Vor 30 Jahren: Die Katastrophe von Hillsborough | Sport | DW | 15.04.2019
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Jahrestag

Vor 30 Jahren: Die Katastrophe von Hillsborough

In Sheffield ereignet sich am 15. April 1989 das schlimmste Stadion-Unglück in Europas Fußball. 96 Menschen verlieren ihr Leben. Die Polizei macht schwere Fehler und vertuscht diese. Die Aufarbeitung dauert bis heute.

Der 15. April wird immer ein besonderer Tag für den FC Liverpool sein. An diesem Tag jährt sich die Katastrophe von Hillsborough, bei der 96 Anhänger der "Reds" ums Leben kamen. Im Hillsborough-Stadion von Sheffield wurden Anhänger des FC Liverpool am unteren Rand eines überfüllten Blocks gegen den Zaun gedrückt - am Ende waren 94 von ihnen tot. Ein weiterer Schwerverletzter verstarb einige Tage später im Krankenhaus, das letzte Opfer erst nach vierjährigem Koma. Der jüngste unter den Toten war Jon-Paul Gilhooley, der zehnjährige Cousin des späteren Liverpool-Kapitäns Steven Gerrard.

Tragische Fehlentscheidung

Der 15. April 1989 hätte ein schöner Fußballnachmittag werden sollen. Die Sonne schien auf das Hillsborough-Stadion in Sheffield. FC Liverpool gegen Nottingham Forest lautete die Begegnung im Halbfinale des FA-Cups. Das Spiel lief erst seit ein paar Minuten, als die größte Katastrophe im europäischen Fußball ihren Lauf nahm: Einige Stehplatz-Blöcke auf der Westtribüne im Hillsborough-Stadion waren bereits randvoll. Trotzdem drängten immer mehr Fans des FC Liverpool von hinten nach und drückten die Vorderen so gegen die Sicherheitszäune. Fans, die versuchten sich über den Zaun aufs Spielfeld zu retten, wurden von der Polizei daran gehindert.

Hillsborough Liverpool Desaster Unglück Krawall (picture alliance / empics)

In ihrer Angst und Verzweiflung retteten sich einige Liverpool-Fans in nächsthöheren Zuschauerrang

Wie schon bei der Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion vier Jahre zuvor, öffneten die Sicherheitskräfte die Fluchttore viel zu spät und ließen die panischen Fans auf den Rasen. Erst vierzig Minuten nach Spielabbruch war der erste Krankenwagen im Stadion. Das Zufahrtstor war verschlossen, ein Schlüssel war nicht aufzutreiben. Die Fans beider Lager halfen sich gegenseitig: Auf abgerissenen Werbebanden brachten sie die Verletzten in Sicherheit.

Völliges Versagen der Polizei

Direkt nach dem Spiel stürzten sich die englischen Medien auf die Liverpool-Fans und gaben ihnen die Schuld. Schließlich waren im Heysel-Stadion auch Hooligans aus Liverpool verantwortlich gewesen. Doch eine Untersuchungskommission um den Richter Peter Murray Taylor kam zu einem anderen Ergebnis: Der sogenannte Taylor-Report zeigte ein völliges Versagen der Polizei auf.

UEFA Europa League: Liverpool fans mit einem Justice for the 96 Banner (picture-alliance/S. Stacpoole )

Auf den Rängen des Liverpooler Stadions wird seit 30 Jahren an die 96 Opfer von Sheffield

Offenbar hatten Polizeikräfte große Tore geöffnet, um die zahlreichen noch vor dem Stadion befindlichen Fans rechtzeitig zum Anpfiff auf die Tribünen zu bekommen. Allerdings versäumten sie es, die strömenden Massen in die noch freien Bereiche der Westtribüne zu leiten. So drängten zu viele Menschen in zwei eng umzäunte Blöcke, aus denen es - wegen der von der Polizei verschlossen gehaltenen Fluchttore - kein Entrinnen gab.

Keine sicheren Spiele

Der Taylor-Report hatte tiefgreifende Auswirkungen auf den englischen und den gesamten europäischen Fußball. Insgesamt 76 Empfehlungen standen im abschließenden Papier von 1990. Sie befassten sich unter anderem mit dem Ausschank alkoholischer Getränke in den Stadien, mit der Anordnung der Absperrungen und Zäune im Stadion, sowie der Drehkreuze davor.

Englands Fußballstadien wurden in der Folge in reine Sitzplatzarenen umgewandelt, außerdem verschwanden die Eisengitter zwischen Tribünen und Spielfeld. Kurz darauf übernahmen der Weltverband FIFA und der europäische Verband UEFA diese Regelungen. Bei internationalen Spielen werden daher auch in deutschen Stadien nur noch Sitzplätze angeboten. In der Bundesliga gibt es dagegen nach wie vor Stehplatz-Blöcke.

Erneute Untersuchung - kein Unfalltod

Eine unabhängige Untersuchung kam im Herbst 2013 zu dem Schluss, dass man in Sheffield 41 Menschenleben hätte retten können, wenn schneller Hilfe gekommen wäre. Zudem stellte der vorsitzende Richter gleich zum Prozessauftakt klar, dass die Opfer keine Schuld treffe, sondern die Verantwortung bei der Polizei liege. Daraufhin kassierte der Londoner High Court alle bisherigen Urteilssprüche zur Hillsborough-Katastrophe. Ein später Erfolg für die "Hillsborough Familiy Support Group" (HFSG), die 74 betroffene Familien repräsentiert. Jahrelang hatte die Gruppe gegen das Ergebnis einer ersten Untersuchung von 1991 angekämpft. Damals war auf Unfalltod entschieden worden.

In der Folge nahm eine neue Untersuchungskommission die Katastrophe erneut unter die Lupe, zwei Verfahren gegen die Polizei wurden eingeleitet. Eines wegen des Fehlverhaltens im Stadion, ein weiteres wegen der anschließenden Vertuschung der eigenen Fehler. Mehr als 28 Jahre nach der Katastrophe standen die Verantwortlichen vor Gericht.

Kein Urteil gegen den Polizeichef

David Duckenfield (picture-alliance/P. Byrne)

Ex-Polizeichef David Duckenfield

Doch der Prozess gegen den damaligen Polizeichef David Duckenfield, der wegen 96-facher fahrlässiger Tötung angeklagt war, endete vor wenigen Tagen mit einer Ernüchterung für die Angehörigen der Opfer: Das Gericht kam zu keinem Urteil gegen den Einsatzleiter der Polizei. Die Staatsanwaltschaft kündigte ein Wiederaufnahmeverfahren an. Dagegen wurde der 69-jährige Graham Mackrell, ehemaliger Sicherheitsbeauftragter von Sheffield Wednesday für schuldig befunden, die Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten zu haben. Das Strafmaß wurde noch nicht festgelegt.

Die Liverpool-Fans verfolgen die Entwicklung der Aufarbeitung mit gemischten Gefühlen: Trauer, Wut, Enttäuschung und - Hoffnung. Die Hoffnung, dass das Team in dieser Saison gemeinsam mit Trainer Jürgen Klopp zum ersten Mal seit 1990 wieder englischer Meister wird. Selten waren die Chancen auf den 19. Meistertitel für die "Reds" ähnlich groß wie in diesem Jahr.

Auch vor 30 Jahren war der Sport der beste Trost in einer Situation, in der es keinen Trost geben konnte: Drei Wochen nach der Katastrophe von Hillsborough spielten Liverpool und Nottingham erneut gegeneinander. Liverpool gewann das Wiederholungsspiel und zog ins Finale des FA-Cups ein. Im Mai 1989 besiegten die "Reds" im Londoner Wembley-Stadion den FC Everton und wurden englischer Pokalsieger. Nach dem Spiel feierten sie so, als seien die Opfer von Hillsborough immer noch unter ihnen.

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