Von giftiger Kloake zum sauberen Fluss | Wissen & Umwelt | DW | 01.09.2015
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Wissen & Umwelt

Von giftiger Kloake zum sauberen Fluss

Vor einigen Jahren landeten noch allerlei Abfälle und Giftstoffe in deutschen Flüssen. Nach Katastrophen und Protesten entstand eine Umweltpolitik, die vieles veränderte. Es wird wieder gebadet, die Fische kehren zurück.

"Der Zustand in deutschen Flüssen ist deutlich besser geworden, das Problem der Gifteinleitung aus der Industrie ist weitestgehend gelöst." Gerhard Wallmeyer zeigt sich zufrieden über die erreichten Erfolge. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern von Greenpeace in Deutschland.

Mit ihrem Laborschiff analysierten die Umweltschützer in den 1980iger Jahren die giftigen Abwässer der Fabriken, die in die Flüsse flossen."Die Behörden genehmigten damals die Einleitung der Abwässer, ganz so wie es die Firmen wünschten. Es gab kaum Beschränkungen und alles war geheim. Durch unsere Recherchen und Analysen wurde die Praxis öffentlich - das hat für viel politische Aufruhr gesorgt", so Wallmeyer.

Zur selben Zeit gab es außerdem einige Umweltkatastrophen, die Bevölkerung und Politik beunruigten: Im Mai 1986 explodierte das ukrainische Atomkraftwerk in Tschernobyl und kontaminierte weite Teile von Europa mit Radioaktivität. Ein halbes Jahr später flossen nach einem Großfeuer im Chemieunternehmen Sandoz hochgiftige Pestizide und Quecksilber bei Basel in den Rhein und töteten auf einer Strecke von 400 Kilometern Fische und Kleinlebewesen. Das Trinkwasser wurde vielerorts verseucht.

Bundeskanzler Kohl reagierte. Er schuf 1986 das Bundesumweltministerium. "All diese Ereignisse hatten zur Folge, dass drastische Maßnahmen eingeleitet wurden: Es wurden Gesetze erlassen, Behörden reagierten und auch Firmen suchten nach umweltfreundlicheren Alternativen", erklärt Wallmeyer den Beginn der Deutschen Umweltpolitik.

Bundesumweltminister Klaus Töpfer schwimmt im Rhein 1988 (Foto: picture alliance).

1988: Bundesumweltminister Klaus Töpfer springt in einer spektakulären Aktion in den Rhein. Er will zeigen, dass die Politik handelt und der Rhein sauberer wird. Später wird Töpfer Direktor des UN-Umweltprogramms UNEP.

Politik verbessert Wasserqualität

In den folgenden Jahrzehnten wurde die Wasserqualität in den Flüssen spürbar besser. Die Industrie stellte auf umweltfreundlichere Produktionsprozesse um, und überall wurden Kläranlagen gebaut, die vor allem mithilfe von Bakterien Fäkalien und Schadstoffe zersetzen. Finanziert wird die Abwasseraufbereitung über Umlagen: Wer wenig verschmutzt, zahlt wenig, wer viel - und besonders schmutziges Wasser ablässt - zahlt entsprechend mehr.

Ein großes Problem für das Wasser sind vor allem auch Phosphate. Bis in die 1980er Jahre waren sie noch als Zusatz in den deutschen Waschmitteln erlaubt. Phosphate fördern jedoch die Algenbildung. Sie führt zur Sauerstoffarmut in den Gewässern. Diese kippen dann um - es kommt zum Fischsterben.

"Mit dem Verbot von Phosphaten in Waschmitteln und Einschränkung des Zusatzes in anderen Reinigungsmitteln wurde die Wasserqualität erheblich besser", resümiert Stephan Köster vom Institut für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz von der Universität Hamburg-Harburg. "Die Reduktion der Phosphate in Waschmitteln und die Entwicklung in der Abwasserreinigung waren die wichtigen Meilensteine."

Inzwischen ist die Abwassertechnik so weit, "dass aus Abwasser hochreines Trinkwasser werden kann", so Köster. Wie weit die Abwässer aber gereinigt werden, läge allein an der Politik. "Auch in Deutschland kann man heute noch mehr machen. Die Klärwerke setzen genau um, was das Gesetz verlangt."

Eine Kläranlage in Niedersachsen aus der Vogelperspektive (Foto: picture alliance).

Mithilfe von Bakterien wird das Abwasser in der Kläranlage gereinigt. Danach hat das Wasser Badequalität.

Hormone im Abwasser verändern Tierwelt

Heute sind vor allem Medikamente im Abwasser ein Problem. Die Kläranlagen halten diese bisher noch nicht zurück, und so gelangen sie in die Flüsse. "Schnecken und Lurche werden durch Hormone verweiblicht, dann gibt es keine Männchen mehr und die Fortpflanzung stoppt", erklärt Wallmeyer die möglichen Folgen.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, schlägt das Umweltbundesamt (UBA) Maßnahmen vor. "Beim Design von Medikamente muss etwas getan werden. Medikamente dürfen nicht in der Toilette entsorgt werden. Die Kläranlagen brauchen eine zusätzliche Reinigungsstufe", empfiehlt Jörg Rechenberg vom UBA. Vorreiter auf diesem Gebiet ist die Schweiz. Dort werden entsprechende Gesetze auf den Weg gebracht. Auch die Kosten für eine zusätzliche Abwasserreinigung sind nach Angaben des UBA vertretbar. "Pro Person wären das Mehrkosten von bis zu 16 Euro pro Jahr", so Rechenberg.

Landwirte gefährden Trinkwasser

Ein sehr großes Problem für die Wasserqualität ist heute vor allem die Landwirtschaft. Seit Jahrzehnten überdüngen Landwirte die Böden - vor allem mit Gülle aus den Tiermastfabriken. Die Gülle - mit dem darin enthaltene Phosphat und Nitrat - sickert durchs Erdreich und gerät ins Grundwasser, in Flüsse und Seen.

Die Schäden sind immens und die Wasserwerke schlagen Alarm. Zunehmend steigt so die Konzentration des krebserregenden Nitrats im Grundwasser und so die sehr kostspielige Wasseraufbereitung, die von den Verbrauchern bezahlt werden muss.

An der Praxis der Überdüngung änderte Deutschland bislang nichts, jetzt droht die EU-Kommission mit einem Vertragsverletzungsverfahren wegen zu hoher Nitratwerte im Trinkwasser. Die Regierung will jetzt das Problem angehen.

Geplant ist, dass Landwirte zukünftig den genauen Umgang mit der Gülle dokumentieren. Haben sie zu viele Tiere - und damit Gülle - sollen sie diesen tierischen Dünger nachweislich exportieren. Überdüngen sie ihre Felder damit wie bisher, droht ein Ordnungsgeld.

Es gibt Hoffnung, dass sich durch diese Maßnahme die Wasserqualität in Deutschland verbessern wird. Zugleich gibt es aber auch die Skepsis, dass sich mit einer industriellen Landwirtschaft nur wenig ändert. Zur Verbesserung der Wasserqualität wäre nach Einschätzung von Rechenberg "vor allem die Förderung des ökologischen Landbaus sinnvoll." Sein Kollege Dietrich Schulz, Experte für Tierhaltung beim UBA, stimmt dem zu - ist aber skeptisch. "Die Agrar-Ökonomie geht leider in die gegenteilige Richtung."

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