Vom Flüchtling zum Obdachlosen | Europa | DW | 27.10.2013
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Europa

Vom Flüchtling zum Obdachlosen

Sie fliehen vor Krieg, Gewalt und Armut: Noch immer stellen Afghanen die größte Flüchtlingsgruppe in der EU. Doch oft landen sie anstatt in einem besseren Leben auf der Straße. Zum Beispiel in Brüssel.

Wahidi und Ramin im besetzten Haus in Brüssel (Foto: Markus Böhnisch)

Provisorische Unterkunft: Die afghanischen Flüchtlinge Wahidi und Ramin im besetzten Haus in Brüssel

Etwa 300 Meter vom Europäischen Parlament entfernt haben rund 80 Afghanen ein unscheinbares, etwas heruntergekommenes Gebäude besetzt. Unter ihnen auch Frauen und Kinder. "Wenn wir das Haus nicht besetzt hätten, wäre uns nur der Bahnhof geblieben", erklärt der 22-jährige Wahidi.

"In Brüssel leben etwa 400 Afghanen, die meisten von ihnen sind Familien, ohne legalen Status, ohne Unterkunft und ohne Arbeit auf der Straße", sagt Jessica Blommaert, Expertin für Asylfragen der belgischen Nichtregierungsorganisation CIRÉ. Die Dunkelziffer schätzt Blommaert noch weitaus höher.

Auch Wahidis Asylantrag wurde mehrfach abgelehnt. Etwa 40 Prozent der afghanischen Asylbewerber ginge es genauso, von ihnen würden rund 15 bis 20 pro Jahr abgeschoben, erklärt die Aktivistin Blommaert.

Afghanistan - ein sicheres Land?

Auch Wahidi soll Belgien verlassen - allerdings freiwillig. Da den Behörden die Gefahren in Afghanistan bekannt sind, stellen sie die Abgelehnten vor eine brutale Wahl: ein Leben auf der Straße oder die freiwillige Rückkehr in die alte Heimat. Doch Wahidi hat Angst vor einer Rückkehr. Er glaubt, dass in Afghanistan sein Leben in Gefahr wäre.

Offiziell werden manche Regionen Afghanistans von Belgien als ungefährlich eingestuft. Doch die Vereinten Nationen berichten immer wieder von der prekären Lage der zurückgekehrten Flüchtlinge. So nahm die Zahl der zivilen Opfer über Jahre zu. Erst 2012 gab es nach Angaben der UN-Mission in Afghanistan (Unama) einen Rückgang auf etwa 2700 Tote und 7500 Verletzte. Doch Blommaert rechnet mit einem erneuten Ausbruch der Gewalt durch den Abzug der internationalen Truppen aus dem Land.

Auch Wahidi ist überzeugt von der Gefahr in seiner alten Heimat. Er und Blommaert erzählen von einem Rückkehrer, den die Lebensbedingungen als abgelehnter Asylbewerber in Belgien zur so genannten freiwilligen Ausreise bewegt hätten. Geht man diesen Schritt, hat man bis zur Abschiebung ein Dach über dem Kopf. Das sei für viele der Beweggrund, erklärt Blommaert. Ein halbes Jahr nach der Ankunft in Afghanistan sei der Mann von Taliban ermordet worden: "Er ist nach sechs Jahren auf der Straße in Brüssel zurückgekehrt und jetzt ist er tot".

Die Flucht hat bei Wahidi Spuren hinterlassen (Foto: Markus Böhnisch)

"Ich lebe - aber ich habe nichts": Der Afghane Wahidi

Spuren der Flucht

Wahidi steht in einem Vorraum des besetzten Gebäudes. Hier stapeln sich Müllcontainer, über einer Tür hängt eine Jeanshose, an den Wänden Plakate in paschtunischer Schrift. Auf den ersten Blick ist Wahidi ein ganz normaler kräftiger junger Mann mit modernem Kurzhaarschnitt und westlicher Kleidung. Doch die Flucht in ein vermeintlich besseres Leben hat Spuren hinterlassen.

"Ich habe die Zeit aus den Augen verloren. Jeder Tag bedeutet so viel Stress und neue Probleme." Wahidi ist seit mindestens fünf Jahren unterwegs. Im Gepäck der Traum von einem besseren Leben: "Ich wollte nach Europa kommen, hier zur Schule gehen, arbeiten und dann meiner Familie und jenen helfen, denen es in meinem Land schlecht geht", erklärt er. Sein Blick weicht aus. Er schaut aus dem Fenster und seine Augen füllen sich mit Tränen. "Dann bin ich in Europa angekommen und habe gemerkt, dass ich nichts tun kann."

Sein ganzes Vermögen hat er in die Flucht gesteckt. Allein 5000 Dollar für die Strecke von Griechenland nach Italien. "Für ein Flugticket zahlen wir etwa 100 Euro. Afghanen zahlen so viel mehr, reisen dabei illegal und häufig unter Lebensgefahr. Das ist absurd", erklärt Nicolas Robert, ein Sozialarbeiter aus Brüssel. Die meisten Afghanen investierten in die Flucht von ihrer alten Heimat nach Europa 15.000 bis 20.000 Dollar. "Das ist ein Vermögen für diese Leute", sagt Robert.

Der Tod im Leben

Wahidi scheint seine Flucht mittlerweile zu bereuen - und das, obwohl er in seiner alten Heimat den Tod erwartet. "Ich habe mein ganzes Geld gegeben, meine Familie hat Geld gegeben, aber wofür? Hier lebe ich zwar, aber ich habe nichts. Das ist wie der Tod." Viele Afghanen, erklärt Wahidi, teilen seine Gefühle. "Sie kommen hier gesund an, wollen lernen. Doch die Ungewissheit macht sie verrückt. Sie werden negativ, reden mit niemandem mehr und haben Angst".

Inzwischen ist Ramin aufgetaucht. Der junge Afghane hat sich verspätet und kommt gerade aus der Schule. Der 18-Jährige ist Rapper, macht gerne Fotos und hilft den Leuten hier. Er spricht unter anderem Flämisch, Französisch und Englisch. Er hatte bisher ein gutes Leben in Belgien. "So lange die Verfahren noch laufen, werden den Flüchtlingen Unterkunft, Verpflegung und Bildung gestellt", erklärt der Sozialarbeiter Robert.

Ramin wohnt deshalb noch mit seiner Mutter und seinem Bruder in einer Sozialwohnung. Er könnte ein belgischer Jugendlicher sein, wenn er nicht erzählen würde, dass er mit acht Jahren erwachsen werden musste. Damals lebte er noch in Afghanistan und wusste nichts von einem Land namens Belgien.

Ramin hat Wünsche, aber keine Träume (Foto: Markus Böhnisch)

Ramin hat Wünsche, aber keine Träume.

In seiner alten Heimat war sein Vater Schneider - auch für Frauenkleider. Das ging unter den Taliban nicht. Sie verbieten dem Vater sein Handwerk. Ihrer Existenz beraubt, flieht die Familie. Zunächst nach Pakistan. Dort stirbt der Vater. Dann weiter: "Wir waren meist nachts unterwegs. Wo wir waren, hat uns keiner gesagt". Irgendwann ging es mit dem Boot Richtung europäischer Küste. "Ein kleines Boot, zwei Meter lang, aus Plastik für 15 Menschen", erzählt er. "Ich kann noch immer nur schwer davon erzählen. Das war die schlimmste Nacht meines Lebens. Wir dachten wir sterben." Doch sie überleben.

Heute trägt Ramin eine moderne Frisur und sportliche Kleidung. Seine Lieder machen auf das menschenunwürdige Leben der abgelehnten Afghanen in Belgien aufmerksam. Er trete im ganzen Land auf, wie er erzählt. Bei seinen Auftritten singt er auch über die Gefahren, die ihm und anderen durch die Taliban in Afghanistan drohen. Auch er glaubt, dass er in seiner alten Heimat in Lebensgefahr wäre.

Kein Raum für Träume

Wahidis Hoffnung auf ein Dach über dem Kopf währte nur kurz. Nur kurz nach unserem Besuch räumte die belgische Polizei das besetze Haus. Mitten in der Nacht wurden sie von den Beamten vor die Tür gesetzt.

Auch Ramins belgisches Leben ist ins Wanken geraten. Vor kurzem wurde der Asylantrag seiner Mutter und seines Bruders zum zweiten Mal abgelehnt. Den Behörden reichen die Fluchtgründe der Afghanen nicht aus. Jetzt droht auch ihnen der Verlust ihrer Unterkunft.

Ramin selbst ist nun volljährig und muss seine eigenen Anträge einreichen. Träume erlaubt er sich nicht. "Die werden sowieso nicht wahr. Ich erlaube mir nur Wünsche und ich wünsche mir, nicht wieder von vorne beginnen zu müssen. In Belgien habe ich mir etwas aufgebaut." Sollten seine Anträge abgelehnt werden, steht auch Ramin bald vor der unmöglichen Wahl - zwischen einem Leben auf Brüssels Straßen und der Rückkehr in jenes Land, welches er unter Einsatz seines Lebens vor Jahren hinter sich gelassen hat.

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