Vom Fußball vergessen: die Geringverdiener der Bundesliga | Sport | DW | 08.04.2020
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Coronavirus und die Bundesliga

Vom Fußball vergessen: die Geringverdiener der Bundesliga

Gehaltsverzicht der Profis zugunsten der Vereinsmitarbeiter - die Solidarität der Bundesligisten in der Corona-Krise scheint groß zu sein. Doch der Großteil der Beschäftigten rund um die Klubs geht trotzdem leer aus.

Bei aller Solidarität im deutschen Fußball wurde eines der schwächsten Kettenglieder des Sports übersehen: Menschen, die an den Spieltagen in Bereichen wie Sicherheit, Catering und Reinigung arbeiten, sind nicht bei den Vereinen selbst oder deren jeweiligen Tochtergesellschaften angestellt, sondern bei Drittfirmen. Bei mehr als 60 Prozent der insgesamt 56.081 Beschäftigten in den beiden Bundesligen ist das der Fall. Und durch die Corona-Krise und die dadurch zunächst verschobenen Bundesliga-Spieltage sind diese "indirekten Arbeitsplätze" nun stark gefährdet.

Sarah, die aus Angst um ihren Job ihren richtigen Namen nicht veröffentlichen möchte, arbeitet seit mehreren Monaten für ein Unternehmen, das an Spieltagen Dienstleistungen für einen Bundesliga-Verein erbringt. Als "das Geilste, was ich jemals gemacht habe" beschreibt Sarah ihre Arbeit: "Für mich gibt es einfach nichts Schöneres als Stadion-Atmosphäre", erzählt sie der DW.

Allerdings sagt sie auch: "Ich werde nach Stunden bezahlt. Wenn ich null Stunden arbeite, dann bekomme ich auch null Euro. Als bekannt wurde, dass in der Bundesliga nicht gespielt wird, war ich sehr verzweifelt." Denn dadurch versiegt ihre Haupteinnahmequelle. Dass sie nicht obdachlos wurde, hat sie nur ihren Freunden zu verdanken, bei denen sie unterkommen konnte.

Verantwortung nur für direkt Angestellte

Verena Speckin ist eine auf Arbeitsrecht spezialisierte Anwältin aus Rostock. Sie findet, dass auch diejenigen, die bei externen Dienstleistern beschäftigt sind, die gleichen Rechte haben sollten wie jeder andere auch. "Das deutsche Arbeitsrecht unterscheidet nicht, ob jemand 40 Stunden, 20 Stunden oder fünf Stunden arbeitet", erklärt Speckin der DW. Rechtlich gesehen, so die Anwältin, tragen die Fußballvereine jedoch nur Verantwortung gegenüber denjenigen, die auch einen Arbeitsvertrag mit ihnen haben. Die Klubs überlassen es daher den Beschäftigten der Dienstleister, sich mit ihren Arbeitgebern selbst auseinanderzusetzen.

Deutschland Fußball Bundesliga 2019 | Stadion Fortuna Düsseldorf (picture-alliance/Sven Simon/A. Waelischmiller)

Die meisten Stadion-Ordner - wie diese in Düsseldorf - sind bei Drittfirmen angestellt

Speckin macht zudem deutlich, dass selbst wenn diese Arbeitnehmer ihre Rechte kennen, sie oft zweimal darüber nachdenken, ob sie diese Rechte auch wahrnehmen wollen. "Wenn wir jetzt über die sprechen, die im Fußball arbeiten, könnte ich mir gut vorstellen, dass sie diese Arbeit deshalb machen, weil sie dann was von den Spielen mitkriegen, im Hintergrund gucken können, ganz nah an einen berühmten Spieler oder eine berühmte Spielerin zu kommen. Das wollen sie nicht verlieren."

Vereine bieten kaum Unterstützung

Im Gespräch mit der DW sagt ein Sprecher der Deutschen Fußball Liga (DFL), man könne zu Verträgen von Vereinen und Drittfirmen nicht Stellung nehmen. Aber einige der Beschäftigten von Drittfirmen könnten dann wieder arbeiten, wenn es künftig mit "Geisterspielen" weitergehen sollte. DFL-Chef Christian Seifert hatte vor kurzem angekündigt, dass der Spielbetrieb der beiden obersten deutschen Ligen bis mindestens Ende April ruht. Offenbar sucht der Ligaverband nun nach Möglichkeiten, die unterbrochene Saison im Mai unter Ausschluss der Öffentlichkeit wieder aufzunehmen.

Von den 18 von der DW befragten Bundesliga-Vereinen antworteten nur acht auf die Frage, ob und in welcher Form sie an Spieltagen von Dritten unterstützt werden. Borussia Dortmund verwies auf die verschiedenen sozialen Initiativen des Vereins. Werder Bremen und Union Berlin erklärten, ihre Hauptverantwortung liegt in den Interessen der eigenen Mitarbeiter. RB Leipzig teilte mit, "sein Bestes zu tun", um sicherzustellen, dass "keine Arbeitsplätze verloren gehen", aber auch nach Möglichkeiten zur Kostensenkung zu suchen.

Fortuna Düsseldorf antwortete, in ständigem Kontakt mit seinen Partnern zu stehen, fügte aber hinzu, dass man "nicht jedem" helfen könne. Der 1. FC Köln bietet sowohl Vollzeit- als auch Teilzeitbeschäftigten die Möglichkeit, an den sozialen Aktivitäten des Vereins teilzunehmen. Auf die Frage, ob man plane, auch nicht direkt beim Verein angestelltes Spieltags-Personal zu unterstützen, antwortete der Verein jedoch nicht.

Deutschland Fußball | Borussia Dortmund, Stadion Signal Iduna Park (picture-alliance/dpa/B. Thissen)

Verantwortungsvoller Job: Stadion-Ordner in Mönchengladbach durchsuchen Fans am Eingang

Der FC Schalke 04 erklärte, dass man sich nicht zu internen Angelegenheiten äußern wolle. Der einzige Klub, der angab, Pläne zur Unterstützung von "dritten Klubpartnern" zu haben ist die TSG Hoffenheim. Auf die Frage, wie der Klub sicherstellen wolle, dass das Geld auch tatsächlich an die Angestellten selbst gehe lehnte Hoffenheim eine Stellungnahme ab und verwies an die Dienstleister. Das Catering-Unternehmen Aramak, das in vielen Bundesliga-Stadien Dienstleistungen anbietet, verweigerte eine Stellungnahme auf die Frage, ob es Pläne zur Unterstützung seiner von der Situation betroffenen Mitarbeiter habe.

"Ohne uns wäre ein Fußballspiel nicht möglich"

Kurzum, kein Bundesliga-Verein konnte versichern, dass seine Spieltags-Mitarbeiter weiterhin eine finanzielle Vergütung erhalten. Trotz alledem erklärt Sarah, sie werde auf ihren Posten zurückkehren, sobald die Situation die Wiederaufnahme der Bundesliga-Saison erlaubt.

"Ich glaube, niemand denkt über die Rolle nach, die Menschen wie wir spielen, um Bundesliga-Spieltage zu dem zu machen, was sie sind", sagt Sarah. "Jeder von uns, der im Stadion arbeitet, hält den Betrieb am Laufen - von den Ordnern bis zur Putzfrau. Nicht nur Spieler, Trainer oder Vorstandsmitglieder. Es wird vergessen: Ohne uns wäre ein Fußballspiel einfach nicht möglich."

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