Von der Russischen Avantgarde zum Sozialistischen Realismus | Kunst | DW | 03.04.2019
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Kunst

Von der Russischen Avantgarde zum Sozialistischen Realismus

Künstler der Sowjetunion werden oft als Staatskünstler abgestempelt. Zu Unrecht, findet Nicolas Liucci-Goutnikov. Er hat eine Ausstellung im Pariser Grand Palais kuratiert, die zeigt: Gute Kunst gibt es in jeder Epoche.

Deutsche Welle: Die Farbe Rot ist unumstößlich mit dem Kommunismus verbunden. Und auch Teil Ihres Ausstellungstitels "Rot. Kunst und Utopie im Land der Sowjets"...

Nicolas Liucci-Goutnikov: Rot ist für mich eine Metapher. Ich wollte keine historische Ausstellung über Kunst in der Sowjetunion machen, sondern einen Denkanstoß über das Schicksal politischer Kunst geben. Wie haben Künstler auf die kommunistische Idee reagiert? Und wie hat diese wiederum neue, spezifische Formen generiert, die es so in anderen Ländern nicht gab?

Dabei führen Sie die Besucher zunächst durch die Russische Avantgarde, einer modernen und abstrakten Kunstrichtung, zum Sozialistischen Realismus, der vermeintlichen Abbildung von Wirklichkeit. Wie passt das zusammen?

Das ist kein entweder oder, sondern ein Übergang von einer Utopie zur anderen. Wir beginnen mit den Konstruktivisten der 1920er Jahre und deren Utopie der Verschmelzung von Kunst und Leben. Weiter geht es mit den 1930er Jahren und der eher geträumten Utopie des Sozialistischen Realismus. Als Besucher bewegt man sich also chronologisch von einem Zeitabschnitt zum nächsten, erfährt anfangs vielfältige Kunstformen als Antwort auf die Umbrüche in den 1920er Jahren und anschließend die Unifizierung der Kunst in den 1930er Jahren. Hier gibt es auch eine Verbindung: Künstler wie Alexander Deineka wandten sich nach den radikalen konstruktivistischen Ansätzen wieder der figurativen Malerei zu, die im Sozialistischen Realismus vorherrschend war. Im zweiten Teil der Ausstellung wird man avantgardistischen Künstlern wie Rodtschenko wiederbegegnen und deren Kunst unter Stalin.

Portraitfoto von Nicolas Liucci-Goutnikov (Foto: imago/ITAR-TASS)

Kurator mit russischen Wurzeln: Nicolas Liucci-Goutnikov

Künstler des Sozialistischen Realismus werden oftmals mit dem Stempel "Staatskünstler" abgetan. Zu Unrecht?

In Westeuropa tendieren wir dazu, alle Kunst der Sowjetunion in einen Sack zu stecken. In meiner Schau versuche ich zu zeigen, dass es sehr fähige und vor allem mutige Künstler auch unter Stalin gab. Sie malten zwar figurativ, wie es der Sozialistische Realismus wollte, aber experimentierten hier gleichzeitig weiterhin. Ich selbst verstehe unter Sozialistischem Realismus eine Art Akademische Kunst, die strenge Einhaltung von formalen und ästhetischen Regeln. Diese zeigen wir so nur im letzten Raum der Ausstellung. Und auch hier denke ich, dass es handwerklich sehr gute Künstler sind. Auch wenn dies sicherlich in keinem Vergleich mit der Tragödie des Totalitarismus steht, so kann man dem Sozialistischen Realismus zur Gute halten, dass er die Tradition der Malerei aufrecht erhalten hat. Es ist sicherlich kein Zufall, dass heutzutage die großen Maler nicht aus Frankreich sondern aus den ehemaligen Ostblock-Staaten wie der DDR, Rumänien, China und auch Russland kommen.

Sicherlich ist es aber auch kein Zufall, dass diese Ausstellung nun in Frankreich zu sehen ist und nicht in Russland?

Dazu kann ich nichts sagen. In Gesprächen mit russischen Kollegen wurde aber deutlich, dass unsere kuratierte Zusammenstellung so wohl nicht in Russland zu sehen wäre. Ich glaube, die russischen Autoritäten haben ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Vergangenheit - ganz im Gegensatz zur russischen Jugend, die die konstruktivistische Vergangenheit sehr schätzt.

Was zieht Sie persönlich in den Osten?

Meine Mutter wurde in der Sowjetunion geboren. Ich hatte für unsere Besuche sogar einen sowjetischen Pass. Die Eindrücke dort haben mich und meine Kindheit sehr geprägt, ich war auf eine gewisse Art fasziniert von der Propaganda. Alles war so anders als in Frankreich.

Was könnten Künstler heutzutage, auch in Westeuropa, von Ihrer Schau lernen?

Ich habe das Gefühl, dass heutzutage der Bezug verloren gegangen ist, eine Positionierung der Künstler hinsichtlich einer politischen Ideologie. Davon handelt unsere Ausstellung: Wie Künstler zumindest versucht haben - ob im Guten oder im Schlechten - zu partizipieren, wovon sie glaubten, dass es richtig ist wie beispielsweise der Kommunismus, bevor dieser von Stalin ermordet wurde.

Auch Frankreich steckt derzeit in politisch unruhigen Zeiten...

Ja, ich denke unsere Ausstellung kommt genau zur richtigen Zeit. Politik als Konzept verliert in Frankreich immer mehr an Rückhalt. Immerhin haben wir derzeit die Bewegung der Gelbjacken, aber sie ist sehr unorganisiert im Vergleich zu den sehr organisierten Protesten, die in der bolschewistischen Revolution mündeten. Deswegen bin ich sehr gespannt, wie die Ausstellung gerade bei den jungen Besuchern ankommt, die, glaube ich, all diese Dinge nicht mehr wissen. Es könnte nützlich sein.

Das Gespräch führte Nadine Wojcik.

Die Ausstellung "Rouge. Art et utopie au pays des Soviets" ist vom 20. März bis zum 1. Juli im Grand Palais in Paris zu sehen.

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