RockZock" mit ohrenbetäubendem Hardrock auf. Älter als 30 ist kaum noch jemand im Publikum. Im Zollhaus werden die ersten Scheiben eingeschlagen.

01:30 Uhr: Während draußen nun auch die Zahl der Hardrock-Fans abnimmt, wird im großen Dienstgebäude die zweite Runde der Vandalen-Orgie eingeläutet. Stühle fliegen durch die Fenster: Schränke, Regale und Telefone werden zertrümmert, Waschbecken und Kloschüsseln zerschlagen. Im Zollhaus verbreitet sich stechender Ammoniakgeruch, als zuguterletzt auch die Feuerlöscher zum Einsatz kommen. Inmitten der randalierenden Wessis, versuchen zwei Ossis zu retten, was noch zu retten ist und beginnen hastig die Neonröhren in den Büros zu demontieren. Helene Hartmann, Christel Dormann und ihre Gäste, vier ältere Selmsdorfer, flüchten vor dem beißenden Gestank aus dem Haus, lassen Buletten, Bier und Kartoffelsalat im Stich.

Deutschland Grenzübergang Schlutup - Selmsdorf

Das Luftbild verdeutlicht die Größe der Anlage in Selmsdorf. Mitten im Bild verläuft der Zaun an der eigentlichen Grenze

Helene läuft nach Schlutup, um die Lübecker Polizei zu alarmieren. Die anderen stehen schimpfend vor dem Haus. Sie haben die DDR nie geliebt, schon gar nicht ihre Grenze. Aber jetzt alles kaputtzuschlagen, das empfinden sie schlicht als Verbrechen. "Schließlich haben wir das doch alles mit unseren Steuergeldern bezahlt", empört sich Christel Dormann. Wenn auch die Grenzstation abgerissen werde, so hätte man doch einiges weiterverwenden können. Und im Kopf addieren die Selmsdorfer die Zahl der Klofenster und Gewächshäuser, die man mit den zerschlagenen Scheiben hätte verglasen können.

Kinderfest in der Kleiderkammer

02:00 Uhr: Die Randale geht weiter. Im Keller entpuppen sich die vermeintlichen Folterkammern als Geräteraum und Fernmeldezentrale. Während die Wessis nur von blinder Zerstörungswut getrieben werden, schleppen Ossis Feldfernsprecher, Batterien und Messgeräte aus dem Keller. Mit einer Spitzhacke rückt man schließlich auch der letzten Tür im Erdgeschoss zu Leibe. Nochmals ein großer Fund: die Kleiderkammer! Nach draußen dringt Lärm wie aus einem Kinderzimmer.

02:05 Uhr: "Die Bullen kommen!" Der Ruf soll die Uniformjäger warnen, doch kaum einer im Gebäude hört ihn. Nicht weiter schlimm, denn die Lübecker Polizei, mit 50 Mann an der Grenzstation eingetroffen, unternimmt nichts. "Für Mecklenburg-Vorpommern sind wir nicht zuständig", erklärt Einsatzleiter Torsten Riedel. Er könne nur auf Anweisung der örtlichen Kollegen eingreifen. Doch von den Vopos weit und breit keine Spur. "Ihr seid ja noch schlimmer als die Unsrigen", schimpft Helene Hartmann. Nach einigem Hin und Her lässt sich Riedel überreden, das Dienstgebäude doch zu räumen. Fast überflüssig, denn inzwischen haben sich die meisten davongemacht und wanken mit ihren Uniformmützen über die Grenzkontrollstelle.

Die Mecklenburger haben alles im Griff

02:30 Uhr: Nun, da die Kollegen aus dem Westen hier sind, trauen sich auch die Vopos in ihrer traditionellen Kluft aus SED-Zeiten wieder an die Grenze. Mit 38 Mann und drei Kampfhunden rücken sie diesmal an. Doch von Kooperation zwischen der Polizei aus Schleswig-Holstein und der aus Mecklenburg-Vorpommern keine Spur. Über eine Viertelstunde vergeht, bevor die beiden Einsatzleiter Torsten Riedel und Gunnar Kießling überhaupt miteinander sprechen.

Deutschland Grenzübergang Schlutup - Selmsdorf

Bilanz der "Grenzenlosen Nacht": Die völlig demolierte Grenzstation Selmsdorf

03:00 Uhr: Die "Grenzenlose Nacht" ist zu Ende, die "RockZocker" packen ihre Instrumente ein, der harte Kern der Fans trollt sich nach Hause. Jetzt liefert auch die Polizei von Mecklenburg-Vorpommern einen Beweis ihres Könnens ab: Mit fünf Mann und zwei Kampfhunden wird der Haupteingang des Dienstgebäudes blockiert. Torsten Riedel nimmt die Arbeit der Ost-Kollegen mit einem Kopfnicken zur Kenntnis. Die Mecklenburger haben die Lage im Griff, Riedel kann sich mit seinen Mannen über die Landesgrenze zurückziehen.

Zurück bleibt eine mit Knallkörpern, Flaschen, Plastikbechern und Glasscherben übersäte, völlig demolierte "Grenzübergangsstelle Selmsdorf", ein zerstörtes, aber schwer bewachtes Dienstgebäude und zwei kopfschüttelnde Frauen. Das mit der Einheit hatten sich Helene Hartmann und Christel Dormann eigentlich ganz anders vorgestellt.

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