Von Konzernen und Start-ups: Alt und Jung gesellt sich gern | Wirtschaft | DW | 27.07.2018
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Start-ups

Von Konzernen und Start-ups: Alt und Jung gesellt sich gern

Neugründungen brauchen Kapital und Produktionsanlagen, Kunden und Reputation. Konzerne und Mittelständler suchen den Zugang zu innovativen Technologien und talentierten Fachkräften. Vieles spricht für eine Kooperation.

"Wir haben mehr als 1700 Startups gescreent", erzählt Jan Radzey vom Pumpenhersteller Wilo über die Anbahnung künftiger Kooperationen. Das Dortmunder Familienunternehmen mit rund 7500 Beschäftigten weltweit hat seit zwei Jahren einen "Wincubator", der passende Gründer aus dem Bereich der Wasserver- und entsorgung für gemeinsame Projekte sucht. "Wenn sich die Welt digitalisiert, müssen unsere Produkte auch digital sein", sagt Radzey, der bei Wilo für Unternehmensstrategie zuständig und Mitglied des Digitalisierungsteams ist.

Wilo ist zwar selbst Vorreiter der intelligenten Pumpensteuerung, aber von den Startups erhofft man sich den Zugang zu neuen Technologien und Geschäftsmodellen wie auch den Kontakt zu Hochschulen. "Es muss eine Erweiterung zu dem sein, was wir machen, aber ohne unser Kerngeschäft zu vernachlässigen". Der Pumpenproduzent will die jungen Partner fördern, sich mit ihnen austauschen und sich eventuell mit Risikokapital beteiligen. Die erste Beteiligung dieser Art gab es im Juli: Die Dortmunder investierten 7,25 Mio. US-Dollar in die amerikanische Plattform für smartes Wassermanagement, HydroPoint Data Systems. HydroPoint hilft den Nutzern, Wasserverluste zu vermeiden: "Wir werden sie - wie bisher - frei denken und arbeiten lassen und hoffen, aus der effizienten Wassernutzung eine Übertragung und hinterher eine Kombination mit unseren Produkten herstellen zu können".

Pumpenproduktion bei Wilo in Dortmund, zur Verfügung gestellt von Wilo. (WILO)

Intelligente Steuerung: Pumpenproduktion bei Wilo in Dortmund

Die meisten Konzerne und viele große Familienunternehmen haben inzwischen eigene Risikokapital-Abteilungen und Inkubatoren angelegt und investieren in innovative Partner. Kleinere ziehen allmählich nach. Die Kooperationen reichen von einem lockeren Informationsaustausch über das gemeinsame Nutzen betrieblicher Ressourcen und gemeinsame Projekte bis hin zu Beteiligungen, Joint Ventures und kompletter Übernahme. Je größer der ältere Partner, desto eher bevorzugt er Investitionsmodelle, heißt es in einer Studie des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM). Kleineren Unternehmen fehle dafür oft das Geld.

Eine Art Arbeitsteilung

Der Hightech-Gründerfonds (HTGF), Europas größter Risikokapitalgeber für die Frühphase, sieht es als Aufgabe, Große und Kleine miteinander zu verdrahten. Bei seinem Start 2005 hatte der HTGF nur eine Handvoll privater Investoren. Heute sind DAX-Konzerne, große Familienunternehmen, aber auch relativ kleine Firmen wie die Schufa, BÜFA oder Vector Informatik dabei. Sie stellen über 30 Prozent des Fondsvolumens. Die Rendite spielt sicherlich eine Rolle, aber nicht die wichtigste, meint HTGF-Geschäftsführer Michael Brandkamp: "Es gibt eine große Aufgeschlossenheit seitens des gestandenen Mittelstands und der Großunternehmen, weil sie sich Sorgen machen, abgehängt zu werden".

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Startup-Unternehmerin Janina Mütze

Brandkamp sieht auch eine Art Arbeitsteilung: Die Pharmaindustrie kaufe regelmäßig Wirkstoff-Kandidaten zu, weil die eigene Forschung zu teuer sei. Sie steige ein, wenn die Neuentwicklungen in umfangreichen klinischen Studien zugelassen und die Medikamente vermarktet werden müssen. Den langen Atem und das regulatorische Knowhow haben Startups meistens nicht. Aber auch neue Geschäftsmodelle dank Digitalisierung sind für die traditionsreichen Unternehmen spannend: Waschmittel-Produzent Henkel beteiligt sich an der mobilen Wäscherei ZipJet. BASF hat für fünf Millionen Euro Aktien des niederländischen Startups Ahrma erworben. Die Niederländer haben eine Mehrwegpalette mit einem aktiven drahtlosen Transponder entwickelt, die den Kunden Standort, Temperaturschwankungen, Beladungszustand und Stöße oder Stürze meldet.

Verbindliche Rahmenbedingungen

Eine Win-Win-Situation? Nicht immer. "Jeder kennt abschreckende Geschichten von Startups, die komplett vereinnahmt wurden oder, noch schlimmer, verhungert sind, weil das große Unternehmen weder selbst übernehmen wollte noch es dem Konkurrenten erlaubte", zitiert die Studie einen Gründer. Das IfM empfiehlt, gleich zu Beginn die Rahmenbedingungen verbindlich abzustecken. Dazu gehörten ein Projektbudget, der Zeitrahmen, die Prämissen und Regeln sowie klare Exit-Strategien. Letztere seien bei der Anbahnung einer Kooperation - wie bei jeder Beziehung - ein sehr unbeliebtes Thema.

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Hype um den Hub

Gründer sehen die Entscheidungsfindung bei den Großen aber oft als eine Blackbox. "Wie die Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen läuft, musste ich erst lernen", so Johannes Jakop, Gründer von Softwaredienstleister Jata.  "Bei Startups läuft es nicht so gradlinig wie man es in der Industrie mit ihren klar umrissenen Abläufen gewöhnt ist", schildert Radzey von Wilo den Blickwinkel der anderen Seite. "Die Szene ist ungeheuer dynamisch. Das macht Spaß, ist aber für etablierte Unternehmen manchmal herausfordernd." Nach dem Erstkontakt und der Bewertung der Gründer durch den Wincubator übernimmt deshalb das Wilo-Digitalisierungsteam: "Das ist eine kleine wendige Einheit". Wenn der Vorstand grünes Licht gibt, stellt Wilo einen "Sponsor", einen ständigen Ansprechpartner, dem kooperierenden Startup zur Seite. "Aber wir wollen sie bewusst nicht ins Unternehmen integrieren", betont Radzey: Denn dann gingen die Eigenheiten verloren.

Mit seinen kurzen Entscheidungswegen habe der Mittelstand bei den Kooperationen einen großen Vorteil, sagt auch das IfM: Wenn Firmeninhaber auf Gründer treffen, finden sie eben oft eine gemeinsame Sprache. Schließlich sind Startups nichts Anderes als Familienunternehmen in der ersten Generation.

 

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