Vom Segen des großen Schwarms | Global Ideas | DW | 17.09.2013
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Global Ideas

Vom Segen des großen Schwarms

Auf den Inseln des Südpazifiks leben immer mehr Menschen. Um sie zu ernähren, muss sich die Fischerei auf den Fang von Thunfisch umstellen.

Die Korallenfischer von Vanuatu haben ein Problem. Von ihren Fischfangzügen kehren sie immer öfter mit magerer Ausbeute zurück. Denn die Korallenriffe, zu denen sie ausfahren, schwinden zusehends und mit ihnen die küstennahen Fischgründe, aus denen sich die Menschen in der Region traditionell ernähren. Vor den anderen pazifischen Inseln sieht es nicht anders aus. Neben der Umweltverschmutzung setzen den Riffen die steigenden Wassertemperaturen und die schleichende Versauerung der Ozeane zu, beide Veränderungen eine Folge des Klimawandels. So stark wie jetzt hat sich die chemische Beschaffenheit der Ozeane seit 55 Millionen Jahren nicht verändert. Das stresst die Korallenriffe, ihre biologische Vielfalt sinkt, sie schrumpfen.

Weniger Fisch für noch mehr Menschen

Eine große Gruppe Menschen von oben (Foto: CC BY 2.0: TheBigTouffe/flickr.com: http://www.flickr.com/photos/guiguibu91/2889883615/in/photostream/)

Haupttreiber für die zunehmende Nahrungsmittelknappheit ist das starke Bevölkerungswachstum in der Region. Der Klimawandel verschärft das Problem zusätzlich.

“Bis 2050 könnte die Korallenfischerei in der Region um 20 Prozent zurückgehen”, schätzt Johann Bell. Der Fischerei-Experte ist auf der pazifischen Inselgruppe Neukaledonien, 1.500 Kilometer östlich von Australien, zuhause und arbeitet für die Pazifische Gemeinschaft SPC, einem Bündnis von pazifischen Staaten und Territorien, das sich intensiv mit den Veränderungen in der Region befasst. Der Rückgang der Fangzahlen hat weitreichende Folgen: “Wir beobachten, dass die Kluft zwischen der Fischmenge, welche die Riffe zur Verfügung stellen können, und der Menge, die wir bräuchten, um die Bevölkerung zu ernähren, wächst”, so Bell. Derzeit beträgt diese Kluft schon 4.000 Tonnen pro Jahr. Damit verstärkt das Schwinden der Riffe ein Problem, das sich durch die stark wachsenden Bevölkerungszahlen im Südwestpazifik ohnehin schon seit Jahren verschärft. Allein bis 2030 könnte die Bevölkerung der Inselstaaten um 50 Prozent anwachsen und zusätzliche 150.000 Tonnen Fisch pro Jahr benötigen.

Ein Schwarm Thunfische unter Wasser (Foto: CC BY 2.0: TheAnimalDay.org/flickr.com: http://www.flickr.com/photos/theanimalday/7142881913/)

In den Hoheitsgewässern der acht Pazifikstaaten Mikronesien, Kiribati, Nauru, Palau, Papua-Neuguinea, Tuvalu, Marshallinseln sowie Salomonen findet sich ein Viertel der weltweiten Thunfischbestände.

Doch mit einer Ausweitung der Fangzahlen in den Riffen, würde sich deren Verschwinden nur noch stärker beschleunigen. “Ein Ökosystem, das nicht nachhaltig bewirtschaftet, sondern überfischt wird, ist wesentlich schlechter auf die Veränderungen durch den Klimawandel vorbereitet”, warnt Doris Soto, die sich bei der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO mit den Auswirkungen des Klimawandels auf den Fischerei-Sektor befasst. Um die Riffe vor den Pazifischen Inseln nicht zu überfischen, dürfen deshalb hier jährlich nicht mehr als 3 der rund 50 bis 100 Tonnen Fisch pro Quadratkilometer aus dem Wasser geholt werden.

Klar ist: Die schrumpfende Korallenfischerei wird die steigende Zahl der Menschen nicht ernähren können. Fisch ist die Haupt-Eiweißquelle der Inselbewohner. Mit dem sich abzeichnenden Niedergang der Küstenfischerei ist damit auch direkt die Ernährung der Menschen bedroht. Deshalb muss sich Vanuatu wie auch die meisten anderen Inselstaaten nach alternativen Eiweißquellen umsehen. Aber wo?

Zum Beispiel an Land: der Nil-Tilapia, eine Rotbarsch-Art, ist in der Region das prominenteste Beispiel für Fische, die in Teichen oder Becken - sogenannten Aquakulturen - gezüchtet werden. Die Pazifische Gemeinschaft empfiehlt, verstärkt Süßwasser-Aquakulturen anzulegen. Weil es künftig in der Region häufiger regnen wird, lässt sich etwa der Nil-Tilapia auch in Gegenden halten, wo es bislang zu wenig Wasser gab.

Gefangende Thunfische auf einem Handrollwagen auf Eis (Foto: CC BY 2.0: TheAnimalDay.org/flickr.com: http://www.flickr.com/photos/theanimalday/7142456645/)

Um Thunfisch zu fangen, müssen die lokalen Fischer mit ihren kleinen Booten weiter aufs Meer hinaus als für den Fischfang in den Korallenriffen.

Die wichtigste Antwort auf die Frage nach alternativen Nahrungsquellen schwimmt der SPC zufolge aber in großen Schwärmen etwas weiter abseits der Küsten durch den Ozean: Thunfisch. Mit seinen riesigen Beständen im Südwestpazifik könnte er dabei helfen, die wachsende Ernährungslücke zu schließen. Damit der Thunfisch den Speiseplan langfristig ergänzen kann, muss sich die Fischerei jedoch anpassen.

Neue Methode lockt Thunfisch an die Küste

Bereits heute müssen die Korallenfischer mit ihren kleinen Fischerbooten weiter auf das Meer hinausfahren. Das verbraucht mehr Sprit und wird für die Fischer zu teuer. Die Pazifische Gemeinschaft empfiehlt daher die Installation sogenannter Fischsammler (FADs). FADs sind schwimmende Plattformen oder einfache Flöße, die mit langen Seilen im Meeresboden verankert werden. Sie locken Thunfische und andere Meeresbewohner, die im Schatten der treibenden Gegenstände Schutz suchen, in Küstennähe. Vanuatu experimentiert bereits mit den FADs. Seit Mitte des Jahres ist ein solcher Fischsammler zwischen den Inseln Nguna, Pele und Efate installiert und erleichtert den anliegenden 30 Gemeinschaften den Zugang zu einer wertvollen Nahrungsquelle. “Nun können unsere Fischer in der Nähe ihrer Wohnorte fischen“, wird Mariwota, das Dorfoberhaupt der Gemeinde Taloa, in einem Bericht der Pazifischen Gemeinschaft und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit zitiert, die das Pilotprojekt betreuen. “Gute Fänge sind ihnen sicher.”

Beifang auf die lokalen Märkte

Ein Fischerboot liegt im Hafen vor Anker (Foto: CC BY SA 2.0: Abaconda Management Group/flickr.com: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Der Verkauf von Fischereilizenzen an ausländische Reedereien ist eine wichtige Einnahmequelle für viele pazifische Inselstaaten.

Aber auch die ausländischen Fangflotten, die im großen Maßstab in der Region Thunfisch fangen, sollen künftig dazu beitragen, die Fischversorgung der Bevölkerung zu verbessern. In den riesigen Netzen landen neben den Thunfischen auch viele andere Meeresbewohner, die zu klein für die weitere Verarbeitung in den Konservenfabriken sind – eine Praxis, die von Umweltschützern schon lange heftig kritisiert wird. Die Pazifische Gemeinschaft schlägt nun vor, dass dieser Beifang, der in der Vergangenheit meist wieder ins Meer zurückgeworfen wurde, künftig der lokalen Bevölkerung zugute kommt. “Wir fordern, dass die Fangflotten gezwungen werden, den Beifang an Land zu bringen und an die Bevölkerung der Städte zu verkaufen, bevor sie die Thunfischfänge in ihre Heimatländer verfrachten”, so der Wissenschaftler Johann Bell.

Zusätzlich fordert der Wissenschaftler, dass die Inselstaaten weniger Fanglizenzen an ausländische Reedereien vergeben. “Die Staaten sollten einen größeren Anteil dieser Lizenzen nutzen, um ihre eigene Bevölkerung zu ernähren.” Dieser Ratschlag könnte gerade für die weiter westlich gelegenen Inselstaaten wie Papua Neuguinea oder Palau wichtig werden. Denn auch die Verteilung der wichtigen alternativen Eiweißquelle Thunfisch wird nicht unbeeinflusst vom Klimawandel bleiben. “Unsere jüngsten Untersuchungen haben ergeben, dass sich der Thunfisch durch den Klimawandel in Richtung Osten sowie in subtropische Regionen zurückziehen wird”, erläutert Bell. In der Folge könnten die Fangzahlen bis zum Ende des Jahrhunderts in den weiter westlich gelegenen Inselstaaten teilweise um bis zu einem Drittel sinken, während sie im Osten weiter ansteigen.

Zum Glück haben die Pazifischen Inselstaaten mit dem sogenannten Vessel Day Scheme (VDS) bereits einen Zuteilungsmechanismus entwickelt, der ihnen dabei hilft, die sich durch den Klimawandel verschärfenden Verteilungskonflikte auch künftig friedlich zu lösen. Das System begrenzt die Fangmenge und teilt gleichzeitig den beteiligten Staaten ihren Anteil am Thunfisch als frei handelbare Lizenzen zu. “Das System wurde ursprünglich entwickelt, damit alle Staaten gleichermaßen vom Thunfisch profitieren, dessen Schwärme seit jeher in den Gewässern hin und her ziehen”, erklärt Bell, “aber es ist auch eine gute Anpassungsmaßnahme an den Klimawandel.”

Die lokalen Fischer in Vanuatu gehören zu denjenigen, die hoffen dürfen, dass künftig mehr Thunfische den Weg in ihre Gewässer finden.

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