Von der Lehman-Pleite zur Weltwirtschaftskrise | Wirtschaft | DW | 12.09.2018
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Zehn Jahre Lehman-Pleite

Von der Lehman-Pleite zur Weltwirtschaftskrise

Erst schien das Problem auf dem US-Immobilienmarkt noch beherrschbar. Doch mit der Pleite der Lehman-Bank vor zehn Jahren wurde daraus die schwerste Weltwirtschaftskrise seit Jahrzehnten.

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Chronik des Crashs: Als die Blase platzte

Der Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers vor zehn Jahren war ein Schock, der bis heute nachwirkt, eine weitere Eskalation der Finanzkrise, die ein Jahr zuvor begonnen hatte. "Die Krise hat die Grundpfeiler des westlichen Finanzsystems erschüttert", sagt Axel Weber, der frühere Präsident der Deutschen Bundesbank und Verwaltungsratschef der schweizerischen UBS. Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers Konkurs an.

Wie kam es zur Insolvenz?

Lehman Brothers war wie viele andere Banken angeschlagen durch die damals schon gut ein Jahr währende Immobilienkrise. Am 10. September kündigte Lehman-Chef Richard Fuld einen Verlust von 3,9 Milliarden Dollar allein für das dritte Quartal 2008 an. Das verstärkte die Sorgen über eine Zahlungsunfähigkeit, das Vertrauen war dahin. Trotz hektischer Verhandlungen konnte aber am darauffolgenden Wochenende kein Käufer gefunden werden. Damit blieb nur der Weg in die Pleite.

Kam die Insolvenz wirklich unerwartet?

Noch kurz zuvor hatte der damalige Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, sich das nicht vorstellen können. Politik und Finanzwelt seien sich der Verantwortung bewusst, sagte er damals: "Ein Kollaps einer Bank dieser Größenordnung würde eine weitere Welle von Verwerfungen nach sich ziehen und damit auch weitere Verluste und Abschreibungen bei wahrscheinlich allen Banken."

Doch der politische Druck war groß, nach drei Banken nicht noch eine weitere mit Milliardenhilfen zu retten. Ein Fehler, meint heute Hans-Walter Peters, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken: "Die Insolvenz der Bank hat zuerst eine Finanz- und Vertrauenskrise und dann eine schwere Rezession ausgelöst", sagte er in einem Zeitungsinterview.

Ein Mitarbeiter von Lehman Brothers verlässt am 15. September 2008 die Zentrale der Bank in New York City, USA (picture-alliance/AP Photo/L. Lanzano)

Ein Mitarbeiter von Lehman Brothers verlässt am 15. September 2008 die Zentrale der Bank

Was waren die direkten Folgen?

Es folgte ein Absturz der Finanzmärkte. Weil sie nicht mehr auf ihre Rettung durch den Staat vertrauen konnten, waren die Banken nicht mehr bereit, einander kurzfristig Geld zu leihen, wie dies zu normalen Zeiten üblich ist. Der Finanzmarkt drohte auszutrocknen, deshalb pumpten die Notenbanken weltweit viel Geld in die Märkte. Die USA als auch die sechs größten EU-Staaten stellten in den ersten Monaten zusammen 800 Milliarden Euro zur Stützung der Finanzbranche bereit.

Um einen Ansturm auf die Banken zu vermeiden, gaben Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück den Bürgern die Garantie, ihre Bankeinlagen seien sicher. Den folgenden schweren Wirtschaftseinbruch verhinderte das nicht. Weltweit verloren Millionen Menschen ihre Arbeit, in Deutschland wurden 1,5 Millionen Jobs durch Kurzarbeit gerettet. Die deutsche Volkswirtschaft verzeichnete 2009 einen Einbruch von fünf Prozent. 

In welchem Ausmaß waren Anleger betroffen?

50.000 Anleger hatten Zertifikate der niederländischen Lehman-Tochter gekauft. Dieses Geld war verloren, obwohl die Wertpapiere als sicher verkauft worden waren. Sie waren aber nicht die einzigen Opfer der Pleite. Verbraucher und Sparer zahlen immer noch die Quittung: So klagen Mieter über immer höhere Mieten. Vermögen werden kaum noch verzinst, deshalb müssen die Sparer noch mehr sparen, damit sie ihren Ruhestand finanziell absichern.

"Das sind Rückwirkungen, die massiv in der sozialpolitischen Bereich hineingehen", sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. Und das hat gravierende Folgen. Nicht nur materiell, denn auch die Unzufriedenheit steigt und äußert sich in den steigenden Wahlerfolgen populistischer Parteien und damit verbunden der Tendenz zur Abschottung der Märkte.

Deutschland Frankfurt Skyline (Imago)

Die EZB ist seit Herbst 2014 für die Kontrolle der großen Banken in der Euro-Zone zuständig. Inzwischen überwacht sie 119 Geldhäuser direkt. Die Aufsicht über kleinere Institute haben nationale Aufseher.

Sind die Banken jetzt sicherer?

Teilweise. Die amerikanische Regierung hatte in der Krise die Banken rekapitalisiert, sie stehen heute wieder blendend da, sagt Christoph Schalast, Professor an der Frankfurt School of Finance and Management. In Europa aber sollte der Steuerzahler nicht mehr Geisel der Banken sein im Fall einer systemrelevanten Krise: "Das waren unterschiedliche Strategien, die dazu geführt haben, dass insbesondere in Deutschland eben die Banken geschrumpft sind."

Immerhin hat man in Europa eine einheitliche Bankenaufsicht geschaffen, es wurde viel reguliert - zu viel, sagen die Banken. "Viele führende Bankmanager agieren inzwischen eher wie Behördenleiter, nicht wie Unternehmer", sagt Professor Dirk Schiereck, Bankenexperte der Universität Darmstadt.

Zu wenig sei geschehen, mahnt hingegen der Ökonom Martin Hellwig. Zur langfristigen Stabilisierung der Finanzbranche hätte man den Banken höhere Eigenkapitalquote vorschreiben müssen. Ähnlich sehen das auch die Globalisierungskritiker von Occupy, die an diesem Samstag wieder protestieren werden.

Wie hart hat es die Banker getroffen?

Viele damals Verantwortliche sind in lukrative Jobs gewechselt - der damalige Lehman-Chef Richard Fuld arbeitet jetzt für das Finanzberatungsunternehmen Matrix Private Capital. Viele andere sind ebenfalls weich gefallen. An diesem Samstag sollen sie sich dem Vernehmen nach in London treffen, natürlich nicht, um die Pleite zu "feiern", sondern "das Netzwerk zu pflegen", wie einer von ihnen sagt.

Sind wir vor einer neuerlichen Krise sicher?

Risiken gibt es viele: Die hohen Immobilienpreise, weiter gestiegene Staatsschulden etwa in Italien, die Währungskrisen in der Türkei und in den Schwellenländern. Nicht zuletzt aber ist auch die immer noch lockere Geldpolitik ein Risiko, mahnt UBS-Verwaltungsratschef Axel Weber: Die Notenbanken würden Gutes tun, dieses System langsam wieder in Richtung Normalität zurückzuführen. "Ich sehe das nur sehr schleppend. Und das in sich selbst kann ein weiteres Stabilitätsrisiko sein."

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