Vom Schreiben über Flucht - wie die ″Refugees Worldwide″ in Berlin ankommen | Bücher | DW | 15.09.2018
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Internationales Literaturfestival Berlin

Vom Schreiben über Flucht - wie die "Refugees Worldwide" in Berlin ankommen

Schriftsteller aus aller Herren Länder schreiben über ihre Erfahrungen im Umgang mit Geflüchteten - ein globales Projekt. Einblicke in "Refugees Worldwide" bot das 18. Internationale Literaturfestival (ilb) in Berlin.

Venezulaner fliehen nach Ecuador (AFP/Getty Images/C. Escobarmora)

Venezolanische Flüchtlinge in Kolumbien

Berlins Kultursenator Klaus Lederer spricht gern vom ilb als der "Berlinale der Literatur". Entsprechend international geht es im Haus der Berliner Festspiele und anderen Standorten des Festivals zu. Im Mittelpunkt der 18. Ausgabe, die wiederum auf die Verbindung von Literatur und Politik setzte: das Thema Flüchtlinge und die Frage, wie umgehen mit Menschen auf der Flucht?

Folgerichtig also, dass das Projekt "Refugees Worldwide" ("Geflüchtete Weltweit") in Berlin seine Fortsetzung fand. Ziel von Ulrich Schreiber, dem Leiter des Literaturfestivals war es, dieses Mal besonders weit über den Rand der deutschen Brille hinauszuschauen. Denn was hierzulande häufig vergessen wird: Weltweit sind laut UNHCR-Bericht vom Juni 2018 rund 68,5 Millionen Menschen auf der Flucht, so viele wie noch nie.

Literarische Reportagen über Geflüchtete

Schreiber lud deshalb Autoren und Schriftstellerinnen ein, die in literarischen Reportagen von den Erfahrungen Geflüchteter und von eigenen Flucht-Erlebnissen erzählen. Die Autoren kommen aus mehreren Weltregionen, ihre Essays und Reportagen sollen später in einem Band mit dem Titel "Refugees Worldwide II" zu lesen sein. Ein erster Reportageband erschien bereits 2017 im Berliner Wagenbach-Verlag. 

Internationales Literaturfestival Berlin (ilb/h. klappert)

Karen Connelly

Eine der Reporterinnen ist die kanadische Reiseschriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Karen Connelly (geb. 1969). Sie lebt mit ihrer Familie in Kanada und ist dort als Autorin, Dozentin und Therapeutin tätig. Sie hat elf zum Teil preisgekrönte Bücher veröffentlicht. Dafür reiste sie nach Thailand, Spanien und Frankreich, in den Mittleren Osten sowie nach Nordafrika und verbrachte längere Zeit in Myanmar. Ihre andere Wahlheimat ist die griechische Insel Lesbos, wo sie seit 1992 zeitweise lebt und Geld für die Organisation Starfish gesammelt hat, einen griechischen Notfalldienst für Geflüchtete. 

Karen Connelly über Neuankömmlingen und Unterstützer

"Ich bin in einem Land aufgewachsen, das viele Geflüchtete aufnimmt", sagt sie. "Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, wo das Thema für mich nicht gegenwärtig gewesen wäre."

Für das geplante Buch hat sie einen Essay über eine syrische Beduinen-Flüchtlingsfamilie in Kanada verfasst - "In Your Hands" ("In deinen Händen", Übers. d. Red.), der sich mit dem Engagement privater Helfer und dem medialen Gebrauch des Begriffs "Flüchtlinge" auseinandersetzt. Sie erklärt, auf welchen Erfahrungen ihr Essay beruht: "Ich bin Teil einer Unterstützergruppe, die Neuankömmlingen helfen will, ihren Flüchtlingsstatus loszuwerden, normale Bürger zu werden. Diese Gruppe tritt als Sponsor auf: Sie hilft Flüchtlingen mindestens ein Jahr lang mit Geld, anderen Mitteln und Beistand dabei, sich zu integrieren."

Es ist nicht leicht, die eigenen Vorurteile zu überwinden

Internationales Literaturfestival Berlin (ilb/h. klappert)

Melba Escobar

Wie lässt sich die Kluft zwischen Einheimischen und Zugewanderten überbrücken? Man dürfe nicht die eigenen Erwartungen auf die Ankömmlinge projizieren, sagt Conelly. Die Autorin erzählt in ihrem Essay von dieser Erfahrung: "Die Menschen haben andauernd Dinge gemacht, die ich für falsch hielt. Zum Beispiel hatte ich viel Mühe darauf verwandt, für eine Mutter Verhütungsmittel zu organisieren. Und was macht sie, kaum dass ich für ein paar Wochen außer Landes bin? Sie setzt sie ab und wird schwanger." Wie undankbar, und wie unsinnig - war Connellys Gefühl. "Doch dann begriff ich - es hatte nichts mit mir zu tun, wenn sie meinte, dass sie noch ein Kind haben müsste."

Melba Escobar über venezolanische Migranten

Melba Escobar de Nogales (geb. 1976) lebt und arbeitet in Bogotá, Kolumbien. Als Journalistin schreibt sie für die Tageszeitung "El País" in Cali. Ihr Kinderbuch "Das Glück ist ein Fisch" erschien in diesem Jahr auf Deutsch. In den letzten Monaten hat sie etwa 20 Interviews mit Geflüchteten an der Grenze zwischen Venezuela und Kolumbien geführt. "Die Situation der Flüchtlinge, die jetzt ankommen, ist verzweifelt", berichtet die Autorin. "Sie flüchten vor dem Verhungern." Die Situation sei bizarr für Kolumbien, das keinerlei Erfahrungen mit Zuwanderung habe: Bis vor sechs Jahren sei Venezuela noch das reichste Land Südamerikas gewesen. "Wir waren doch immer der arme Nachbar, aus dem die Menschen nach Venezuela flohen!" 

Charmaine Craig über das Geschenk der Neuankömmlinge

Internationales Literaturfestival Berlin (ilb/h. klappert)

Charmaine Craig

Die in Los Angeles lebende Literaturwissenschaftlerin und Autorin Charmaine Craig (geb. 1971) hat burmesische Wurzeln. Für ihr Buch "Miss Burma" (2017), das lange auf den US-amerikanischen Bestsellerlisten stand, ließ sie sich von den Lebensläufen ihrer burmesischen Vorfahren inspirieren, die mit der vom Bürgerkrieg geprägten Geschichte Myanmars verwoben sind.

In ihrem Beitrag für "Refugees Worldwide II" erzählt sie vom Schicksal zweier Mädchen, die von ihren Müttern als Kindersklaven nach Malaysia verkauft wurden. Acht Jahre später seien Tete und ihre Freundin schließlich in die USA gelangt. Craig sagte: "Bei unserem Diskurs über Flüchtlinge konzentrieren wir uns zu oft darauf, von den Problemen und den Anstrengungen zu berichten, die es bedeutet, Menschen bei sich aufzunehmen, viel zu wenig über den Segen. Was für eine außerordentliche Gelegenheit bekommen wir da geschenkt: mit diesen Menschen, ihren Geschichten, ihren Leben und ihrer Durchhaltekraft!"

Ibrahim Nasrallah über die Flucht-Erfahrung der Palästinenser

Ibrahim Nasrallah (geb. 1954) verbrachte seine Kindheit und Jugend im palästinensischen Flüchtlingslager Alwehdat in Jordanien. Er arbeitete 20 Jahre lang als Journalist, veröffentlichte vielfach ausgezeichnete Poesie und Prosa. Gleich sein erster Roman "Prairies of Fever" wurde 1985 vom Londoner "Guardian" zu einem der zehn wichtigsten Romane über die arabische Welt gewählt.

Internationales Literaturfestival Berlin Ibrahim Nasrallah (ILB/H. Klappert)

Ibrahim Nasrallah

Nasrallah hat seine Gedanken über Flucht und Exil niedergeschrieben und berichtet von eigenen Erfahrungen als palästinensischer Flüchtling. "Wir machen seit 70 Jahren Erfahrungen als Flüchtlinge. Und zwei Millionen von uns sind Gefangene in Gaza." In seinem Text geht es um Not und die Enge des Zusammenlebens. "So viele meiner Freunde sind vor Hunger oder an Krankheiten gestorben."

Die schmerzhafte Erfahrung der Flucht müsse man nicht selber gemacht haben, sagt Nasrallah, um darüber schreiben zu können: "Es gehört zur Kunst des Schreibens, dass man über den Tod schreiben kann, ohne selber gestorben zu sein."

Der erste Band "Refugees Worldwide", herausgegeben von Ulrich Schreiber und Luisa Donnerberg, erschien 2017. "Refugees Worldwide II" mit Reportagen von 16 Autor*innen erscheint 2019 ebenfalls im Wagenbach Verlag in deutscher Übersetzung. Die englische Übersetzung wird von Ragpicker Press veröffentlicht.

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