Von Eulen aus Athen und Phönix aus der Asche | Deutschlehrer-Info | DW | 14.10.2021
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Von Eulen aus Athen und Phönix aus der Asche

Redensarten sollte man nicht wörtlich in eine andere Sprache übersetzen, denn das geht meist daneben. Doch einige Formulierungen kennt man in ganz Europa. Und das teilweise schon seit der Antike.

Eine griechische Euromünze mit Eulenmotiv

Eulen sieht man auch heute noch in Athen - nicht nur auf den Euro-Münzen

Im Deutschen regnet es keine Hunde und Katzen wie im Englischen, sondern Bindfäden – oder es gießt wie aus Eimern. Und wenn man im Deutschen auf dem Holzweg ist, dann ist man in Großbritannien noch lange nicht auf dem „wood way“. Solche falschen Formulierungen rufen beim Gegenüber wohl ein ratloses Achselzucken hervor und sind natürlich auch für einen Lacher gut.

In Europa weiß man, wo der Schuh drückt

Die gemeinsame Geschichte ihres Kontinents hat den Europäern aber auch Redensarten beschert, die man in fast allen Sprachen versteht. Von Oslo bis Rom sieht man „den Wald vor lauter Bäumen“ nicht, „weiß man, „wo der Schuh drückt“, vergießt geheuchelte „Krokodilstränen“ oder genießt das „Dolce Vita“. Die Geistesverwandtschaft beruht nicht zuletzt auf Weisheiten aus der Bibel – „stell dein Licht nicht unter den Scheffel!“ –, historischen Ereignissen, und der griechischen Mythologie.

Ein Schmetterling sitzt auf einem Krokodilskopf

Können Krokodile weinen? In der Redewendung nimmt man ihnen das nicht ab

So bedeutete der Ausdruck „Eulen nach Athen tragen“ vor 2500 Jahren genau das gleiche wie heute: nämlich, dass jemand etwas völlig Überflüssiges und Sinnloses macht. Dazu muss man wissen, dass Athen seit jeher die Stadt der Eulen war. Zum einen lebten auf der Akropolisfelsen über der Stadt viele der Tiere, dann war das Wappentier der Schutzgöttin Pallas Athene eine Eule und nicht zuletzt nannte man die Geldmünzen „Eulen“, weil ihr Bild die Rückseite zierte. Da Athen damals noch ausgesprochen reich war, stellte der Dichter Aristophanes schon 414 v. Chr. fest: „An Eulen wird es nie mangeln“ – und fragte sich darum, wer wohl nichts Besseres zu tun habe, als trotzdem noch damit anzukommen: „Wer hat die Eulen nach Athen gebracht?“

Fast alle Europäer kennen auch den Begriff „Phönix aus der Asche“. Wer sich wie der sagenumwobene Vogel wieder erhebt, der erlebt nach schweren Zeiten einen Neuanfang. Den bildhaften Vergleich gab es schon im alten Ägypten, dort verjüngte sich der Totengott-Vogel Benu durch Verbrennen und Wiedererstehen immer wieder. Bei den Griechen übernahm Phönix diese Rolle. 

Auch die „Achillesferse“ stammt aus der antiken Mythologie. Die Ferse war die einzige Stelle, an der der Sagenheld Achilleus verwundbar war. Es ist also jemandes schwacher Punkt. Die Liste von Redewendungen, die wir den alten Griechen verdanken, ist lang: von der „Büchse der Pandora“, aus der nur Unheil kommt, bis zu „drakonischen Strafen“, also harten Strafen, wie sie einst der Politiker Drakon im alten Athen erließ.

Gemälde der Schlacht von Waterloo

Sinnbild für eine verloren Kampf: die Schlacht bei Waterloo 1815

Waterloo und Siebenmeilenstiefel

Und dann gibt es noch Schlachten und andere historisch einschneidende Erlebnisse, die man in Europa aus der Schule kennt: Man denke etwa an den „Pyrrhussieg“ (vor 2300 Jahren ein teuer erkaufter Kriegserfolg), an „Waterloo“ (1815 der Ort der letzten Schlacht von Napoleon in der Nähe von Brüssel) oder den „Gang nach Canossa“ (1076/77 der erniedrigende Bittgang von Heinrich IV. zum Papst).

Auch Märchenweisheiten („mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts kommen" wie einst „Der kleine Däumling“), literarische Überlieferungen („gegen Windmühlen kämpfen“ wie einst Don Quijote in Miguel de Cervantes' Buch aus dem Jahr 1605) oder Sportausdrücke (der Schlag unter der Gürtellinie) wanderten munter über die Grenzen hinweg und brachten stehende Wendungen mit.

Rolf-Bernhard Essig

Der „Sprichwort-Papst“ Rolf-Bernhard Essig beschäftigt sich regelmäßig mit Redensarten

Der Germanist und Historiker Rolf-Bernhard Essig hat viele dieser Redewendungen in seinem unterhaltsamen Büchlein „Phönix aus der Asche“ gesammelt. Es soll, so der Autor, „ein heiterer Weckruf gegen Europamüdigkeit“ sein. Und weiter gibt er seinen Leserinnen und Lesern den Rat: „Wenn Sie dann noch einige der hier ausgebreiteten Sprichwort-Geschichten behalten, könnten Sie bei jedem Small Talk auftrumpfen – ob in Tirana, Sofia, Brindisi, Warschau, Edinburgh, Rejkjavik, Göteborg...“

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